Wer sind die Attentäter von Paris?

Jung, männlich, hoffnungslos

Die mutmaßlichen Täter von Paris sind inzwischen identifiziert

Kordula Doerfler
5 Min
Abdelhamid Abaaoud, einer der Attentäter von Paris, mit dem Koran, auf den er sich beruft.

Abdelhamid Abaaoud, einer der Attentäter von Paris, mit dem Koran, auf den er sich beruft.

© AP Lizenz

Im ganzen Land machten französische Sicherheitskräfte am Montag Jagd auf mutmaßliche Islamisten. Bei den brutalen Anschlägen am Freitagabend in Paris starben sieben mutmaßliche Terroristen, sechs sprengten sich selbst in die Luft, einer wurde von Sicherheitskräften erschossen. Möglicherweise gab es weitere Täter und Helfer, die Spuren reichen auch über die Grenze nach Belgien mit seiner großen Islamistenszene. Immer deutlicher wird, dass die Angreifer sehr planvoll vorgingen, drei Gruppen waren an den verschiedenen Tatorten unterwegs, die Anschläge waren minutiös aufeinander abgestimmt. Alle waren mit Kalaschnikows bewaffnet und trugen die gleichen Sprengstoffgürtel.

Französische Experten sprechen von einer neuen, koordinierten Vorgehensweise. Bekannt sind solche Anschläge bisher vor allem aus Afghanistan, dem Irak, Syrien oder Libanon. Möglicherweise wurden die Anschläge von Syrien aus geplant, doch es bleibt für die Franzosen eine beängstigende Erkenntnis: Die Täter waren in der Mehrzahl keine eingeschleusten Dschihadisten, sondern Franzosen, auch wenn einige offenbar in Belgien lebten.

Laut den Ermittlungen kristallisiert sich immer deutlicher ein Muster heraus: Die Täter sind jung, männlich, aufgewachsen in hoffnungslosen Banlieues, den vernachlässigten, sozial brodelnden Ghettos für Zuwanderer aus Nordafrika. Sie sind meist nur mäßige Schüler, haben keine Perspektive, keinen oder nur gelegentlich einen Job, manche werden straffällig. Anders als viele andere radikalen Islamisten waren die jetzigen Täter aber nie im Gefängnis, konnten sich also auch nicht dort mit dem Islamismus infizieren. Auch die drei Männer, die im Januar die Anschläge auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt verübten, waren französische Staatsbürger aus Einwandererfamilien.

Einige der jetzigen Täter aber waren offenbar in Syrien und wurden dort zu Dschihadisten ausgebildet. Das Heilsversprechen des Islamischen Staats, mit ihrem eigenen Tod zu Märtyrern zu werden, trieb die jungen Männer offenbar zu den unvorstellbar grausamen Taten. Die Anschlagsorte waren sorgfältig ausgewählt. Es ging darum, die westlichen Gesellschaften zu treffen, da, wo sich die Menschen vergnügen: Junge Leute metzelten andere junge Leute nieder, aufgewachsen im gleichen Land, scheinbar mit den gleichen republikanischen Werten. Was wir bisher über die Täter wissen:

Mutmaßlicher Drahtzieher: Abdelhamid Abaaoud. 28, meistgesuchter Islamist Belgiens, stammt aus einer marokkanischen Familie, soll zwei der Attentäter gut gekannt und sich zuletzt in Syrien aufgehalten haben. 2014 war er in einem brutalen Propagandavideo des Islamischen Staats zu sehen. Aufgewachsen mit fünf Geschwistern im Brüsseler Viertel Molenbeek, mehrmals straffällig, im Juli in Abwesenheit zu 20 Jahren Haft verurteilt. Soll in Belgien mehrere Anschläge geplant haben.

Konzerthalle Bataclan: Mindestens drei Männer kamen am Freitagabend um 21.49 Uhr in einem schwarzen Fahrzeug am Bataclan an und richteten in dem beliebten Veranstaltungsort ein Blutbad an.

Ismael Omar Mosefai, identifiziert. Sprengte sich selbst in die Luft. 29 Jahre alt, geboren in der Pariser Vorstadt Courcouronne, lebte zuletzt in einer Sozialsiedlung in Chartres. Stammt aus einer algerischen Familie, immer wieder straffällig, war verheiratet und hatte einen kleinen Sohn. Den Sicherheitsbehörden seit 2010 bekannt, bereits mit einem „S“ versehen – für „Risiko für die Staatssicherheit“. Soll sich zwischen Herbst 2013 und Frühjahr 2014 in Syrien aufgehalten haben.

Samy Amimour, identifiziert. 28 Jahre alt, geboren in Paris, lebte in der Pariser Vorstadt Drancy. Wurde mit internationalem Haftbefehl gesucht, nachdem er sich 2013 einer richterlichen Überwachung entzogen hatte. Soll sich vor zwei Jahren in Syrien aufgehalten haben. Versuchte, 2012 in den Jemen zu reisen.

Dritter Attentäter nicht identifiziert.

Stade de France: Drei Attentäter wollten in das Stadion eindringen, in dem ein Freundschaftsspiel zwischen der deutschen und französischen Nationalmannschaft stattfand. Alle drei sprengten sich kurz vor 22 Uhr in die Luft.

Bilal Hafdi, identifiziert, 20 Jahre alt, französischer Staatsbürger, lebte in Belgien. Soll in Syrien mit dem IS gekämpft haben.

Zweiter und dritter Attentäter: noch nicht identifiziert.

In der Nähe wurde ein syrischer Pass gefunden, ausgestellt auf den Namen Ahmad Al-Mohammed, 25 Jahre alt, geboren in Syrien. Soll über Griechenland nach Europa eingereist sein. Die Echtheit des Passes ist bisher nicht bestätigt. Allerdings stimmen die Fingerabdrücke des Toten offenbar mit denen eines Syrers überein, der im Oktober als Flüchtling auf der griechischen Insel Leros registriert wurde.

Bars und Restaurants im 10. und 11. Pariser Bezirk: Mindestens zwei Männer fuhren in einem Seat vor der Bar Le Carillon und dem Restaurant Le Petit Cambodge vor, wenig später wurden sie bei der Bar Bonne Biere und dem Restaurant La Belle Equipe gesehen. Der Wagen wurde später in Montreuil gefunden, darin befanden sich mehrere Kalaschnikows.

Ibrahim Abdeslam, Bruder von Salah Abdeslam, sprengte sich in die Luft, 31 Jahre alt, Belgier, den dortigen Behörden bekannt.

Salah Abdeslam, Franzose, 26 Jahre alt, lebte in Brüssel, flüchtig, soll das Auto für die Bataclan-Täter gemietet haben. Wurde am Sonnabend von der Polizei in einem schwarzen Fahrzeug kurz vor der belgischen Grenze kontrolliert, aber nicht festgehalten. Ungeklärt ist, ob er bereits auf den Fahndungslisten stand.

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