West-Eastern Divan Orchestra: Charmant rumpelnd altdeutsch

Zwischen Tod und prallem Leben liegt bei Richard Wagner genau ein Halbton. In erschöpftem H-Dur endet „Tristan und Isolde“ mit dem sogenannten Liebestod; in C-Dur, einen Halbton höher, dröhnt das Vorspiel zu den „Meistersingern“, in dem der Komponist ein Bild kerniger Mittelalterromantik entwirft. Im Konzert mit dem West-Eastern Divan Orchester und Daniel Barenboim in der Waldbühne waren beide Werke in dieser Reihenfolge hintereinander zu hören: Auf die Fahrt ins Jenseits folgte die fröhliche Auferstehung in Wams und ...

BLZ
4 Min

Zwischen Tod und prallem Leben liegt bei Richard Wagner genau ein Halbton. In erschöpftem H-Dur endet „Tristan und Isolde“ mit dem sogenannten Liebestod; in C-Dur, einen Halbton höher, dröhnt das Vorspiel zu den „Meistersingern“, in dem der Komponist ein Bild kerniger Mittelalterromantik entwirft. Im Konzert mit dem West-Eastern Divan Orchester und Daniel Barenboim in der Waldbühne waren beide Werke in dieser Reihenfolge hintereinander zu hören: Auf die Fahrt ins Jenseits folgte die fröhliche Auferstehung in Wams und Leder.

Der Effekt war am Sonntagabend allerdings erstaunlich gering. Vielleicht sollte man es mit der etwas spekulativen Wissenschaft von Tonartencharakteristik oder -symbolik nicht allzu sehr übertreiben. Vielleicht hing die abgeschwächte Wirkung aber auch mit Barenboims Abneigung gegen jeglichen Mystizismus zusammen. Das Jenseitige des Tristan-Schlusses klingt unter seinen Händen jedenfalls so gesund diesseitig, dass der Weg zum Meistersinger-Gepolter gar nicht so weit scheint. Und indem das so klar zu hören war, wurde auch deutlich, wie sehr das West-Eastern-Divan Orchester nach 14 Jahren Bestehen ein Barenboim-Orchester ist.

Wenn man dem trauen darf, was über die Lautsprecheranlage der Waldbühne zu hören war, wird beim West-Eastern Divan ein charmant rumpelnder, altdeutscher Klang gepflegt, wie man ihn auch bei Barenboim-Konzerten mit der Staatskapelle zu hören bekommt. Sehr bauchig klingt das oft, sehr erdig, mit viel Freude an kräftigem Bass und weniger Freude an exaktem Zusammenspiel. Dadurch entsteht ein umwerfend lebendiger Orchesterklang in den Streichern, exzellente Solo-Bläser mit nahezu perfekter Intonation runden das Bild ab. Das klingt toll und absolut professionell.

Damen mit Seidenschals

Der Begriff „Jugendorchester“ wird im Zusammenhang mit dem West-Eastern-Divan Orchester ja auch kaum mehr verwendet. Obwohl der Klangkörper mit seiner Altersgrenze von 28 Jahren durchaus in den gängigen Jugendorchester-Rahmen passt. Das Orchester hat es stattdessen geschafft, zu einer Marke zu werden – dank exzellentem musikalischen Niveau, dank Glamourfaktor Barenboim. Dass West-Eastern Divan etwa beim Festival Young Euro Classic im Konzerthaus auftritt, ist eigentlich kaum mehr vorstellbar, stattdessen spielt man wie am Sonntag vor 15 000 Zuhörern in der Waldbühne.

Der Wagenpark der Freunde und Förderer des Orchesters, die gegenüber dem Haupteingang zur Waldbühne parken dürfen, ist eindrucksvoll, empfangen werden sie von freundlichen Damen mit Seidenschals und Perlenohrstecker. Im Programmheft des Abends sind schöne Fotos zu sehen von der gerade im Bau befindlichen „Barenboim-Said Akademie“ im ehemaligen Magazingebäude der Staatsoper, in der von 2015 an bis zu 100 Stipendiaten aus dem Nahen Osten studieren sollen und deren Konzertsaal, wie zu lesen ist, mit seiner mittleren Größe eine „schmerzliche Lücke im Angebot der Berliner Veranstaltungsorte schließen wird.“ Und welches Jugendorchester wird schon wie das West-Eastern Divan bei einem Majorlabel verlegt? Ähnlich exzellente Studentenorchester, etwa das Gustav-Mahler-Orchester oder das European Union Orchestra, die über keine so aufregende Gründungsgeschichte verfügen, könnten da schon neidisch werden.

Gespielt wurde am Sonntagabend auch Berlioz’ „Sinfonie fantastique“, die in einer exzellenten Aufnahme mit dem Ensemble gerade frisch herausgekommen ist und wohl auch deshalb auf dem Tourneeprogramm stand. Durchaus heikel ist dieses in vielen Teilen fragile Stück für eine Open-Air-Aufführung im Riesenrahmen. Barenboim verkünstelt sich mit gesundem Sinn für Pragmatismus nicht allzu sehr, Eindruck machen vor allem die zahlreichen wunderbar gespielten Bläsersoli.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de