Gothic, das Schmuddelkind von Punk, New Wave und Industrial, ist gefragt wie nie: Während unheilige Schlagermusik die Charts erobert, verzaubern junge Künstlerinnen wie Zola Jesus, Austra oder Grimes den musikalischen Underground mit neuen Ansätzen vertonter Daseinsflucht. Landauf, landab ziehen Festivals wie das M’era Luna in Hildesheim oder das Amphi-Festival in Köln tausende Szenegänger an. Kenner der schwarzen Musikkultur lassen solche Freizeitangebote indes kalt: Sie pilgern zu Pfingsten zum Original, dem Leipziger Wave-Gotik-Treffen.
Auch in diesem Jahr waren es wieder 20.000. Mit neonfarbenen Cyber-Outfits, knappen Fetisch-Klamotten, Uniformen aus dem NVA-Fundus und viktorianischen Gehröcken prägten die Besucher vier Tage lang das Leipziger Stadtbild. Die Gäste schätzen die spezielle Atmosphäre des Festivals.
Denn auf dem WGT, wie das Treffen landläufig abgekürzt wird, werden dem Zuhörer nicht wie üblich nur ein paar Bühnen und Bierbuden zur Belustigung zur Verfügung gestellt. Die ganze Stadt öffnet der Szene ihre Museen, Opern- und Theaterhäuser. Man kann den György-Ligeti-Interpretationen des MDR-Rundfunkchors lauschen oder Vorträge über „Dao, Shinto, Buddha und Allah im Fokus inszenierter Lichtregie“ im Grassi-Museum besuchen. Auf den Konzertbühnen gibt es immer etwas zu entdecken, während in den Clubs der Stadt DJs mit Namen wie Crashzkitt oder PorNo für Dauerbeschallung sorgen.
Gruftiemädchen lassen sich freiwillig versteigern
Besinnlichere Töne gibt es beim „Szenegottesdienst“ in der Peterskirche. In diesem Jahr untermalten projizierte Gemälde von Caspar David Friedrich und William Turner mit sphärischen Frauengesangs-Gothic-Klängen die szenisch inszenierte Gottessuche; selbst der Prediger der „Gothic Christs“ trägt hier Rüschenhemd und Gehrock.
Weltflucht und Eskapismus anderer Art erwartete Besucher des Mittelalterspektakels im „Heidnischen Dorf“. Zu Dudelsack-Musik ließen sich dort knapp bekleidete Gruftiemädchen auf dem „Sklavenmarkt“ freiwillig von Marktschreiern versteigern. Das Geld wurde vor Ort in Met investiert – oder auf der am Sonnabend im Volkspalast stattfindenden „Obsession Bizarre“-Fetischveranstaltung, auf der sich die Kinky-, Queer-, Sadomaso- und Burlesque-Fraktion der Goten trifft.
Der Hang zum Kitsch treibt auf dem WGT mitunter skurrile Blüten: Unter den auftretenden Künstlern fand sich in diesem Jahr die Opernsängerin Montserrat Caballé ebenso wie der Berliner Elektro-Trash-Matrose Rummelsnuff; die 80er-Jahre-Schockrocker von Sigue Sigue Sputnik musizierten neben schwarzen Helden wie Project Pitchfork, Love is Colder Than Death oder The Invincible Spirit.
Heavy Metal von den Färöer-Inseln
Am interessantesten aber waren wie stets die vielen Newcomer und Exoten. Im Felsenkeller Club hatte man etwa die Auswahl zwischen Heavy Metal aus Finnland, Russland und den Färöer-Inseln; am besten gefielen die Kirgisen Darkestrah um Sängerin Kriegstalith mit orientalischem, an den Neunzigern orientiertem Black Metal. Dieses Genre längst hinter sich gelassen hat dagegen Gaahl, der ehemalige Sänger des norwegischen Black-Metal-Vorzeigeprojekts Gorgoroth: Die ehemalige Ikone des satanistisch motivierten Metals verband vor Jahren sein Coming Out als Schwuler mit dem Bekenntnis, dass er zum Zelebrieren hasserfüllter Black Metal-Musik nun zu viel Liebe in sich trage. In Leipzig stellte Mr. Feelgood am Sonnabend im Centraltheater sein Folklore-Projekt Wardruna vor, bei dem er auf den Spuren von Mari Boine und anderer samischer Joik-Musiker wandelt. Der Auftritt war ein Höhepunkt des Festivals.
Martialische und pathetische Soundschleifen dagegen am Sonntag beim tschechischen Post-Industrial-Projekt Autopsia in der Krypta des Völkerschlachtdenkmals. Der ironische Bruch durch gesampelte Dub- und HipHop-Klänge gefiel sichtbar nicht jedem Uniformträger. Auch der belgische Tonkünstler Empusae macht keine Musik für jedermann: Die ritualistisch trommelnden Elektroklänge im Werk II gingen zwar ins Bein, laufen aber sicher nicht unter dem Label Common-Sense-Musik.
Wolfsheim-Sänger Heppner rehabilitiert sich
Das trifft schon eher auf das Werk von Peter Heppner zu. Der ehemalige Wolfsheim-Sänger fiel Ende der Neunzigerjahre wegen seiner Zusammenarbeit mit Schiller und Joachim Witt innerhalb der schwarzen Szene in Ungnade. Kommerzieller Erfolg war dieser damals noch latent unheimlich. Doch das ist inzwischen vorbei: Die Szene nahm Heppner Sonntagnacht in der Agra-Halle wie einen verlorenen Sohn auf. Der Hamburger spielte erwachsene Popsongs wie „Das geht vorbei“, alte Wolfsheim-Hits wie „Once in a Lifetime“ oder die aktuelle Singleauskopplung „Meine Welt“. Mit Zeilen wie „Und die Liebe, die wird rot, und der Ha ss wird schwarz wie der Tod“ und seiner samtenen Stimme rief er noch einmal in Erinnerung, wer die Blaupause für den heute so populären Gruft-Schlager von Unheilig gezeichnet hat.
Hippieske Retro-Töne beendeten Montagnacht das WGT-Programm im Heidnischen Dorf: Das amerikanische Projekt In Gowan Ring katapultierte Freunde des Siebzigerjahre-Retro-Folk mit versonnen-versponnenen Akustik-Preziosen in den kosmischen Himmel und unterstrich ganz nebenbei, über welche musikalische Bandbreite das schwarze Genre mittlerweile verfügt. Und so war es durchweg: Standortverortung und Selbstverständnis der Goth Culture lassen sich nicht mehr auf ihre Wurzeln in den Achtzigern limitieren. Ob das echte Kreativität ist oder die passive Aufnahme fremder Strömungen und Einflüsse, sei mal dahingestellt. Als sicher kann jedoch nach dem 21. Wave-Gotik-Treffen gelten, dass die schwarze Szene lebt. Von Midlife-Crisis keine Spur.
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