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Wem gehört die Heimat? – Teil 2: Das ZDF, die AfD und der Kulturkampf in Sachsen-Anhalt

Das ZDF zeigt, warum Kulturschaffende eine AfD-Regierung fürchten. Aber erklärt die „Aspekte“-Reportage auch, warum so viele Bürger diese Partei wählen?

10 Min
Kultur made in Sachsen-Anhalt: Auch Bill und Tom Kaulitz, aufgewachsen in Loitsche, kommen in der ZDF-Sendung „Kulturkampf in Sachsen-Anhalt“ zu Wort.

Kultur made in Sachsen-Anhalt: Auch Bill und Tom Kaulitz, aufgewachsen in Loitsche, kommen in der ZDF-Sendung „Kulturkampf in Sachsen-Anhalt“ zu Wort.

© Breuel-Bild/Imago

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Vor einigen Wochen habe ich an dieser Stelle gefragt: Wem gehört die Heimat? Anlass war die Initiative „Kultur ist Vielfalt und Heimat“, ein Bündnis aus Kulturschaffenden und Institutionen in Sachsen-Anhalt. Ihr Bekenntnis, Heimat sei dort, wo Vielfalt gelebt und dem anderen und Fremden mit Respekt begegnet werde, klang sympathisch – und beschrieb doch eher eine moralische Vorstellung gelingenden Zusammenlebens als den lebensweltlichen Gehalt von Heimat.

Die ZDF-Sendung „Kulturkampf in Sachsen-Anhalt“ vom 14. August führt mitten in denselben Konflikt. Wenige Wochen vor der Landtagswahl fragt Moderator Jo Schück, was mit Kunst und Kultur geschehen könnte, wenn die AfD erstmals Regierungsverantwortung übernimmt. Ob ein verpflichtendes Bekenntnis zu Patriotismus und „deutscher Nationalkultur“, wie es die AfD in Regierungsverantwortung verbindlich durchsetzen will, die Freiheit öffentlich geförderter Einrichtungen bedroht.

Zu Wort kommen der AfD-Kulturpolitiker Hans-Thomas Tillschneider, Theaterintendanten, darunter Didi Hallervorden mit seinem Mitteldeutschen Theater in der Marienkirche in Dessau, die Direktorin des Bauhauses Dessau, Vertreter der evangelischen Kirche, Bill und Tom Kaulitz, Kabarettisten, Musiker und Chorsänger.

Das ist sehenswert. Keineswegs bloß plumpes Anti-AfD-Framing. Tillschneider, Hauptautor des kulturpolitischen Programms der Landes-AfD, erhält erheblichen Raum. Auch der Konflikt zwischen der evangelischen Kirche und einem AfD-nahen Pfarrer wird nicht völlig einseitig erzählt. Nur: Der Titel der kurz vor Mitternacht ausgestrahlten „Aspekte“-Reportage verspricht mehr.

Ein Kulturkampf, wenn man davon schon jetzt zugespitzt sprechen will, ist keine Auseinandersetzung allein zwischen einer Partei und staatlich geförderten Institutionen. Er entsteht mitten in der Gesellschaft – geprägt von Erfahrungen von Zugehörigkeit und Fremdheit, von Vorstellungen vom Eigenen und anderen, von Erinnerungen, Sprache, Lebensformen und Erwartungen an die Zukunft. Die Sendung untersucht vor allem das politische Angebot der AfD. Seine gesellschaftliche Nachfrage bleibt weitgehend unerklärt.

Die Angst der Institutionen

Die Dramaturgie ist eindeutig. Auf zitierte AfD-Forderungen folgen Befürchtungen des Theaters, historische Warnbilder, der Rückblick auf die nationalsozialistische Bekämpfung der Moderne, das Bauhaus als gefährdete Institution, Erfahrungen der Kaulitz-Brüder mit rechter Hetze und Gewalt, kirchlicher Widerspruch und schließlich Chor und Gartenzaungespräch als freundliche Bilder demokratischer Gemeinschaft.

Diese Perspektiven sind legitim. Die Erfahrungen der Kaulitz-Brüder gehören zur jüngeren Geschichte Sachsen-Anhalts. Das Bauhaus eignet sich wie kaum ein anderer Ort, um über die Freiheit der Moderne und politische Eingriffe in die Kunst zu sprechen. Hallervordens Erinnerungen an Nationalsozialismus und DDR verdienen Aufmerksamkeit. Doch die Montage beantwortet vor allem eine Frage: Was könnten Kulturschaffende und Institutionen unter einer AfD-Regierung verlieren?

