Welttuberkulosetag

Die vergessene Seuche kehrt zurück

Es gibt wieder mehr Tuberkulose in Deutschland. Berlin hat eine Spezialambulanz.

BLZ
6 Min
Mycobacterium tuberculosis, der Erreger der Krankheit unterm Elektronenmikroskop.

Mycobacterium tuberculosis, der Erreger der Krankheit unterm Elektronenmikroskop.

© rki/Gudrun Holland

Tuberkulose ist wieder da

Die Reaktion passt. Tuberkulose (TB) ist in Deutschland fast aus dem Bewusstsein verschwunden. Doch weltweit zählt die Infektionskrankheit neben HIV und Malaria noch immer zu den größten Killern der Menschheit. Durch Migration, Armut, Obdachlosigkeit und Drogensucht spielt sie auch in deutschen Kliniken zunehmend eine Rolle.

Im Jahr 2016 zählte das Berliner Robert Koch-Institut (RKI) bundesweit 5915 Erkrankungen, 63 mehr als im Vorjahr. Damit hält sich das höhere Niveau der vergangenen vier Jahre. Für Deutschland ist das eine neue Entwicklung. Nach dem Zweiten Weltkrieg war TB als typische Armutserkrankung in Industrieländern kontinuierlich zurückgegangen. Die Erinnerung an die „Schwindsucht“, die wie in Thomas Manns „Zauberberg“ Eingang in die Literatur fand, verlor sich langsam.


Tuberkulose tötet noch immer

Am 24. März ist Welttuberkulosetag, abgekürzt Welt-TB-Tag. Eingeführt wurde er, um die tückische Krankheit immer wieder ins Bewusstsein der Menschen zu rücken.

Am 24. März 1882 – vor genau 135 Jahren – gab Robert Koch in Berlin die Entdeckung des Erregers der Tuberkulose (TB)
bekannt. Später wurden Antibiotika-Therapien dagegen entwickelt. Der wachsende Wohlstand in den Industrieländern führte dazu, dass die „Armutskrankheit“ TB hier immer mehr in Vergessenheit geriet.

60 Prozent der Fälle in nur sechs Staaten

Die Tuberkulose zählt neben Malaria und HIV aber weiter zu den großen Killern der Menschheit. Die Ausbreitung der Infektionskrankheit ist weltweit sehr ungleich verteilt.

2015 traten 60 Prozent der Fälle in nur sechs Staaten auf: Indien, Indonesien, China, Nigeria, Pakistan und Südafrika. 2015 erkrankten nach den Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 10,4 Millionen Menschen an TB. Nur rund 20 Prozent von ihnen hatten eine Chance auf eine Heilbehandlung mit Antibiotika. Etwa 1,4 Millionen Menschen starben deshalb 2015 an TB.
Fast 6000 Tuberkulose-Fälle in Deutschland
In Deutschland erkrankten 2016 nach Daten des Robert-Koch-
Instituts 5915 Menschen an Tuberkulose. Die Fallzahl ist nahezu
identisch mit den registrierten Fällen 2015 (5 852), allerdings deutlich höher als die Zahlen in den Jahren zuvor (2014: 4 526 Fälle, 2013: 4 340 Fälle, 2012: 4212 Fälle). Damit hat sich der über lange Jahre rückläufige Tuberkulosetrend umgekehrt. 2015 starben 105 Menschen in Deutschland nach einer TB-Infektion, darunter ein Kleinkind. (BLZ)


2012 gab es mit rund 4200 registrierten Fällen einen Tiefststand in Deutschland. Dann entwickelten sich die Zahlen wieder nach oben. „Es gibt einen Zusammenhang mit der aktuellen Zuwanderung“, sagt Lena Fiebig, Infektionsforscherin am RKI. „Migration ist aber nicht die Ursache von Tuberkulose. Das Bakterium ist es“, ergänzt sie. „Es ist sehr ungleich in der Welt verteilt. Es kommt aber auch in Deutschland vor“, sagt Fiebig vor dem Welttuberkulosetag am 24. März. Vor 135 Jahren, am 24. März 1882, gab Robert Koch in Berlin die Entdeckung des Erregers der Tuberkulose bekannt.

Höhere Rate in Metropolen

Dass die Fallzahlen bundesweit gestiegen sind, kommt für die Wissenschaftlerin nicht überraschend. Sie sieht es sogar positiv: Es zeige, dass Menschen mit TB entdeckt und damit eine Weiterverbreitung verhindert würden. Bevor Flüchtlinge in Gemeinschaftsunterkünfte ziehen, werden sie auf Tuberkulose untersucht. Diese Regel gilt generell für alle größeren Unterkünfte – zum Beispiel auch für Gefängnisse.

In der Hauptstadt hat das Klinikum Neukölln im Februar eine Spezialambulanz Tuberkulose eingerichtet. Jeden Donnerstag ist Sprechstunde. Es muss sich noch herumsprechen, dass hier Klinikmediziner und Praxisärzte aus verschiedenen Fachbereichen zusammenarbeiten. Für Patienten hat das den Vorteil, dass sie ihren Arzt nach einem Klinikaufenthalt nicht wechseln müssen. Im sozial schwachen Bezirk Neukölln wäre es ohnehin schwierig, eine Praxis mit einem Spezialisten zu finden. „Es gibt genau zwei Lungenfachärzte“, sagt Klinik-Chefarzt Wulf Pankow.

