Unabhängigkeit ist ihnen wichtig in Wellen. Vielleicht ist das schon im Namen des Ortes angelegt. Denn Wellen sticht auf der Landkarte hervor. Rund herum liegen fast ausschließlich Orte, die auf -leben enden. Niederndodeleben, Ochtmersleben, Rodensleben, Domersleben. Und inmitten des ganzen mehrsilbigen Lebens-Meer: Wellen. Kurz, knackig, spätsommerlich schön.
Früher lebten in Wellen fast ausschließlich Bauern
Wellen liegt in Sachsen-Anhalt nahe Magdeburg, umgeben von Zuckerrüben-Feldern und Windrädern. Bis 2010 war es ein eigenständiges Dorf, dann wurde es mit 13 Nachbarorten zur Einheitsgemeinde Hohe Börde zusammengelegt. Nicht zur Freude der Wellener – die verloren damit den eigenen Haushaltsetat und eben ein ganzes Stück ihrer Unabhängigkeit.
Helmut Schmidt und Willy Brandt, das seien noch Politiker gewesen, ganz unabhängig vom Parteibuch, sagt René Stürmer, 49 Jahre alt, der neue Bürgermeister von Wellen. „Die brauchten nicht mehr als eine Zigarette oder ein Bier und haben einfach gemacht. Man muss die Dinge anpacken können.“
Im Osten geht die Sonne auf
Expeditionen in Orte im Osten Deutschlands, deren Namen nach Sonne, Strand oder einfach nur nach Urlaub klingen.
In der großen Sommerserie der Berliner Zeitung sind diese Geschichten erschienen:
Herzsprung - Zu Gast bei Fremden
Naschhausen - Ein Ort, den es offiziell nicht mehr gibt
Rom - Weizen an Weltall
Eisdorf - Wo die Vergangenheit eine Zukunft hat
Wüstenhain - Discofox, Treckertreffen und Slush-Eis
Wetterwitz - ein Dorf ohne Läden, Kneipen und Bürgersteige
Altliebel - Die verschwundene Heimat
Klein Bademeusel - Über einen Froschteich und das Lausitzer Christsein
Lederhose - Eine Landstadt die friedlich macht
Lieberose - Junge Triebe
Vogelsang - Fremde Freunde
Aalbude - Wo Vögel, Fische und Biber zahlreicher sind als Menschen
Siehdichum - Das Stille und das Dorf
Wellen: Wie ein Dorf um seine Kultur kämpft
Bettenhausen: Das Tal der Treue
Früher wohnten in Wellen fast ausschließlich Bauern. Sie fuhren gute Erträge ein, weil es in der Hohen Börde die nahrhafteste Erde Deutschlands gibt, auch nach aktuellen Messungen noch. Inzwischen haben einige wenige Großunternehmer die Felder übernommen. Im Dorf selbst zeugt nur noch die Architektur von der alten Ära. Im Ortskern finden sich in jeder Straße ehemalige Scheunen, die zu Wohnhäusern umgebaut wurden, und pompöse Torbögen, die früher von Pferdegespannen passiert wurden. Heute sind sie Eingänge in die Privatheit, abends fahren Familienvans und Kleinwagen hindurch.
Wellen kämpft einen einzigartigen Kampf für die Dorfkultur und den Zusammenhalt
„Zweiter Speckgürtel von Magdeburg“, so beschreiben die Wellener ihre Lage. Denn Wellen ist gut angeschlossen. Mit Bus, Bahn oder Auto schafft man es in weniger als 30 Minuten nach Magdeburg. Sogar wenn – wie zurzeit – der größte Teil der Strecke Baustelle ist. Das lässt Wellen wachsen, im Gegensatz zu vielen anderen Dörfern. Laut Demografiebericht 2017 ist in der Hohen Börde der Zuzug höher als der Wegzug, es werden immer noch mehr Kinder geboren als Alte sterben. Knapp, aber immer noch.
Trotzdem gibt es in Wellen keine Schule, keinen Laden, keinen Kiosk, kein Restaurant, keine Herberge und kein Hotel. Nichts. Der Dorfladen hat schon lange geschlossen, die letzte von einst drei Kneipen steht leer, und der Fleischer ist in Rente gegangen. Er fehlt hier besonders. Sein Laden war der letzte Ort, an dem man einkaufen konnte, vor allem aber der letzte Ort, an dem man Tratsch austauschen konnte, den Kitt jedes Dorfes. Noch immer ist der Fleischer in die DNA des Dorfes eingeschrieben: Die Anhöhe, wo früher sein Laden stand, nennen alle „Fleischerberg“.
