Kolumne

Was ich erlebte, als ich am Ostkreuz ein paar selbstgesammelte Pilze verschenken wollte

Gier ist eine Todsünde, aber ich hatte bei den 14 Parasolen trotzdem zugegriffen. Ich wollte ein paar davon einem Mann geben. Seine Reaktion stieß mich vor den Kopf. Eine Kolumne.

Susanne Lenz
3 Min
Roh ist der Parasol leicht giftig, deshalb unbedingt mindestens 15 Minuten garen oder braten.

Roh ist der Parasol leicht giftig, deshalb unbedingt mindestens 15 Minuten garen oder braten.

© wjarek/imago

Der Wald steht voll, hieß es kürzlich in unserer Zeitung. Mein Wald in Brandenburg kann damit nicht gemeint gewesen sein. Trotzdem schien es mir wie ein Wunder, dass es doch ein paar Pilze gab, nachdem es davor so trocken gewesen war, dass ich dachte, die Pilzsaison könnte in diesem Jahr komplett ausfallen. Ich fand ein paar wenige Butterpilze und sogar zwei Steinpilze. Und, ach, so ein Steinpilz ist einfach ein Anblick, der einen elektrisiert.

Aber viel war es nicht. Wahrscheinlich ist so mein Verhalten zu erklären, als ich, schon auf dem Rückweg, auf einer Wiese Parasole stehen sah. Es waren – ich zählte sie tatsächlich – 14 Pilze mit ausladenden Schirmen und war nach meiner mageren Ausbeute im Wald so erfreut, dass ich sie alle nahm. Mein Pilzkorb lief über, kein Wunder bei Pilzen mit einem Hutdurchmesser von 20 bis 30 Zentimetern. Ein paar musste ich sogar in einen Leinenbeutel stecken, auch wenn diese Transportart den empfindlichen Parasolen nicht guttut. Mir war jetzt klar: Niemals würden wir diese Pilzmenge verzehren können. Ich schämte mich ein bisschen, dass ich so gierig gewesen war. Gier ist bekanntlich eine Todsünde.

Als ich am Ostkreuz auf den Bus wartete, sprach mich ein Mann auf die Pilze an

Ich nahm den Zug zurück zum Ostkreuz, und wer schon einmal mit einem Korb voller selbstgesammelter Pilze in der Öffentlichkeit unterwegs war, wird bestätigen können: Man erregt Aufmerksamkeit und sie ist durchweg wohlwollend.

Als ich am Ostkreuz auf den 194er wartete, sprach mit ein stark gepiercter Mann an: „Hast Schwammerl gfunden.“ Er fragte mich, was ich daraus machen wolle: „Parasolschnitzel“, sagte ich. „Sauber, sauber“, sagte er. Er kam wohl aus Bayern oder Österreich.

Dann kam mir eine Idee. „Die Pilze sind eigentlich zu viel für mich“, sagte ich. „Möchten Sie ein paar abhaben?“ Ein nettes Angebot, wie ich fand. Doch er reagierte, wie ein Kind, dem seine Eltern eingeschärft haben, kein Bonbon von einem Fremden zu nehmen. Seine Freundlichkeit war wie weggeblasen. Er schüttelte den Kopf, als habe ich ein unsittliches Angebot gemacht. Was war passiert? Dachte er, ich sei eine brandenburgische Hexe und wolle ihn vergiften?

Die gute Stimmung war weg. Ich fuhr nach Hause und rief Freunde an, die erfreut die Hälfte der Parasole abholten. Danach fühlte ich mich besser. Vielleicht sind Pilze einfach Vertrauenssache.


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