Kaum gefragt wird hingegen, was jene Menschen bereits verloren zu haben glauben, deren Stimmen die AfD stark machen. Damit bleibt die Reportage auf der institutionellen Ebene: Theater, Intendanzen, Bauhaus, Kirche, Kulturförderung. Die kulturelle Lebenswelt der Bevölkerung erscheint meist nur als Kulisse oder als Objekt demokratischer Ansprache.

Es fehlen die Stimmen von Bürgern, die sich kulturell oder regional entfremdet fühlen, ohne AfD-Funktionäre zu sein: frühere CDU-, SPD- oder Linke-Wähler, Angehörige der Transformationsgeneration, Menschen aus Kleinstädten und Dörfern, Heimatvereinen. So fehlt auch der konservative AfD-Kritiker, der über kulturelle Kontinuität sprechen könnte, ohne daraus völkische Politik abzuleiten.

Hans-Thomas Tillschneider, Hauptautor des kulturpolitischen Programms der Landes-AfD, erhält in der ZDF-Sendung erheblichen Raum.

Hans-Thomas Tillschneider, Hauptautor des kulturpolitischen Programms der Landes-AfD, erhält in der ZDF-Sendung erheblichen Raum.

© Christian Schroedter/Imago

Heimat als Erfahrung

Empirisches Material ist vorhanden. Der Sachsen-Anhalt-Monitor 2025 zeigt, was die Bewohner an ihrem Land schätzen: Landschaft, Miteinander, persönliche Bindung und Heimat, Geschichte und Kultur, Wohn- und Lebensqualität. Heimat meint hier zunächst Geburtsort, Familie, Freunde, Vertrautheit, Landschaft und biografische Kontinuität – nicht Nationalismus.

Aufschlussreich sind die Unterschiede zwischen den politischen Lagern. AfD-Anhänger fühlen sich besonders stark mit Ostdeutschland verbunden, auch leicht überdurchschnittlich mit Sachsen-Anhalt. Ihre Bindung an Gesamtdeutschland fällt schwächer aus, die Beziehung zu Europa sogar negativ. CDU-Anhänger wiederum weisen die stärkste Verbundenheit mit Sachsen-Anhalt auf, ohne dieselbe Abwendung von Deutschland und Europa.

Das verweist auf eine Dimension ostdeutscher Identität. Das nähere Ostdeutschland wird als eigener Erfahrungsraum wahrgenommen; Deutschland und Europa erscheinen leicht als Räume fremder Entscheidungen. Hinzu kommt ein Anerkennungsproblem: Rund 62 Prozent fühlen sich als Ostdeutsche wie Bürger zweiter Klasse; 48 Prozent glauben, im Vergleich zu anderen Menschen in Deutschland persönlich weniger als ihren gerechten Anteil zu erhalten. Einkommensunterschiede allein erklären diese Wahrnehmungen nicht.

Es geht also auch um kulturelle Gleichwertigkeit: Wird die eigene Biografie anerkannt? Gilt ostdeutsche Erfahrung als selbstverständlicher Teil der deutschen Geschichte? Werden Leistungen und Lebensformen respektiert? Oder bestimmen weiterhin überwiegend westdeutsch geprägte Eliten in Politik, Medien und Kulturinstitutionen, wie der Osten beschrieben und bewertet wird?

Die AfD sieht darin einen „Irrweg der Moderne“: Bauhaus-Gebäude in Dessau

Die AfD sieht darin einen „Irrweg der Moderne“: Bauhaus-Gebäude in Dessau

© Markus Grummt/Imago

Zwischen Bedürfnis und Ressentiment

Wer solche Fragen stellt, darf die problematische Seite der AfD-Anhängerschaft nicht verschweigen. Der Sachsen-Anhalt-Monitor weist dort deutlich überdurchschnittliche ethnozentrische, diktaturbefürwortende und geschlossen rechtsextreme Einstellungen nach. Fremdenfeindlichkeit ist kein kulturelles Bedürfnis, Rassismus keine Form berechtigter Heimatverbundenheit.

Gerade deshalb muss genauer unterschieden werden. Es gibt legitime Bedürfnisse nach Vertrautheit, Zugehörigkeit, regionaler Selbstachtung und biografischer Kontinuität. Es gibt ambivalente Wünsche nach Abgrenzung, Ordnung, einer erkennbaren Mehrheitskultur und begrenztem gesellschaftlichem Wandel. Und es gibt antidemokratische Bestrebungen nach ethnischer Homogenität, Ausschluss und Unterordnung der Kunst. Wer alles ineinanderschiebt, analysiert nicht, sondern moralisiert. Wer alles entschuldigt, verharmlost.