Doch wo andere Dörfer aufgeben, wo andere sich abfinden mit ihrer Niederlage gegen die Marktwirtschaft, da kämpft Wellen einen ziemlich einzigartigen Kampf. Die Dorfkultur soll erhalten bleiben, der Zusammenhalt bleiben, Wellen nur nicht zur Schlafstadt werden. Dafür kämpft nicht nur René Stürmer, dafür opfert ein guter Teil der Wellener ehrenamtlich seine Freizeit. „Wir ziehen alle an einem Strang“, sagt Stürmer. „Anders geht es nicht.“
Mindestens einmal im Monat gibt es in Wellen ein Fest
1200 Einwohner hat Wellen nur – aber mehr als zehn Vereine und Interessensgruppen. Da gibt es die Freiwillige Feuerwehr, ihren Förderverein, einen Heimat-, Sport-, Fußball-, Angel- und einen Kleingartenverein. Dazu eine Jagdgemeinschaft, einen Seniorentreff, eine Karnevalsgruppe, eine Mutter-Kind-Gruppe und die „Bürger für Wellen“, die sich um Veranstaltungen im Dorf kümmern.
Der Kleine Reiseführer: Wellen
Entfernung von Berlin-Alexanderplatz: etwa 170 Kilometer
Dauer der Anreise mit der Bahn: 3,5 Stunden – aber Vorsicht: Wellen hat zwar einen eigenen Bahnhof, wird aber am Umstieg Magdeburg in keinem Abfahrtplan als Stopp erwähnt.
Zahl der Übernachtungsplätze: Es gibt kein Hotel und keine Herberge, aber ein paar Zimmer für Monteure auf Durchreise.
Einwohnerzahl: circa 1200
Partei mit dem stärksten Wahlergebnis: Bei der Europawahl schnitt in der Hohen Börde die CDU am stärksten ab, bei der Ortschaftswahl in Wellen der Verein „Bürger für Wellen“.
Jahreshöhepunkte im Ort: zu viele für den Umfang dieses Kastens
Nächste Bademöglichkeit: Strandbad Seehausen, mit dem Auto circa 16 Kilometer entfernt
Dank ihnen gibt es in jedem Monat mindestens ein Fest, oft sogar zwei: Neujahr, Karneval, Schlagerparty, Kartoffelfest, Erntedank, Weihnachtsmarkt. Die Einnahmen werden verwendet, um das nächste Fest zu finanzieren. So gut wie alle Vereine sind dabei: Die Feuerwehr baut das Festzelt auf, die Frauen von Sport- und Heimatverein sorgen für Verpflegung, die „Bürger für Wellen“ und Mitglieder des Karnevalsvereins kümmern sich um das Bühnenprogramm. „Unser Ersatz für die Kneipe“, sagt Stürmer. „Irgendwo müssen wir uns ja treffen. Man kann nicht nur arbeiten, man muss auch mal feiern.“
Bürgermeister von Wellen macht den Job als Ehrenamt
Stürmer will sich nicht alleine mit der Presse treffen. Er hat an diesem Freitag alle eingeladen, die einen Beitrag leisten. Sabine Pschihoda zum Beispiel, Chefin der Karnevalstruppe und stellvertretende Bürgermeisterin. Edeltraud Teetzen und Heinz Haenschke vom Heimatverein, die in zweiter Generation Bildbände mit alten Fotos von Dorffesten hüten. Eva Nipko vom Sportverein, die morgens noch rasch Kuchen gebacken hat. Zwei Sorten, Apfel- und Sandkuchen, mal eben so. Am Ende sitzen zehn Menschen im Alter von 49 bis 70 rund um den gedeckten Tisch im Bürgerhaus. Die Hälfte geboren in Wellen, die andere Hälfte vor Jahren hergezogen. Der harte Kern. Die Macher von Wellen.
René Stürmer, 49, ist der Bürgermeister von Wellen.
© Benjamin Pritzkuleit
Stürmer ist der Mann der leisen Töne unter ihnen. Im wahrsten Sinne: Er spricht extrem zurückgenommen. „Renéeee!“, ruft seine Stellvertreterin dann, und alle grinsen. Sie wissen, was jetzt kommt. „Ich versteh kein einziges Wort!“ Vielleicht ist er in einer so aktiven Dorfgemeinde genau der Richtige für den Job. Keiner, der sich in den Vordergrund spielt. Einer, der alle mitmachen lässt. Ursprünglich hat Stürmer mal Tischler gelernt, dann war er selbstständig im Trockenbau. Als der Rücken versagte, lernte er um. Heute arbeitet er als medizinisch-technischer Laborassistent an der Magdeburger Uni. Der Job als Bürgermeister ist ein Ehrenamt. Wie viele Stunden er frisst, kann Stürmer gar nicht beziffern. „Eine Menge“, sagt er nur. Doch Stürmer liebt das Dorfleben. Er ist in einem noch kleineren Dorf groß geworden, hat mit den Eltern dann eine Zeit lang in Magdeburg gelebt. 1995 zog er nach Wellen. „Weil man hier mit den Menschen in Kontakt ist“, sagt er.
Verein „Bürger für Wellen“ sitzt sogar im Ortschaftsrat
„Der macht klasse Arbeit“, sagt eine gebürtige Wellenerin später über ihn. Zwar sei Stürmer neuzugezogen, vor 25 Jahren. „Aber dem kann man vertrauen, mit allem kann man zu dem kommen.“ Das bestätigen Stürmers Zustimmungswerte: 2009, bei seiner ersten Wahl, erhielt er etwas mehr als 40 Stimmen. Zehn Jahre später, in diesem Mai, waren es mehr als 700 Stimmen, bei 1 040 Wahlberechtigten im Dorf.
