Baudenkmal

Warum sechs Pferde über Magdeburg wachen – und fast verloren gingen

Seit Donnerstag ist das Pferdetor in Magdeburg wieder vollständig und fertig saniert. Dass man dieses Werk von überregionaler Bedeutung abreißen wollte, ist unfassbar.

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Das Pferdetor in Magdeburg ist das bedeutendste bauplastische Kunstwerk der Stadt.

Das Pferdetor in Magdeburg ist das bedeutendste bauplastische Kunstwerk der Stadt.

© Sascha Steinach/imago

Das Pferdetor im Rotehornpark gehört zu den markantesten Bauwerken Magdeburgs. Mit seinen sechs etwa zehn Meter hohen Pylonen, jeweils bekrönt von der Terrakottaplastik eines springenden Pferdes, bildet es den repräsentativen Eingang zum historischen Stadthallenensemble. Und doch wäre dieses Kunstwerk von überregionaler Bedeutung, das bedeutendste bauplastische Werk der Stadt, fast verloren gewesen.

Im Jahr 2024 wurde bekannt, dass der Eigenbetrieb Kommunales Gebäudemanagement der Stadt Magdeburg, dem das Tor gehört, den Abriss der stark beschädigten Anlage beabsichtigt. Wasser war eingedrungen, die Sockel waren nicht mehr standsicher, einer neigte sich bereits. Es gab einen Aufschrei in der Szene der Denkmalschützer, die Kommunalpolitik konnte den Abriss verhindern und eine Sanierung in Gang setzen. Die erste Pferdeskulptur wurde bereits 2024 vom Sockel gehoben, bald folgten die übrigen. Seit Donnerstag sind die Pferde zurück, die Sanierung ist so gut wie abgeschlossen. Die letzten Gerüste sollen im September verschwinden. Mehr als rechtzeitig, denn das 100. Jubiläum der Theaterausstellung ist erst im nächsten Jahr.

Die Stadthalle Magdeburg, links der Albin-Müller-Turm, davor das Pferdetor – als Parkplatzbegrenzung.

Die Stadthalle Magdeburg, links der Albin-Müller-Turm, davor das Pferdetor – als Parkplatzbegrenzung.

© Stephan Schulz/imago

Denn die Toranlage, errichtet in den 1920er-Jahren aus Oldenburger Eisenklinker und glasiertem Terrakotta nach einem Entwurf des Architekten Albin Müller, war Teil der von ihm projektierten Gesamtanlage für die Deutsche Theater-Ausstellung 1927. Von dieser  Leistungsschau erhoffte man sich internationale Anerkennung als Kultur- und Ausstellungsstadt. Und wirklich zog Magdeburg damals als Stadt der Moderne internationale Aufmerksamkeit auf sich. Ein Ruf, den es zurückzuerobern gilt. Doch sieht man deutlich: Das Verständnis für die Anlage insgesamt fehlt noch, sonst würde das Pferdetor nicht auf einen Parkplatz blicken.

Albin Müller, der sich ab 1917 den Künstlernamen Albinmüller gab, wurde 1871 in Dittersbach im Erzgebirge geboren. Er absolvierte eine Tischlerlehre in der Werkstatt seines Vaters, studierte später an der Kunstgewerbeschule Mainz und der Kunstakademie Dresden. 1900 wurde er Lehrer an der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Magdeburg.

Der Erschaffer des Pferdetors stammte aus dem Erzgebirge

Mit ihm zog ein neuer Geist ein. Ursprünglich im Jugendstil verwurzelt, entwickelte er sich hin zu einer sachlichen Moderne. Seine Möbel waren meisterhaft handwerklich verarbeitet und verbinden Form und Funktion. Hier ist der Einfluss des Bauhauses zu spüren.  1905 schuf er das später zerstörte Trauzimmer im Magdeburger Standesamt und das Stilzimmer der Neuzeit im 1906 eröffneten Kaiser-Friedrich-Museum.

Müller feierte mit seinen Möbelentwürfen internationale Erfolge. So erhielt er auf der Weltausstellung in St. Louis 1904 für den Entwurf eines Herrenarbeitszimmers, das sogenannte Magdeburger Zimmer, den Grand Prix. 1906 wurde er an die Darmstädter Künstlerkolonie berufen, wo er nach Joseph Maria Olbrichs Tod 1908 zum führenden Architekten aufstieg.

Das Pferdetor im Rotehornpark in seiner Gesamtheit

Das Pferdetor im Rotehornpark in seiner Gesamtheit

© imago stock&people

Albin Müller muss sein Magdeburger Tor unheimlich wichtig gewesen sein. Das kann man schon daran ablesen, dass er die Mittel selbst einwarb. „Die Klinkerziegel für die Pfeiler bekam ich von der Ziegelfabrik geschenkt“, schreibt er in seinen Lebenserinnerungen, „die Aufmauerung derselben besorgte unentgeltlich die Baufirma Gorgas und die Pferdeplastiken lieferte die Kieler Keramische Fabrik als Reklamestücke unentgeltlich. Zweimal – an Sonntagen – war ich in Kiel, um an dem naturgroßen Modell der Pferde, das nach meinem kleinen Modell hergestellt wurde, maßgebend mitzuwirken.“

Warum Pferde? Die Antwort auf diese Frage führt zum einen nach Darmstadt: Das Pferdetor ist eine Weiterentwicklung des für die Darmstädter Mathildenhöhe geplanten Löwentores, das auf das Hauptportal der 4. Ausstellung der Darmstädter Künstlerkolonie 1914 zurückgeht. Dort waren es Löwen gewesen – das Wappentier des Großherzogtums Hessen. Als Albin Müller ein Tor in Magdeburg errichten sollte, griff er auf das Sachsenross zurück.

Das springende Pferd ist ein Identitätssymbol für Magdeburg

Dieses heraldische Symbol hatte Magdeburg zuletzt als Teil des Königreichs Westfalen unter Jérôme Bonaparte in der Fahne getragen. Das springende Pferd ist also weit mehr als Dekoration – es ist ein Identitätssymbol, eher ein volkstümliches, regionales Symbol als ein dynastisches Herrschaftszeichen. Mit dem Pferdetor schuf Albin Müller für Magdeburg ein Denkmal seiner eigenen Geschichte.

Die Kosten für die denkmalgerechte Restaurierung des Baudenkmals betragen rund 1,5 Millionen Euro. Darunter sind Städtebaufördermittel, Denkmalfördermittel des Landesverwaltungsamtes Sachsen-Anhalt und Fördermittel der Deutschen Stiftung Denkmalschutz für die Sanierung der Pferdeskulpturen. Die Stadt Magdeburg brachte 670.000 Euro Eigenmittel auf.

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