Es gibt eine Theorie, an die fast alle seriösen Literaturkritiker glauben: Der Inhalt kommt nur zur Geltung, wenn die Form zu ihm paßt. Oder, gewendet und verschärft: Die Form erzeugt überhaupt erst den Inhalt; was vorher herumliegt, ist nur Stoff. Die Beweise dafür füllen Bibliotheken. Manchmal aber schafft die Kunst Ausnahmen. Dann steht in fein gebauten, sprachsicheren Romanen nichts Rechtes drin; andere wirken stellenweise, als hätte sie kein Schriftsteller geschrieben und sind wunderbar. Petra Morsbachs "Opernroman" gehört in die zweite Gruppe. Zunächst einmal hat die Autorin ein Thema, das viel mehr Leute interessiert, als sich damit auskennen: Sie beschreibt ein Opernhaus, und zwar nicht nur als Kunstort, sondern auch als sozialen Kosmos. Bei Morsbach, die zehn Jahre lang als Regisseurin und Dramaturgin an Theatern gearbeitet hat, kommen alle vor: vom Kulissenschieber bis zum Intendanten, von der werdenden Primadonna bis zur Kantinenwirtin. Schlaglichter auf Schauspiel und Ballett ergänzen das Bild, denn "Neustadt", von den Arbeitsstationen der Autorin wohl Freiburg im Breisgau am ähnlichsten, hält sich ein Dreispartenhaus.Von Hauptfiguren bevölkertDas Buch bezaubert durch Fülle. Haushälterische Schriftsteller hätten daraus zehn Romane gemacht. Wie Morsbachs Erstling "Plötzlich ist es Abend" (1995) versammelt auch das Zweitwerk sehr viele Personen, aber keine Nebenfigur; sondern nur Hauptfiguren, die mehr, und Hauptfiguren, die weniger auftreten. Auch wer bloß durch ein paar Absätze huschen darf, ist wichtig und bleibt im Gedächtnis. Zu den dauerhaft Präsenten zählen die Regieassistentin Babs mit ihren klugen Analysen der Macht- und Gruppendynamik; der Korrepetitor Jan, viel musikalischer als der leitende Dirigent, aber zum Aufstieg nicht intrigant genug; der Geiger Laurent, der sich aus strenger Musikliebe das Leben abtrainiert; und die damenhafte Geigerin Astrid, sechs Jahre älter als Laurent, die, anfangs sehr zu dessen Unmut, in seinen eindeutigen Träumen erscheint. Berufsmusiker, zeigt Morsbach, sind eigentlich ganz normale Menschen. Die Kunst und ihre Institutionen üben aber Druck aus auf das, was sonst als richtig gilt. "Opernroman" handelt mehr als die Beschreibungen anderer Berufsleben von Erschütterung und Enthusiasmus; zur Oper wollen Leute, die an ihren guten Tagen von drei Takten zum Weinen gebracht werden. Dafür verzichten sie auf Sicherheit und Rechte. Die Intrigen sind härter, die Folgen schlimmer als in gewöhnlichen kapitalistischen Betrieben. Viele gute Sänger bleiben arm und einsam. Dem Besonderen der Kunst und dem Unfesten des Künstlerlebens entspricht der Aufbau des Romans. Die Handlung schreitet entlang an fünf aufeinanderfolgenden Inszenierungen fort: Tristan und Isolde ("Augenblicke"), Figaros Hochzeit ("Die Arbeit"), Fidelio ("Die Liebe"), Die Fledermaus ("Alltag"), Deutsches Requiem ("Abschiede"). Innerhalb dieser Großstruktur verfolgt Morsbach eine Episodentechnik, so daß jeder längere Handlungsfaden immer wieder unterbrochen wird. Ausgedehnte und kurze, kommentierende und dramatische, lustige und traurige, kunst- und sozialthematische Unterkapitel wechseln einander sehr effektvoll ab.Frisch und lebendigNicht klar konturiert ist allerdings die Figur des Erzählers. Er ist allwissend, kann alle Personen von innen sehen und mischt sich mit handlungsunterbrechenden Betrachtungen ein. Und dann, zwischendurch, weiß er plötzlich gar nichts mehr, sagt "irgendwie" und "wahrscheinlich" und "Vielleicht sollte noch berichtet werden, wie Jans Köln-Abenteuer zu Ende ging". Was ein Erzähler explizit mitzuteilen vermag und was nicht, dahinter müßte doch System sein. Bei Morsbach fehlt es daran. Auch im Detail ist die Sprache frisch und lebendig, aber nicht ganz durchgeschliffen: Ein paar modische Unwörter haben sich eingeschlichen ("erstellen", "realisieren", "umsetzen"), und "bedenklich" ist mehrfach falsch gebraucht, die Autorin meint "nachdenklich" oder "skeptisch".Dennoch entzückt der Roman. Das mag mit Wahrhaftigkeit zu tun haben. Der "Opernroman" liest sich, als habe ein sensibler Mensch an Theatern viel erlebt und wolle nun, mit erfundenen oder nicht erfundenen Personen, darüber erfundene oder nicht erfundene Geschichten erzählen. Er hat das so getan, daß ihn die Hörer verstehen, daß sie gespannt und gerührt sind bis zum Schluß. Auf Tricks darüber hinaus hat er verzichtet. Petra Morsbach: Opernroman. Eichborn Verlag, "Die Andere Bibliothek", Frankfurt/M. 1998. 351 S., 49,50 Mark.
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