Personalmangel

Wer zur Berliner Feuerwehr will, wartet acht Monate auf die Zu- oder Absage

Bewerbermangel bei Polizei, Feuerwehr und Finanzamt: Eine Analyse stellt dem Senat unangenehme Fragen. Die GdP sieht die innere Sicherheit gefährdet.

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Polizisten räumen im Juli das Columbiabad in Neukölln. Wer hat Lust auf den Job?

Polizisten räumen im Juli das Columbiabad in Neukölln. Wer hat Lust auf den Job?

© Caroline Bock/dpa

Eklatante Personalprobleme bei Polizei und Feuerwehr gefährden die innere Sicherheit. Zu diesem Schluss kommt die Gewerkschaft der Polizei GdP. Grundlage für diese Behauptung ist eine aktuelle Analyse der Haupt-Jugend- und Auszubildendenvertretung des Landes Berlin (HJAV) zur Nachwuchssituation im öffentlichen Dienst.

Die HJAV fragte die Behörden des Landes Berlin ab und trug Zahlen aus 19 Dienststellen zusammen. Laut Analyse hatten sich 2019 noch durchschnittlich 11,09 Personen auf eine ausgeschriebene Ausbildungsstelle beim Land Berlin beworben. Im vergangenen Jahr waren es nur noch 9,87.

Besonders niedrig sind die Bewerberzahlen bei den Berliner Finanzämtern, der Polizei und der Feuerwehr. Bei allen drei Behörden gibt es zum Teil weit unter vier Bewerbungen pro Stelle. Auch die Zahl der zurückgezogenen Bewerbungen war laut Analyse in Berlin mit 13,23 Prozent im Jahr 2022 „alarmierend hoch“.

Die Verfasser kritisieren unter anderem die lange Zeit, in der Bewerber im Ungewissen gelassen werden: „Der letzte Platz in Sachen Dauer des Bewerbungsverfahrens geht an die Berliner Feuerwehr“, heißt es. „Bei der Berliner Feuerwehr müssen Bewerbende in beinahe allen Ausbildungsgängen im Durchschnitt acht Monate auf eine Einstellungszusage warten.“ 

Viele Bewerber scheiden schon in der Ausbildung aus

Nach Angaben der Gewerkschaft der Polizei zeigen die Zahlen gerade bei der Polizei und Feuerwehr eine „besorgniserregende Entwicklung“. So sehen sich Polizei und Feuerwehr vor einer riesigen Pensionierungs- und Verrentungswelle. Zwar werden mehr Stellen zur Ausbildung ausgeschrieben. Allerdings können viele nicht besetzt werden.

Bei der Polizei etwa wurden laut GdP von 1224 Stellen im Jahr 2019 bereits 45 schon zu Beginn nicht besetzt. Die Ausbildung beziehungsweise das Studium erfolgreich beendet haben bis heute nur 879 Nachwuchs-Polizisten. 55 sind noch in Ausbildung oder Studium.

Noch schlechter lesen sich die Startpunkte für 2020. Hier sind 101 Stellen nicht besetzt. Im Jahr 2021 wurden 65 Ausbildungsstellen nicht besetzt und im vergangenen Jahr 86.

Nimmt man noch die „Drop-out-Quote“ der letzten Jahre von rund 30 Prozent hinzu (private Kündigung, Nichtbestehen, dienstrechtliche Kündigung), dann verliert Berlin im mittleren Dienst mehr als ein Drittel des ursprünglich eingeplanten Personals.

GdP-Chef: Mehr Stellen für Nachwuchs zu schaffen, reicht nicht

Der Trend, vor allem beim mittleren und dem gehobenen Dienst der Schutzpolizei, sei auch für den Laien sichtbar, sagte der Berliner GdP-Landeschef Stephan Weh am Mittwoch. Die einzige Antwort der Politik auf die Pensionierungswelle sei bisher, mehr Stellen für Nachwuchskräfte zu schaffen. Allerdings zeigten die sinkenden Bewerber- und Einstellungszahlen und die hohe Abbruchquote, dass es damit nicht getan sei.

