Gesundheit

Warum in Erfurt heute 15.000 Socken an eben so viele Menschenleben erinnern

Patienten mit ME/CFS sind schwerst erschöpft, können am täglichen Leben nicht mehr teilhaben. Eine Kunstaktion soll sie aus der Unsichtbarkeit holen.

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15 000 Socken wurden heute auf dem Erfurter Fischmarkt aufgehangen. Jede steht für einen ME-Erkrankten in Thüringen (Symbolbild).

15 000 Socken wurden heute auf dem Erfurter Fischmarkt aufgehangen. Jede steht für einen ME-Erkrankten in Thüringen (Symbolbild).

© IMAGO/imageBROKER/Stephan Schulz

Der erste Gedanke, der einem kommt, wenn man heute über den Erfurter Fischmarkt schlendert: Großwaschtag? Oder rote Socken im Rathaus?

Die Kunstaktion der Initiative „LiegendDemo“ (LD) Thüringen hat keinen direkten politischen Hintergrund. Sie fordert die Politik aber indirekt auf, mehr Mittel zur Erforschung der seltenen Myalgischen Enzephalomyelitis (ME), auch Chronisches Fatigue Syndrom (CFS) genannt, zur Verfügung zu stellen.

Dafür sammelte die Thüringer Initiative  über Monate insgesamt 15.000 Socken in blauen Tonnen. Es kamen sogar Pakete aus Finnland und Kanada.

Jede einzelne Socke steht für einen Menschen. Für ein Leben, das gerade nicht stattfindet. Denn schwer kranke ME-Betroffene müssen oft zu Hause, in abgedunkelten Zimmern liegen, verschwinden aus dem Arbeits- und Schulalltag. Um genau an diese Fälle zu erinnern, baute LD Thüringen die Kunstinstallation zum heutigen Tag auf.

Das Datum ist kein Zufall. Der 8. August gilt als Very Severe ME Day – ein Gedenktag für besonders schwer Betroffene.

Jede Socke symbolisiert eine erkrankte Person im Freistaat. Jemanden, der wegen ME derzeit nicht lernen, nicht arbeiten, nicht am öffentlichen Leben teilnehmen kann.

Eine Frau protestiert in Erfurt mit einem Schild, das auf die Not der Betroffenen aufmerksam macht.

Eine Frau protestiert in Erfurt mit einem Schild, das auf die Not der Betroffenen aufmerksam macht.

© Pia Bayer/dpa

Was ist ME?

ME steht für Myalgische Enzephalomyelitis. Es ist eine schwere, chronische, neuro-immunologische Multisystemerkrankung. Sie führt häufig zu einem hohen Grad der Behinderung und ist bislang nicht heilbar. Es können derzeit nur Symptome gelindert werden.

Das Tückische: Man sieht die Krankheit nicht, sie drückt sich in extremen Ermüdungserscheinungen bei den Betroffenen aus. Diese ziehen sich oft zurück und verschwinden aus dem Blickfeld der Gesellschaft.

Die Lebensqualität von ME/CFS-Erkrankten ist im Durchschnitt niedriger als die von Multiple-Sklerose-, Schlaganfall- oder Lungenkrebspatienten, schreibt die deutsche Gesellschaft ME/CFS auf ihrer Webseite.

Ein Viertel aller Patienten kann das Haus nicht mehr verlassen, viele sind bettlägerig und auf Pflege angewiesen. Schätzungsweise über 60 Prozent sind arbeitsunfähig.

Weltweit sind vermutlich weit mehr als 40 Millionen Menschen betroffen. In Deutschland sind aktuellen Schätzungen zufolge ca. 650.000 Menschen an ME/CFS erkrankt.

Damit ist ME/CFS relativ weit verbreitet. Die WHO stuft das Leiden seit 1969 als neurologische Erkrankung ein. Versorgung, Wissen und Aufmerksamkeit fehlen dennoch bis heute. Genau diese Lücke will die Aktion schließen.

Erfurt sucht Nachfolger

Die Kunstaktion ist bis heute Abend, 18 Uhr, auf dem Erfurter Fischmarkt zu sehen. Doch die Initiative denkt größer. Am 8. August 2027 soll die nächste Socken-Aktion in einer anderen Stadt an die Betroffenen erinnern.

Die Idee: Die Aktion soll weiterwandern – von Stadt zu Stadt, von Landkreis zu Landkreis, von Bundesland zu Bundesland. Deutschlandweit auf die Krankheit aufmerksam machen – das ist das Ziel.

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