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„Demokratiefeinde“ zu isolieren, ist demokratiefeindlich – oder: Was der Detox-Wahn mit Politik zu tun hat

Unsere Autorin hat einen bemerkenswerten Zusammenhang zwischen persönlichen Praktiken der Selbstfürsorge und kollektiven Mustern politischer Abschottung ausgemacht.

Ariana Zustra
9 Min
Ob Fitness, Beauty oder Longevity: Der Selfcare-Trend ist in unserer Gesellschaft omnipräsent.

Ob Fitness, Beauty oder Longevity: Der Selfcare-Trend ist in unserer Gesellschaft omnipräsent.

© Getty Images/unsplash

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Heutzutage hält man die Haut, den Darm, den Schlaf, die Wohnung, den Instagram-Feed frei von schädlichen Einflüssen. Der Wunsch nach Reinheit ist eine omnipräsente Ausprägung der Selbstoptimierung. Trends wie Longevity treiben das Kuratieren des Wohlbefindens auf die Spitze: Man tüftelt für sich und seinen Körper am perfekten Rezept aus Proteinshakes, Nahrungsergänzungsmitteln wie etwa Kreatin oder Kollagen, Gesichts-Seren aus Hyaluron & Co., Fitness, et cetera pp. Nur „das Gute“ darf sein. Man will alles, nur das Eine nicht: irgendeinen potenziell belastenden äußeren Einfluss an sich heran- oder gar in sich hineinlassen.

Im Zucker-Tracken, Pulver-Rühren und News-Fasten steckt eine ideologische Komponente. Die Praktik, die auf der Ebene des Körpers beginnt mit dem Vermeiden alles Störenden, hat sich auf die Ebene der Gesellschaft übertragen. Gewissermaßen: Aus Clean Eating wird Clean Living, aus dem Wunsch nach körperlicher und mentaler Reinigung wird der Wunsch nach moralischer Reinigung. Detox, ursprünglich eine medizinische Maßnahme für Entgiftung, ist zu einer kulturellen Metapher geworden: für kommunikatorische Hygiene, für soziale Distinktion, für politische Abgrenzung. Es gibt einen bemerkenswerten Zusammenhang zwischen persönlichen Praktiken der Selbstfürsorge und kollektiven Mustern politischer Abschottung.

Bio-Macht im Privaten

Michel Foucault beschreibt in „Der Wille zum Wissen“, wie sich seit dem 18. Jahrhundert Machttechniken entwickelt haben, die nicht mehr primär unterdrücken, sondern Leben steuern: durch Kontrolle von Körpern, Gesundheit, Sexualität. Wurde damals Macht durch den Staat ausgeübt, wendet man sie heute offenbar aus freien Stücken an sich selbst an.

Foucault etabliert dafür den Begriff „Bio-Macht“. Der eigene Körper wird zur Staatsgrenze, zum Tempel, zur Festung. Er muss verteidigt werden gegen Irritation, (Mikro-)Aggression, Trigger. Der heutige Detox-Kult kann als Ausdruck jener Bio-Macht im Privaten verstanden werden, der Leben nicht nur schützen, sondern optimieren, reinigen will. Das eigene Wohlbefinden – physisch, psychisch wie moralisch – wird zum Lebensmittelpunkt.

Michel Foucault circa 1976

Michel Foucault circa 1976

© Sophie Bassouls/imago

Das Reine als Mittel zur Ordnung

Die Soziologin Mary Douglas analysiert in „Purity and Danger“, wie Gesellschaften Kategorien wie das Reine und das Unreine als Mittel zur Ordnung verwenden. Was nicht passt, wird als schmutzig empfunden: „Dirt is matter out of place“. Es wird ausgestoßen, weil es als Gefahr für die bestehende Ordnung gilt. Douglas bringt es so auf den Punkt: „The anxiety about bodily margins expresses danger to group survival.“ Grenzen des Körpers, Grenzen der Gruppe, Staatsgrenzen: Sie alle müssen gewahrt werden, weil deren Auflösung das System bedroht. Douglas zieht ebenfalls eine Parallele vom eigenen Körper zum gesellschaftlichen Körper: „ (...) when rituals express anxiety about the body’s orifices the sociological counterpart of this anxiety is a care to protect the political and cultural unity of a minority group.“

Die gegenwärtige Kultur der moralischen Hygiene folgt dieser Logik: Wer nicht als förderlich für das eigene System gilt, wird als verunreinigend wahrgenommen. Irritationen sind ein Angriff auf das Selbst, eine Zumutung und Energieverschwendung. Der politische Gegner wird nicht mehr als legitimer Teil des Diskurses gesehen, auf den mit Argumenten reagiert wird, sondern mit „Entgiftung“, etwa durch Blockieren, Boykott, Shitstorms.