In der freien Wirtschaft wissen Bewerber in der Regel nach vier, oft schon nach zwei Wochen, ob sie von einem Unternehmen genommen werden. Nicht so bei den Landesbehörden Berlins. „Wer kann es einer 18-Jährigen verübeln, dass sie nicht acht Monate auf eine Einstellungszusage bei der Berliner Feuerwehr warten möchte“, schreiben die Autoren der Analyse.

Diese beschränken sich nicht nur auf das nüchterne Aufzählen von Untersuchungsergebnissen, sondern stellen für den Senat unangenehme Fragen: „Wer erklärt der Bevölkerung in Berlin, dass der Rettungswagen nicht mehr rechtzeitig kommen kann, weil statt der 150 benötigten Notfallsanitäterinnen oder Notfallsanitäter nur 110 vom Land Berlin eingestellt werden konnten?“ Während fast täglich der Ausnahmezustand für den Rettungsdienst ausgerufen werde, könne sich das Land Berlin einen Stellenleerstand in den Ausbildungen von knapp 25 Prozent allein im letzten Jahr nicht leisten.

Stellen für zwei komplette Finanzämter fehlen in Berlin

Die Autoren fragen auch: „Wer kann es einer 19-jährigen interessierten Person für eine Ausbildung bei der Polizei Berlin verübeln, dass sie sich nicht bewirbt, wenn die berufliche Zukunft aus 41,5 Stunden Schichtdienst mit nicht planbaren und familienunfreundlichen Diensten in einer Behörde mit über 2,3 Millionen Überstunden und einem Sanierungsstau von über 2,1 Milliarden besteht.“

Die Auszubildendenvertreter fragen zudem, wer in Zukunft das Land Berlin finanziell am Laufen halten solle, wenn bereits heute Personal für zwei komplette Finanzämter – rund 600 Stellen – fehle.

Denn auch die Abbruchquote beim Studium zum Diplom-Finanzwirt, für das die Finanzverwaltung zuständig ist, ist in Berlin hoch. 2019 lag sie bei 37,96 Prozent und damit mehr als doppelt so hoch wie der berlinweite Durchschnitt. Die Aussicht für die Zukunft sieht in diesem Beruf nicht besser aus: In den noch laufenden Studiengängen von 2020 und 2021 fehlen bereits jetzt 37,50 und 36,54 Prozent der eingestellten Nachwuchskräfte. Es sei mit wesentlich höheren Werten zum Ende der Ausbildung zu rechnen.

Auszubildendenvertretung: Das Land Berlin sitzt auf einem Pulverfass

Die Jugend- und Auszubildendenvertretung fragt weiter: „Wer kann unseren Bewerbenden verübeln, dass sie lieber das Ausbildungsangebot eines Unternehmens annehmen, dass bereits 14 Tage nach Bewerbungseingang einen Ausbildungsvertrag vorlegen kann, moderne Ausbildungsmittel zur Verfügung stellt und zudem mit flachen Hierarchien, einer attraktiven Bezahlung, einer ausgewogenen Work-Life-Balance und der flächendeckenden Möglichkeit zum mobilen Arbeiten punkten kann.“

Das Land Berlin, so das Fazit, sitze auf einem Pulverfass. Bis 2031 würden rund 30 Prozent der Beschäftigten den Landesdienst altersbedingt verlassen. Einzelne Dienststellen würden bis dahin sogar mehr als die Hälfte ihres Personals ersetzen müssen.

GdP-Chef Stephan Weh fordert unter anderem, die Bewerbungsabläufe zu beschleunigen, mehr Geld, um die Attraktivität der Berufe zu erhöhen und mehr Wohnraum für Beschäftigte des öffentlichen Dienstes.

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