Seit zwei Jahren macht der Blaue Montag (im Tempodrom) sich um Berlin verdient, indem er jeweils einen "Bezirk des Monats" besingt und beschreibt. Im Februar ließ man erstmals die Bezirksgrenzen hinter sich; die Erforschung der brandenburgischen Pensionärsgemeinde Kleinmachnow, die zu diesem Zweck geistig-moralisch annektiert wurde, wies nach, dass es auch außerhalb Berlins unerträglich sein kann.Im Monat April nun greift der Blaue Montag kühn weiter aus: Berliner Bezirk des Monats ist jetzt Ostwestfalen - schon längst gilt Berlin ja wegen der vielen Flüchtlinge aus dem Ostwestfälischen als besseres Bielefeld. Ostwestfalen ist so entsetzlich langweilig, dass es in großer Zahl ausgezeichnete Kabarettisten hervorbringt. (Was im Umkehrschluss bedeutet, dass Länder wie Schleswig-Holstein und Sachsen mit ihren überwiegend unerträglichen Kabarettisten aufregend sein müssen!) Betrachten wir nun also vom öden Ostwestfalen den bei weitem ödesten Ort, das zu Recht weitgehend unbekannte Bad Lippspringe. Im Tourismusbüro dieses Morbiden-Eldorados scheint man nicht alle Nadeln auf der Tanne zu haben: Buntes, lügnerisches Prospektmaterial, das mir wunschgemäß ins Haus fliegt, wird von einem Jammerbrief über die angebliche Finanzklammheit der Gemeinde begleitet; man möge doch bitte eine frei festzusetzende Summe überweisen, die für eine neue wohltätige Einrichtung verwendet würde, schwindelt das Schreiben blumig.Mein Entschluss, das raffgierige Städtchen niemals zu besuchen, steht fester denn je. Stattdessen betrachte ich in meinem Taschenkalender die nur wenige Quadratzentimeter große Deutschlandkarte. Von Berlin aus müsste man Potsdam, Magdeburg, Braunschweig, Hannover, Höxter und Paderborn hinter sich lassen, um Lippspringe zu erreichen - man hätte also bereits so viel Elend flott vorbeifliegen sehen, dass es der Ankunft in Lippspringe, das seinen Lebenszweck ganz in der Feier und der monetären Ausschlachtung von Siechtum, Tod und Verderben hat, gar nicht mehr bedürfte. Einmal in der Carl-Hansen-Klinik einfahren! Einmal von der Arminus-Quelle schlürfen, dieser vorletzten Hoffnung der Moribunden, bevor's dann all inclusive nach Lourdes geht! Einmal mit dem genialen Marketing-Wortspiel "Wellkommen" begrüßt werden! Endlich alt genug sein, um in einer Klinik mit dem verdächtigen Namen Waldfrieden der "Seniorenaufbauwoche" unterzogen zu werden!"Genießen Sie die wohlfühlende Atmosphäre und das gemütliche Ambiente der Klinik" schalmeit es aus dem Werbeheftchen. Muss es nicht gar "die sich wohlfühlende Atmosphäre" heißen? Und was bedeutet das? Und ist nicht die Kombination aus "gemütlich" und "Ambiente" ein schönes Band zwischen den Generationen, zwischen Greis und bereits kurfähigem, weil stressgepeitschtem Jungschnösel? Und sind nicht sogar alle, Weib und Mann, Landei und Städter, Dumpfbold und Denkfex, in heller Aufregung, wenn sie lesen: "Herausragend im Kulturprogramm sind die Parkbeleuchtung Mitte August sowie Opern- und Theateraufführungen in der Burgruine am Lippe-Quellteich". Mal ehrlich: haben wir in Berlin etwa Parkbeleuchtung, und sei's auch nur Mitte August?Und dabei verschweigt der Lippspringer noch kulturelle Attraktionen wie Pufferbraten und Fassrollen der Senioren, die immerhin im Bild zu sehen sind. Natürlich fehlen auch die gesundheitlichen Anwendungen im Marketing-Heftchen nicht: Von absonderlichen Wasserdüsen umzingelt liegt eine brünette Frauensperson in einer übergroßen Wanne und lacht von Ohr zu Ohr, als würde sie unter Wasser insgeheim erotisch bedrängt. Eine andere Dame, etwas reifer schon, schwingt den Golfschläger. Die rasante Frühseniorin trägt eine sehr unvorteilhafte knielange Furzfängerhose und steht beim Versuch, bella figura zu machen, im Geläuf wie ein vollgeschissener Strumpf.Ganze 14 600 Einwohner sowie "radioaktive Quellen" habe das Städtchen, plaudert mein Konversationslexikon lakonisch und ominös zugleich. Im Internet widerlegt man mir meine Arbeitshypothese, Lippspringe sei die Stadt mit der größten Klinikdichte Deutschlands. Bad Mergentheim, eine Stadt, die für meine Ohren gar nicht nach Heilung klingt, hat 25 Kliniken, Bad Oeynhausen gar 26. Und Spitzenreiter mit über 100 Kliniken ist, man glaubt es kaum und bleibt wieder mal richtig bolle-gern zu Haus, ist Berlin.
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