Tuberkulose-Rate in Metropolen definitiv höher

Aus der Hauptstadt war Tuberkulose nie ganz verschwunden. Mit seinem Team hat der Lungenspezialist die Berliner Fälle seit Jahren mit im Blick. Gerechnet auf Ansteckungen unter 100.000 Einwohnern gab es 2015 elf Patienten in Berlin, fast so viele wie in Bremen. In Frankfurt (Main) und Dortmund lagen die Zahlen mit fast 15 Fällen noch höher. Der bundesweite Schnitt liegt bei nur rund sieben Infektionen pro 100.000 Einwohner.

1890 stellte der Berliner Bakteriologe Robert Koch (1843-1910) das von ihm entwickelte Tuberkulin vor. Als Medikament gegen die Volkskranheit Tuberkulose gedacht, zeigte es jedoch keine therapeutische Wirkung. Die weiterentwickelte Substanz diente aber noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein dazu, die Krankheit zu diagnostizieren.

1890 stellte der Berliner Bakteriologe Robert Koch (1843-1910) das von ihm entwickelte Tuberkulin vor. Als Medikament gegen die Volkskranheit Tuberkulose gedacht, zeigte es jedoch keine therapeutische Wirkung. Die weiterentwickelte Substanz diente aber noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein dazu, die Krankheit zu diagnostizieren.

© Medizinhistorisches Museum/Christoph Weber

„Die Rate in Metropolen ist definitiv höher als im Rest des Landes“, bestätigt die RKI-Expertin Lena Fiebig. Das liege daran, dass die Bevölkerung anders zusammengesetzt sei. „Tuberkulose hat immer eine soziale Dimension“, berichtet sie. Menschen ohne festen Wohnsitz und aus prekären Lebensverhältnissen hätten ein erhöhtes Risiko, zu erkranken. Auch Alkohol- und Drogenmissbrauch könne eine Rolle spielen. Dazu kommt die Migration. Und auch eine dichtere Besiedlung. All das macht Tuberkulose-Bakterien die Verbreitung in Städten leichter.

„Tuberkulose kommt in Deutschland vor. Aber eben nicht so häufig, dass jeder Arzt regelmäßig eine sieht“, sagt Lena Fiebig. Deswegen denkt auch nicht jeder Mediziner bei längerem Husten, schwindenden Kilos und Nachtschweiß sofort an TB – und einen Röntgencheck. Mit diesem lassen sich häufig die typischen Veränderungen im oberen Teil der Lunge erkennen. Tuberkulose können aber auch andere Organe befallen. Dann wird die Diagnose aufwendiger.

Die Erreger sind tückisch

In die Berliner Tuberkulose-Ambulanz in Neukölln kamen bisher Patienten zwischen 19 und 90 Jahren. Stellen Ärzte eine ansteckende TB-Form fest, muss ein Patient sofort einzeln untergebracht werden. „Manche akzeptieren das sofort, bei andern müssen wir auch an die Verantwortung anderen gegenüber appellieren“, berichtet Oberarzt Norbert Frank. „Wenn da absolut keine Einsicht herrscht, erzwingen wir einen Aufenthalt im Gefängniskrankenhaus. Das ist sehr selten, aber wir haben das schon getan“, ergänzt Wulf Pankow.

Mehr als die Hälfte der TB-Patienten im Klinikum Neukölln stammt nicht aus Deutschland. „Bei Migranten zeigt sich die ganze soziale Problematik“, sagt Pankow. „Wir brauchen einen Dolmetscher, und wir müssen die Unterbringung klären. Über Bundesländergrenzen hinweg ist das besonders schwierig.“

Tuberkulose ist nicht hochansteckend

Tuberkulose wird über Tröpfchen in der Atemluft übertragen, ist aber nicht hochansteckend. Bei gesunden Menschen, die mit dem Erreger in Kontakt kommen, erkranken nur etwa fünf bis zehn Prozent, oft auch nicht sofort. Die Klinikambulanz hat auch mit Senioren zu tun, die sich in der Kriegszeit in Deutschland infizierten, aber erst jetzt durch Immunschwächen im Alter erkranken. „In der Regel ist TB gut behandelbar und heilbar“, sagt Pankow.

Doch Tuberkulose-Erreger sind tückisch. Man braucht vier Antibiotika gleichzeitig, um sie zu bekämpfen. Eine Standardtherapie dauert sechs Monate und kostet nach Angaben des Chefarztes rund 1200 Euro ambulant.

Neue Medikamente dringend gebraucht

Ein wachsendes Problem sind Resistenzen, bei denen die Bakterien unempfindlich sind gegen die gängigen Medikamente – manchmal gleich gegen mehrere. Rund 125 solcher multiresistenten Fälle registrierte das RKI zuletzt im Jahr. Samt Klinikaufenthalt könnten die Behandlungskosten dann auf über 50.000 Euro steigen, sagt Wulf Pankow. „Hier müssen dringend neue Medikamente entwickelt werden“, fordert er.

„Der Schlüssel ist, früh dran zu denken, dass Tuberkulose auch in Deutschland noch vorkommt“, sagt Lena Fiebig vom RKI. „Wir können ja nicht aufhören zu atmen.“ (Ulrike von Leszczynski, dpa)

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