Die Deutungshoheit über „Abfall“

Wer oder was als „giftig“ deklariert wird, hängt von der Bewertung des Betrachters ab, denn „no single item is dirty apart from (i.e. outside of) a particular system of classification in which it does not fit“, konstatiert Douglas. Praktiken aus der Medizin werden auf Politik übertragen. Das „Detox“-Dogma aus der Wellbeing-Kultur wird zur Weltanschauung: „Was oder wer mir nicht guttut, gehört weg.“ Und das sind nach ungesunder Ernährung und schlechten Angewohnheiten in nächster Konsequenz eben Menschen.

Der Soziologe Zygmunt Bauman spricht in „Moderne und Ambivalenz – Das Ende der Eindeutigkeit“ von Abfall und dessen Beseitigung: „Somit ist die Erzeugung von Abfall (und infolgedessen das Interesse an Abfallbeseitigung) ebenso modern wie die Klassifikation und das Entwerfen von Ordnung. Unkraut ist der Abfall des Gärtnerns, armselige Straßen der Abfall der Stadtplanung, Dissidenz der Abfall der ideologischen Einheit, Häresie der Abfall der Orthodoxie, Fremdheit der Abfall der Errichtung des Nationalstaates. All das ist Abfall, da es der Klassifikation trotzt und die Sauberkeit des Rasters zerstört.“

Das Detox-Dogma droht, zur Weltanschauung zu werden.

Das Detox-Dogma droht, zur Weltanschauung zu werden.

© Victoria Aleksandrova/unsplash

Das Mantra „Mit Nazis redet man nicht“

Problematisch für ein Miteinander wird es dort, wo „Abfallvermeidung“ zu Debattenvermeidung führt. Umkämpftes Beispiel seit Jahren: „Mit Nazis redet man nicht.“ Im besten Fall soll diese Maxime vor der Normalisierung und Verbreitung rechtsextremer Positionen schützen. Doch wer jedem, der nicht die eigenen Perspektiven teilt, kurzerhand den Stempel „Nazi“ oder „Fascho“ aufdrückt, gefährdet demokratische Werte eher, als dass er sie schützt. Sollte man die Begriffsschärfe, die man für sich, seine Identität(en), seine Gruppe(n) beansprucht, nicht auch an andere legen?

Die Sängerin und Rapperin Nina Chuba machte jüngst Schlagzeilen mit der Aussage, dass sie den Kontakt zu einigen AfD-nahen Familienmitgliedern abgebrochen hat und ihnen gegenüber „keine falsche Toleranz“ zeigen könne.

Was man feststellen kann: Von 2021 zu 2025 haben sich die Wählerstimmen der AfD verdoppelt. Zumindest vom Ignorieren sind es schon mal nicht weniger geworden. Unmut wird zu oft auf Personen projiziert, statt die dahinterliegenden Strukturen anzugehen. „Detox“ dieser Art erinnert an das Spiel von Kleinkindern, bei dem sie sich mit den Händen die Augen zuhalten und der Außenstehende „verschwindet“. Nur: Der Andere bleibt halt da. Vermehrt sich. Schlimmstenfalls: radikalisiert sich.

Man erinnere sich zurück an die Erkenntnisse über soziale Dynamiken aus der Schulzeit: Wohl noch nie in der Geschichte der Pausenhöfe hat sich auf einem Pausenhof zugetragen, dass eine Gruppe von einer anderen Gruppe ausgeschlossen wurde, und diese davon zur Erleuchtung gelang: „Ach, ja klar! Die grenzen uns aus, weil wir die Doofen sind und die anderen die Guten! Wir müssen schleunigst umdenken, damit wir die Freunde der Ausgrenzer werden können!“ Nein, man gärt vielmehr in seinem Sud und wird davon immer besoffener. Wenn man nicht mehr mit dem AfD-Onkel redet, redet der halt nur noch mit anderen AfD-Onkeln, die immer tiefer in ihrer Blase versinken.

Anhänger mit AfD-Fahnen und Deuschlandflaggen vor der Haupbühne – AfD-Abschlusskundgebung zur vorgezogenen Bundestagswahl am 23. Februar 2025 auf dem Erfurter Domplatz

Anhänger mit AfD-Fahnen und Deuschlandflaggen vor der Haupbühne – AfD-Abschlusskundgebung zur vorgezogenen Bundestagswahl am 23. Februar 2025 auf dem Erfurter Domplatz

© Müller-Stauffenberg/imago

„Toxische Typen“ und totalitäre Tendenzen

Das Ideal der Reinheit hat eine lange Geschichte – von religiösen Waschungen über koloniale Reinheitsdiskurse bis hin zu ethnischen und politischen Säuberungen, die von Kommunisten ebenso wie von Nationalisten begangen wurden.