Die ZDF-Reportage neigt dazu, von patriotischer Kulturpolitik rasch zu historischen Warnbildern überzugehen. Eine Forderung nach stärkerer Berücksichtigung deutscher Werke, wie von Tillschneider gefordert, ist aber zunächst eine kulturpolitische Präferenz. Ein vorgeschriebenes Patriotismusbekenntnis für Förderempfänger wäre ein Eingriff in die institutionelle Freiheit. Politische Säuberung und Unterordnung der Kunst unter eine völkische Staatsidee wären noch einmal etwas anderes. Diese Ebenen können zusammenhängen, sind aber nicht identisch.

Das Bauhaus-Thema hätte Gelegenheit geboten, den Gegensatz produktiv aufzubrechen. Gehört diese internationalistische Moderne nicht ebenso zur Heimat Sachsen-Anhalts wie Reformation, Musiktradition, Industriekultur, Harz, Mundarten oder lokale Vereine? Dann lautete die Alternative nicht mehr Heimat oder Moderne, sondern: Was gehört zur geschichtlichen Heimat des Landes – und wer darf darüber befinden?

Wer repräsentiert wen?

Zur kulturellen Entfremdung gehört auch die Frage nach Repräsentation. Welche Bevölkerungsgruppen besuchen die gezeigten Theater? Wer erkennt sich in deren Programmen wieder? Werden ländliche Kultur, Laienkunst, Chöre, Blasmusik, Heimatgeschichte, Feuerwehrfeste und Industriekultur ebenso ernst genommen wie die urbane Gegenwartskunst? Sprechen Intendanten und Kulturjournalisten mit der Bevölkerung – oder vor allem über sie?

Chor und Gartenzaun-Diskursangebote erscheinen vornehmlich als Gegenbild zur AfD – gemeinsam statt gegeneinander, Vielfalt statt Ausgrenzung. Das ist sympathisch, bleibt aber abstrakt. „Together für unsere Demokratie“ beantwortet nicht, worin Menschen sich kulturell wiedererkennen, welche Verluste anerkannt werden und wie viel Veränderung ohne neue Entfremdung möglich ist.

AfD-Wähler und Nichtwähler sind dabei nicht gleichzusetzen. Beide können jedoch das Gefühl haben, dass Institutionen ihnen nicht zuhören, ihre Einwände moralisch statt sachlich beantworten und ihre Erfahrungen als rückständig behandeln. Die einen reagieren mit Rückzug, die anderen mit einer Protestwahl, wieder andere mit einem politischen Identitätsbekenntnis. Warum aus ähnlicher Entfremdung unterschiedliche Entscheidungen folgen, wäre eine der interessantesten Fragen der Reportage gewesen.

Kultur und Moral zusammendenken

In „Wem gehört die Heimat?“ hatte ich gegen zwei Verkürzungen argumentiert: Ein rein kultureller Heimatbegriff kann in Ausschließung umschlagen. Ein rein normativer Heimatbegriff ignoriert die emotionalen und historischen Voraussetzungen von Zugehörigkeit. Menschenwürde, Gleichheit und Respekt sind notwendige Bedingungen demokratischen Zusammenlebens. Sie erzeugen aber nicht von selbst jene Resonanz, aus der Zugehörigkeit erwächst.

Das gilt über den Heimatbegriff hinaus für den gesamten Kampf um die Kultur. Die AfD darf Begriffe wie das Eigene, Tradition, regionale Identität und kulturelle Kontinuität nicht unwidersprochen besetzen. Widerspruch besteht jedoch nicht nur darin, ihre Antworten moralisch zurückzuweisen. Eine demokratische Kulturpolitik muss eigene, überzeugende Antworten geben – und zuvor bereit sein zuzuhören.

Die „Aspekte“-Sendung des ZDF zeigt überzeugend, warum Kulturschaffende Angst vor einer AfD-Regierung haben können. Sie erklärt nicht überzeugend, warum so viele Wähler der AfD ihre Stimme geben. Das ist keine nebensächliche Lücke. Wer den Kulturkampf verstehen will, muss nicht nur die organisierte Kultur befragen, sondern auch die Alltagskultur, die ostdeutsche Erfahrung und das kulturelle Selbstverständnis der Wähler und Nichtwähler. Sonst bleibt am Ende die entscheidende Frage unbeantwortet: Wem gehört die Heimat – und wer fühlt sich in ihr noch zu Hause?