Früher hätten hier alle CDU gewählt, erzählen Stürmer und seine Mitstreiter. Bis es Ende der 90er-Jahre einen Bürgermeister gab, der einige krumme Dinger drehte, den Nachbarn den Strom abzapfte zum Beispiel. Vor allem ging den Menschen aber gegen den Strich, dass er nichts für Wellen tat.
Statt sich nur aufzuregen, wurde man selbst aktiv. 1999 gründete sich „Bürger für Wellen“ – ein Verein wohlgemerkt, keine Partei. Mit Erfolg: Seit Mai sitzen fünf „Bürger für Wellen“ im Ortschaftsrat und die unabhängige stellvertretende Bürgermeisterin Pschihoda. An die CDU ging nur noch ein einziger Sitz. „Die Menschen hier wählen nicht nach Parteibuch“, sagt Stürmer. „Die wählen danach, wer sich engagiert.“ Das hat auch den Nebeneffekt, dass die AfD in der Hohen Börde bei der Europawahl zwar mit etwa 20 Prozent stark abschnitt, in Wellens Kommunalpolitik aber, wie alle anderen Parteien, gar keine Rolle spielt.
Für die Jugend hat Wellen nicht viel zu bieten
Die Mitglieder des Ortschaftsrats haben einige Großprojekte für die nächsten Jahre geplant. Eine Baufläche für Seniorenwohnen soll gefunden werden. Kein Altersheim, sondern eine Art barrierefreie Alten-WG soll entstehen, inklusive Betreuung. Damit die Rentner ihre Heimat nicht verlassen müssen, wenn sie nicht mehr mit dem Auto zum Einkaufen ins nächste Dorf fahren können. Unbedingt wollen die Wellener auch wieder einen Laden haben. Aber das ist schwierig. Zurzeit diskutieren sie einen Mix aus regionalem Laden und Begegnungs-Café. Pläne für die Zukunft, für jeden etwas. Fast.
Wellen ist abgefuckt“, findet Philipp, 18 Jahre alt.
© Benjamin Pritzkuleit
Für eine Gruppe im Dorf hat Wellen keine Lösungen zu bieten: die Jugendlichen. Wenn der Ortschaftsrat von ihnen im Dorf erzählt, dann klingt es, als seien sie Fremdkörper. Nicht bereit zum Engagement, phasenweise auffällig durch Destruktivität. „Vandalismus“, wie die Erwachsenen es nennen. Auch wenn der Vandalismus ziemlich sicher aus Langeweile geboren wird und sich auf Graffiti an ein paar Hauswänden beschränkt. An einem Schmuckstein im Dorfkern ist eine Tafel angebracht, auf der steht: „Der Dorfkern der Gemeinde Wellen ist stets sauber zu halten! Verstöße werden ordnungsrechtlich verfolgt. Jede Beschädigung kommt zur Anzeige! Der Bürgermeister“.
„Wellen ist abgefuckt“, sagt Philipp. Er ist 18 Jahre alt, in Wellen aufgewachsen und hat gerade sein Abitur im Ort nebenan gemacht. Mit seinem Kumpel Luc steht er neben einem schwarzen VW an einem Teich, ein Stück weit entfernt vom Dorf.
Wellens Jugend zieht es nach Magdeburg
Schlagerparty und Erntedankfest können Philipp nicht reizen. Er will auf Techno tanzen, will in Clubs, raus aus der Enge des Dorfes, rein in den Trubel der Stadt. Doch ab 23 Uhr fährt die Bahn nicht mehr von Magdeburg nach Wellen. Mit dem Rufbus, den man zwei Stunden vorher bestellen muss, kostet die Fahrt 3,50 Euro, mit dem Taxi 30 Euro. Für Philipp gibt es nur ein Ziel: „Nach Magdeburg ziehen, so schnell wie möglich. Wie alle anderen auch“, sagt er. „Für Jugendliche ist Wellen nichts, gar nix.“
Für René Stürmer und den harten Kern ist das ein Problem. Denn damit fehlt vielen Vereinen der Nachwuchs, die nächste Generation von Machern. Für einen Jugendraum gebe es keinen Platz, auch die nötige Betreuung fehle, sagt Stürmer. Stattdessen kommt einmal im Monat für ein paar Stunden ein Jugendmobil nach Wellen, es parkt dann draußen am Teich. Eine Streetworkerin quatscht und sprüht auch mal Graffiti mit den Kids. Ganz legal natürlich, zuletzt mit Erlaubnis des Ortschaftsrats an der ohnehin vollgesprühten Bushaltestelle.
Die Sehnsucht nach „da draußen“ werden solche Aktionen nicht stillen können. Wellens Zukunft zieht es nach Magdeburg. Vielleicht treibt es sie irgendwann zurück, so wie es Stürmer wieder aufs Dorf verschlagen hat.
An diesem Freitag aber müssen die älteren Mitglieder von Feuerwehr und Fußballverein die Bierbänke alleine schleppen. Morgen ist Oktoberfest.
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