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Computerchaos

Warum die Corona-Inzidenz in Marzahn-Hellersdorf bei null liegt

Tagelang konnte der Ost-Berliner Bezirk keine Daten an das RKI melden. Die Panne zeigt, wie es um die Digitalisierung der Berliner Verwaltung bestellt ist.

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Wie viele Menschen sich in Marzahn-Hellersdorf neu an Corona infiziert haben, ist bislang unklar.

Wie viele Menschen sich in Marzahn-Hellersdorf neu an Corona infiziert haben, ist bislang unklar.

© dpa-Zentralbild

In Marzahn-Hellersdorf gab es seit einer Woche keine neuen Corona-Fälle. Zumindest auf dem Fax-Papier. Denn seit dem 10. Januar konnte das Gesundheitsamt des Bezirks keine Zahlen an das Robert-Koch-Institut melden. Der Grund dafür sind Computerprobleme. Wegen der stark steigenden Fallzahlen war der Speicher der Datenbank plötzlich voll. Seit Montagnachmittag ist das Problem offenbar gelöst.

Die 7-Tage-Inzidenz in Berlin lag nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) am Montag bei 965,3. Das sind 397.139 elektronisch übermittelte Coronafälle – 220 mehr als am Vortag. Nicht mitgerechnet sind die Fälle aus Marzahn-Hellersdorf, wo wegen der Computerpanne seit einigen Tagen die Inzidenz bei „null“ lag.

Bis Montagnachmittag sollte das Problem gelöst sein

Wie konnte es zu der Panne kommen? Am Anfang der Pandemie sei die Datenbank für meldepflichtige Krankheiten mehr als reichlich bemessen erschienen, sagt ein IT-Experte. Mit der Fülle der Daten über Corona-Patienten habe man am Anfang nicht gerechnet. Deshalb habe die Datenbank jetzt umziehen müssen, auf eine andere Software. Nachdem dies Ende der vergangenen Woche erfolgt war, schien es zunächst, als sei alles wieder betriebsbereit.

Doch über das Wochenende habe es immer wieder Fehlermeldungen gegeben und die Gefahr, dass die Integrität der Datenbank gefährdet sei. „Die Software hat sich nicht mit dem Abfragemodul des RKI verstanden.“ Am Montag kamen im Bezirksamt deshalb erneut die Experten zusammen in der Hoffnung, das Problem bis zum Nachmittag zu lösen. „Diese im Zuständigkeitsbereich des RKI liegenden Aufgaben konnten in intensiver Zusammenarbeit im Laufe des Wochenendes gelöst werden“, teilte ein Sprecher des Bezirksamtes am späten Montagnachmittag mit. „Mit Stand vom Montag, 13 Uhr, läuft die neue Datenbank und auch die Übertragung der Daten über die Schnittstellen an das RKI wieder wie vorgesehen.“ 

Für die Erfassung der inzwischen aufgelaufenen Fälle werde das Team des Gesundheitsamtes sorgen. Daher sei für die kommenden Tage nach einer Meldung von „0 Fällen“ mit einer kurzfristigen deutlichen Erhöhung der gemeldeten Inzidenzen über das aktuelle Maß hinaus auszugehen.

Jeder Bezirk macht es anders

Wegen der strengen Sicherheitsvorschriften – an Mails dürfen zum Beispiel keine Fotos angehängt werden – nutzen alle zwölf Berliner Bezirke die Infrastruktur des landeseigenen IT-Dienstleistungszentrums Berlin (ITDZ). Die Software für ihre Dienstleistungen kaufen sie aber selbst. Und so benutzen alle Bezirke unterschiedliche Systeme. Für ihre Computer haben die Bezirke in ihren Haushalten entsprechende Budgets vom Land Berlin zugewiesen bekommen und entscheiden selbst, für was sie das Geld ausgeben.

So sind manche Bezirke in bestimmten Bereichen bei der Digitalisierung besser ausgerüstet als andere. In Reinickendorf beispielsweise ist ein Ausfall wie in Marzahn-Hellersdorf nicht denkbar, wenn man den Worten von Amtsarzt Patrick Larscheid folgt. „Wir wussten, dass es schlimm wird und haben einfach mehr Speicher gekauft“, sagt er. Das hat uns einen fünfstelligen Betrag gekostet. Ich halte unsere Art zu arbeiten für ausfallsicher.“ In Marzahn-Hellersdorf wiederum befand man die Datenbank zunächst für ausreichend.

„Das System ist ausgereizt“, sagt der Neuköllner Amtsarzt Nikolai Savaskan, der darauf verweist, dass alle abhängig vom ITDZ seien. „Die Serverkapazitäten in Neukölln sind begrenzt und nicht skalierbar. „Unsere Neuköllner IT ist dran. Aber es ist eng.“ Sein Gesundheitsamt hat 35.000 Datensätze allein zu den Corona-Infizierten gespeichert. Jeder der Infizierten hatte durchschnittlich zehn Kontakte, weshalb die Datenbank mit rund 350.000 Datensätzen gefüllt ist „Die Infrastruktur ist ein Problem“, sagt Savaskan. Und weil das System von der Kapazität her ausgereizt ist, kann auch die Zahl der Zugänge für Mitarbeiter nicht erhöht werden. Homeoffice und mobiles Arbeiten sei daher nicht möglich, sagt der Amtsarzt.

Hoffnung auf eine gemeinsame Software - bis 2025

Zu den Problemen in Marzahn-Hellersdorf war von der zuständigen Senatsverwaltung für Inneres, Digitalisierung und Sport bislang keine Stellungnahme zu erhalten. Allerdings macht diese Panne deutlich, wie es insgesamt um die Digitalisierung der Berliner Verwaltung bestellt ist. In den Ämtern gehören Fax-Geräte zum Standard, weil ein Telefax als rechtssicher gilt. Noch immer können viele Dienstleistungen wie die Anmeldung einer Wohnung nur in den – meist ausgebuchten – Bürgerämtern direkt erfolgen. Und simple Vorgänge wie die Verlängerung einer Grabstelle auf einem Friedhof bedürfen noch immer des Briefwechsels mit Kuvert und Briefmarke.

Immer wieder kam es in der Vergangenheit zu Problemen mit den landeseigenen Computern. So war von Herbst 2019 bis Frühjahr 2020 das Computersystem des Kammergerichts außer Betrieb, weil dort ein Trojaner entdeckt wurde, der Daten abgreifen konnte. Monate danach sorgte ein Sicherheitsupdate dafür, dass regelmäßig die Rechner in den Amtsgerichten, dem Landgericht und dem Kammergericht abstürzten.

Große Hoffnung setzt man nun in den Behörden auf den „Pakt für den öffentlichen Gesundheitsdienst“, für den der Bund bis 2026 vier Milliarden Euro zur Verfügung gestellt hat. Angesichts der Corona-Pandemie wollen Bund und Länder bis 2025 die Digitalisierung der Gesundheitsämter vorantreiben und eine geeinte Software-Architektur schaffen.

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