Wettbewerb um die Bedeutung von Heimat

Bemerkenswerterweise findet außerhalb des ZDF längst ein Kulturkampf statt, den die „Aspekte“-Sendung nur einseitig beschreibt: ein regelrechter Wettbewerb um die Bedeutung von Heimat. Die AfD verbindet sie mit kultureller und nationaler Identität; das BSW setzt mit „Der Osten bleibt anders“ auf ostdeutsche Eigenart, Stolz und Widerstand gegen Anpassungsdruck; die Linke erklärt „Heimat ist für alle da“ und übersetzt den Begriff vor allem in soziale Teilhabe; die Initiative „Kultur ist Vielfalt und Heimat“ definiert ihn über Verschiedenheit und die Gleichwertigkeit der Kulturen; die FDP stellt ihr Wahlprogramm unter die Formel „Freiheit hat nur eine Heimat“. Selbst der MDR ist mit seiner „Heimat.Liebe-Tour“ näher an der lebensweltlichen Dimension des Begriffs, wenn er Heimat als Ort, Gefühl und die Menschen beschreibt, die Sachsen-Anhalt prägen.

Unmittelbar vor der Landtagswahl ging am 18. August eine Anti-AfD-Kampagne „Wahre Heimatliebe ist …“ eines extra gegründeten Vereins „Mehr als uns trennt“ online. Sie will den Heimatbegriff auf etwas andere Art ebenfalls nicht der AfD überlassen. Über den problematischen Wahrheitsanspruch des Wörtchens „wahre“ ließe sich streiten. Interessanter sind die Antworten: Ex-Ministerpräsident Reiner Haseloff spricht von „Herkunft, Familie und Geborgenheit“, von „Vaterland und Muttersprache“; Christian Friedel nennt Heimatliebe „die Verbundenheit mit den eigenen Wurzeln, ohne Überheblichkeit und ohne Ausgrenzung“; Schauspieler Max Simonischek fokussiert auf „Sprache, Nachbarn, Erinnerung“; Martin Hummelt fordert, Sachsen-Anhalt „nicht kleinzureden“, sondern mit „Stolz, Freude und Mut“ an seiner Zukunft zu arbeiten; Chris Rehse betont die 1989 „hart erkämpfte“ Freiheit. Ein Start-up-Verband beschreibt Heimat sogar als Bewegung, aus einem Dorf in Sachsen-Anhalt bis nach Stanford zu gehen – und zurückzukommen, um in Magdeburg zu gründen.

Dieter Hallervorden dagegen verbindet Heimatliebe unmittelbar mit kultureller Freiheit. Sie bedeute für ihn, auf seiner Dessauer Theaterbühne Kunstfreiheit ausleben zu können, „ohne Angst vor repressiver Kulturpolitik auf Parteilinie zu haben“.

Andere Stimmen machen aus Heimatliebe ebenfalls eher eine Chiffre für Demokratie, Kunstfreiheit oder gesellschaftliche Verantwortung. Ein geschlossener Heimatbegriff entsteht daraus nicht.

Aber: Herkunft und Offenheit, Wurzeln und Veränderung, das Eigene und das Fremde, ostdeutsche Erfahrung und universelle demokratische Normen stehen miteinander im Streit. Das ist noch keine Erklärung dafür, warum die AfD in Sachsen-Anhalt so stark geworden ist. Es zeigt jedoch, wo eine solche Erklärung ansetzen müsste. Wer einen „Kulturkampf in Sachsen-Anhalt“ verstehen will, darf nicht nur fragen, welche Theater, Vereine und Kulturinstitutionen vor der AfD geschützt werden sollen. Er muss untersuchen, welche Vorstellungen von Heimat und kultureller Zugehörigkeit miteinander konkurrieren, welche Erfahrungen, Verluste und Bedürfnisse sich darin ausdrücken – und warum immer mehr Menschen ihre politische Antwort darauf bei der AfD suchen.

Ulrich Werner Grimm, geboren 1954 in Gera, wuchs in Mühlhausen und Dresden auf und lebt seit 1959 in Berlin. Erlernter Beruf Werbekaufmann, Abitur an der VHS, Philosophiestudium an der Humboldt-Universität, seitdem tätig als Journalist, Redakteur, Lektor, Texter, Ghostwriter, Ausstellungsmacher, Autor Funk und TV, Forschungen und Publikationen zur Berliner Stadthistorie.

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