Sie steht hinter einer schmalen, kalten Gerüststange, lässt den Kopf leicht nach vorn kippen, als habe man ihr ein brennendes Eisen in den Nacken gelegt, verkrampft die Hände, schickt ein Zucken durch die Augen und spricht: „Meine Haut würde ich dir gern da lassen, wenn ich nur weg könnte.“ Die Silben klingen, als seien sie feinsäuberlich, aber ohne jede Betäubung aus dem Bauchfleisch geschnitten. Katharina Marie Schubert ist Ljudmilla, die innen herum Zerrupfte in samtweicher Hülle, ein Engel der Grausamkeit.
Und Alexander Khuon, der diesen Satz als Ljudmilla-Gatte Pawel wie ein angeschlagener Boxer den längst erwarteten unlucky punch empfängt, scheint die Seele aus dem Leib zu schwappen. Ein Blick, als sei er von Dämonen gesteuert worden. Er rammt die Faust in den Wasserkrug und ruft: „Ich glaube an die Liebe!“ Es klingt wie der Ausriss aus einem Pamphlet, herrisch und gewaltbereit wie Kampfaufrufe sind. Pawel: einer, der sich zum Glauben an die Liebe abkommandiert. Und Ljudmilla – sie weint am Ende. Es sind Tränen wie Steine, klein und hart.
Stephan Kimmig hat am Deutschen Theater Maxim Gorkis Drama „Wassa Schelesnowa“ inszeniert, nach der ersten, utopiefreudigen Fassung von 1910. Gorki stellt mit seinen Figuren eine Familie zusammen, deren Geschäfte und Gefühle heruntergewirtschaftet sind, die Zusammenhalt sucht und Zerrissenheit findet. Ein Sonnenaufgangsstück, das eine neue Zeit als Erlösung aus den alten Zwängen herauf singen möchte, im Wissen um die eisige Dialektik allerdings, die allem Revolutionieren eingeschrieben ist.
Suchen Leidenschaft und fürchten die Hingabe
Für Kimmig ist es ein Sonnenuntergangsstück – das Zerrissensein blieb, der Horizont des Utopischen aber ist verschlossen. Verstellt vom Schreckensdogma der Alternativlosigkeit. Man sieht: eine in die Gegenwart kopierte Familie von Ichlingen, die allesamt mit der Pflege ihrer Seelenhinterhöfe beschäftigt sind. Hocken herum und schlagen sich, verlangen Reichtum und wüssten nicht, was damit anzufangen. Wollen geliebt werden und ängstigen sich, für die Liebe etwas herzuschenken. Suchen Leidenschaft und fürchten die Hingabe. Arme, stumpfe Karrieretröpfe. Corinna Harfouch geht als Familien- und Firmenchefin Wassa Schelesnowa einmal auf ihre Tochter Anna los. Sie schlägt und umarmt sie, sie weiß nicht, ob prügeln oder herzen ihr und den Ihrigen zu helfen vermag. Und Franziska Machens lässt ihre Anna diesen Angriff der Ratlosigkeit wie einen Hagelsturm erdulden.
Eine Signalszene. Harfouch kapselt ihre Figur in eine bewusstseinsspitze Härte, die man bei ihr zuletzt in Inszenierungen von Jürgen Gosch sah. Jedes Wort wirkt, als wäre es auf einem Nagelbrett gebettet, jede Geste, als sei sie in Verhärmung gewickelt. „Was seid ihr denn für eine Generation. Kein Kampfgeist, keine Visionen, nichts!“, schleudert sie ihren Kindern entgegen. Christoph Franken als Sohn Semjon, Alexander Khuon, Machens – sie nehmen den Anwurf mit einem Seelenachselzucken. Was soll man auch machen. „So geht es nicht weiter“, sagt Schubert. Das sagt hier jede Szene – und nirgends eine Antwort.
Aber Antworten kann es womöglich erst geben, wenn die Frage genau genug gestellt wurde. Das ist es, was Kimmig hier gelingt. Er konstatiert nicht mehr die oft besungene Ausweglosigkeit aus einem weltumfassenden Kapitalismus, die Enge im Monotheismus des Geldes, den Druck im Dogmengehäuse einer utopieausgetrockneten Gegenwart. Er zeigt Figuren, deren Bewusstseinshaushalte nicht mit ihrem Wissensstand Schritt hält. Man sieht es an ihren Gängen, an den Blicken, den Verkrampfungen der Finger. Am Ende legt Harfouch eine kleine Pistole auf den Stuhl. Es wird nicht geschossen, es wird nur eine Möglichkeit gezeigt.
Triumph-Rufe von Todesnachrichten sind verpufft
Dieser Abend ist Theater, das dem schnellen Blick schlichter Gemüter nach plumper Fernsehdramatik aussehen mag, nach einem Realismus, der auch mir oft wie die schiere Verdopplung einer schlechten Wirklichkeit vorkam, gerade bei Inszenierungen von Kimmig, gerade in der Erinnerung an seinen Prachtboulevard-Abend „Kinder der Sonne“ am DT vor vier Jahren. Diesmal aber ist es psychologischer Realismus schärfsten Wassers, kein weich gezeichnetes Gegenwartsaquarell, sondern ein Kupferstich, spitz und beißend.
Es ist außerhalb der Theaterdiskurse derzeit viel von einem Neuen Realismus die Rede. Neuer Realismus heißt: die Versprechen auf Freiheit der Postmoderne, die Triumph-Rufe von den Todesnachrichten der Metaphysik sind verpufft. Und jetzt? Jetzt gewinnt eine alte, aber noch nie veraltete Einsicht wieder Gewicht, die Robert Spaemann kürzlich niederschrieb: „Unser Leben ist nicht in unserer Hand. Wir sind unserer selbst nicht mächtig.“ Aber was folgt daraus? Und was lassen wir daraus folgen? Bernd Stempel stellt seinen Geschäftsführer Michailo einmal an den Bühnenrand und kommentiert die Nachricht vom Firmenbankrott mit einem kurztrockenen: „Ist korrekt“. Er spricht, wie Gerichtsvollzieher sprechen. Und Corinna Harfouch schaut ihn an, als wolle sie fragen, ob auf derlei Fakten die Gefühle je korrekt zu antworten gewusst haben. Wie weiter? Welche Himmel bleiben, und welche Höllen drohen uns noch?
Das sind die Fragen dieses knapp zweistündigen, sehr streitbaren und ungemein aufschlussreichen Abends. Es ist damit im Theater eine Wirklichkeit angekommen, die jenseits der engen Bühnenbetriebsmoden längst durchlitten wird. Es wird jetzt also abermals zu prüfen und durchdringen sein, was gestern noch altmodisch, womöglich gar überwunden schien. Es gilt abermals, die eigenen und allgemeinen Vorurteile über uns Gegenwartsleute und unser Gegenwartstheater zu überdenken. Besseres kann einem nicht geschehen.
Wassa Schelesnowa, 22., 24. 25. Mai, Deutsches Theater, Tel.: 28 441225
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