Während Detox mit „Lifestyle-Linken“ assoziiert ist, ist der Reinheitswahn, sich „das Schädliche“ vom Leib zu halten, ebenso ein rechtes Motiv, das sich nur anders gebärdet.

Analog könnte man sagen: Ausländer gelten hier als „dreckig“, also gewissermaßen als „toxische Typen“, die man „canceln“ will. Die Nation, gewissermaßen ihr „Safe Space“, wird als von ihnen als bedroht wahrgenommen. Nicht nur der Körper soll „gedetoxt“ werden, sondern der gesamte Volkskörper, das Blut, die DNA. Alles, was nicht der traditionellen, heteronormativen Kleinfamilie entspricht, gilt als bedrohlicher Schmuddelkram. Sprache ist Identitätsmarker, deswegen wehrt sich die „Sprachpolizei“ gegen jegliche Modernisierung. Und ist jemand, der Kritik an rassistischen oder sexistischen Kommentaren nicht erträgt, möglicherweise „überempfindlich“ oder gar „verweichlicht“?

Und wenn Deutschlands Bundeskanzler Friedrich Merz vom „Stadtbild“ spricht, schlägt er auch in diese Kerbe, denn damit ist eben ein gereinigtes Stadtbild gemeint, eines frei von „Schädlingen“.

Die Waffen der Gegner

Deutlich wird: Der Wunsch nach Reinheit hat totalitäre Tendenzen. Kann man Ausgrenzern durch Ausgrenzen beikommen? Wendet jemand, der Körper, Psyche, Gesellschaft von Menschen „säubern“ möchte, die sie selbst wiederum von unliebsamen Menschen „säubern“ möchten, nicht die Waffen des Gegners an? Die Aktivistin Audre Lorde fand folgende Worte: „For the master’s tool will never dismantle the master’s house.“ Also: Nutzt eine Bewegung wirklich emanzipatorische Werkzeuge – oder imitiert sie ungewollt die Logik der Systeme, die sie kritisiert? Wie kann es gelingen, berechtigte Bedürfnisse nach Schutz und Selbstsorge nicht in politische Ausschlussmechanismen umkippen zu lassen?

Für die Überwindung von Hass und Spaltung braucht es andere Praktiken, andere Organisationsformen, anderes Denken. Wer intoleranten Menschen mit Intoleranz begegnet, wiederholt deren Fehler. „Demokratiefeinde“ isolieren zu wollen, ist selbst demokratiefeindlich. Politische Mündigkeit beginnt dort, wo wir bereit sind, das „Unreine“ zuzulassen. Anders gesagt: Wir müssen uns schmutzig machen.

Kürzlich löste Friedrich Merz mit seiner Aussage zum Stadtbild eine nationale Debatte aus.

Kürzlich löste Friedrich Merz mit seiner Aussage zum Stadtbild eine nationale Debatte aus.

© Michael Kappeler/dpa

Kompostieren statt isolieren, Dialog statt Diagnosen

Die US-amerikanische Schriftstellerin Sophie Strand hat die Idee des „Kompost-Denkens“ formuliert: Statt „toxische“ Elemente auszusondern, sollen sie integriert und dadurch bestenfalls transformiert werden. In ihrem Essay „I Will Not Be Purified“ berichtet sie: „Cleaning was killing me. I needed to compost my body. I needed to compost my spirit.“ Wer etwa seinen Darm mit Antibiotika zuschüttet, tötet auch die heilsamen Bakterien – und wird noch kränker. In Erde voller Unkrautvernichter wächst irgendwann gar nichts mehr. Oder mit den Worten von Mary Douglas: „Purity is the enemy of change, of ambiguity and compromise.“

Diese ökologische Metapher führt uns vor Augen, dass auch Demokratie als ein organisches System verstanden werden kann, in dem Austausch kultiviert werden sollte, um beweglich und widerständig zu bleiben. Demokratie ist ein Aushandlungsfeld, das durch Reibung, Differenz, Dissonanz am Leben bleibt. Immunität entsteht nicht ohne das Andere, sondern durch das Andere.

Wer die Demokratie verteidigen will, sollte diesem Bild nach nicht zum Unkrautvernichter werden, sondern zum Komposthaufen: nicht säubern, sondern aller Dreck auf einen Haufen, gemeinsam mit allem Fruchtbaren – und im besten Fall wächst etwas Gutes daraus.

Ariana Zustra ist freie Autorin und unterrichtet Journalismus an den Universitäten Tübingen und Konstanz. Nach ihrem Roman „Tot oder lebendig“ (Frankfurter Verlagsanstalt) erscheint am 12. März 2026 ihr Sachbuch „Don't stop the music“ (Mixtvision). Als Musikerin ZUSTRA veröffentlichte sie ihr Debüt „The Dream of Reason“, ihr zweites Album „I Am Water“ erscheint im Frühjahr 2026.

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