Spätestens nach dem Mambo, der ekstatischen Tanznummer kurz vor der ersten Begegnung von Maria und Tony, steht fest, dass dieser Abend ein Triumph wird. Leonard Bernsteins „West Side Story“ mag kaum ganz zu versenken sein; das Stück ist seit bald 60 Jahren einer der ganz großen Knaller des Musiktheaters und rettet mit seinen Melodien selbst öde Inszenierungen – aber wirklich etwas Besonderes wird auch nicht einfach daraus. Das aber ist der Komischen Oper mit dieser in jeder Hinsicht mitreißenden Produktion gelungen; das Publikum hielt es beim Schlussapplaus nach der Premiere am Sonntag nicht lange auf den Sitzen.
Erfolgsgeschichten bergen Gefahren: Musik und Story schleifen sich ab, die Stücke beginnen ihr eigenes Gerücht zu werden. Gravierend wirkt sich das im kommerziellen Musicals aus, in dem die Rechteinhaber peinlich darauf achten, dass jede Änderung abgestimmt werden muss: „Die Uraufführung wurde inszeniert und choreografiert von Jerome Robbins“, musste die Komische Oper auf die Besetzungszettel schreiben, weil diese Produktion von Barrie Kosky inszeniert und von Otto Pichler choreografiert wurde. Zum Glück.
Schwarz ist die Bühne und leer; erkennt man hinten die schwarze Mauer, sieht man schon viel. Aufgemalt auf die viel bewegte Drehbühne sind Markierungen eines Sportplatzes. Dennoch fehlt nichts, im Gegenteil bewirkt die szenische Reduktion die Konzentration auf Tanz und Gesang. Diese „West Side Story“ stellt ihre Mittel aus, sie ist ein enormes, präzises Muskelspiel des Ensembles, und ihre Körperlichkeit ist es, die zugleich gefährlich und anziehend wirkt.
Die Bewegungen sind weniger geschmeidig gespannt als potenziell gewalttätig, das gibt der Choreografie den Charakter von Straße, Pop und Sport. Wie Daniel Therrien als Riff sich mit den Armen in drei Metern Höhe von der Leiter abstützen kann, sodass sein Körper fast gerade absteht, und dabei noch singt, gibt einen Eindruck von dem, was hier los ist. Das „America“-Ensemble ist tänzerisch glamourös und zeigt doch mit drastischem Körpereinsatz, was es heißt, dass in Amerika „für Gebühr alles zu haben ist“. Das „Officer Krupke“-Couplet mit ironischen Anmerkungen zur harten Kindheit der Jets wird hier zu einer heiteren Revue derber Verkommenheit, in der eher die fiebrigen Vorstellungen des Bürgers von den Zuständen „da unten“ dargestellt werden als biografische Tatsachen.
„Den Staub vom Stück pusten“
Barrie Kosky wollte „den Staub vom Stück pusten“, ihm jene ursprüngliche sozialkritische und expressive Härte wiedergeben, von der man etwa beim Betrachten des von Jerome Robbins inszenierten Films von 1961 nichts (mehr) spürt und die man vor lauter „Maria“, „Somewhere“ oder „Tonight“ schon fast vergessen hat. Das Publikum saugt sich eben immer wieder die Liebesgeschichte aus den Stücken – Robbins und sein Autor Arthur Laurents haben aus „Romeo und Julia“ auch deswegen die „West Side Story“ gemacht, um zu zeigen, dass es bei Shakespeare nicht um Liebe, sondern um Toleranz geht.
Nur versteht man das im 20. Jahrhundert besser, wenn man aus dem ursprünglichen Familienzwist einen Bandenkrieg macht, der aus dem Konflikt zwischen Einwanderern und Einheimischen entsteht. Die Liebe über die Schranken hinweg verbessert daran nichts, sie wirkt eher als zusätzlicher Zündstoff.
Kosky sieht keine Notwendigkeit zur Aktualisierung, hier ist immer noch von Amerikanern und Puerto Ricanern die Rede, auch wenn sie so rumlaufen wie die Straßengangs von heute und sich kaum voneinander unterscheiden. Indem Kosky auf zeitliche und regionale Bestimmung verzichtet, federt er das Geschehen nicht mit Dekorationen ab, sondern lässt es sehr direkt auf den Zuschauer prallen. Die Utopie des „Somewhere“, des Irgendwo, an dem die Konflikte überwunden sind, ist nicht nur eine des Liebespaares. Es ist einer der rührendsten Einfälle Koskys, das Lied vom ganzen Chor singen zu lassen, der wie eine Geisterschar hinter dem Paar auftaucht.
Überwältigende stilistische Vielfalt
Der Direktheit dient die Verknappung der Spielszenen. Sie degradiert die Handlung nicht zum Anlass für eine Folge musikalischer Paradenummern, sondern bringt auch hier auf den Punkt, dass die Geschichte von Affekten angetrieben wird. Und die liegen bei Koen Schoots am Pult des Orchesters der Komischen Oper in den besten Händen. Gespielt wird fast strichlos und in der originalen Orchesterfassung. Deren rhythmische und klangliche Energie presst einen geradezu auf den Stuhl; die Instrumentation orientiert sich kaum am Broadway-Sound, sondern eher an der dissonanten orchestralen Härte der frühen Moderne.
Schoot interpretiert lustvoll aggressiv und extrem, aber auch mit inniger melodischer Wärme. Was sich an stilistischer Vielfalt erschließt, ist überwältigend und reicht von naiven amerikanischen Märschen zum Puccini-Schmelz, vom Cabaret zum Ballett der klassischen Moderne, vom Jazz bis zur zwölftönigen Fuge.
Mit dem klassischen Besetzungsproblem indes wird auch die Komische Oper nicht ganz glatt fertig: Julia Giebel und Tansel Akzeybek als Maria und Tony gehen gegenüber Musicaldarstellern mit mangelnder körperlicher Ausdruckskraft an den Start, müssen sich ganz auf die Ausstrahlung ihres Gesangs verlassen. Das geht oft gut, Akzeybeks Höhe in „Maria“ betört, Giebels jugendlicher Ton in „I feel pretty“ desgleichen, trotz nicht ganz idiomatischer Rhythmik.
Gegen die rotzige Anita von Sigalit Feig wirkt die Maria allerdings brav, auch Akzeybek traut man nicht wirklich zu, ein Jet gewesen zu sein. Das schmälert die furiose Wirkung der Inszenierung nicht, die dem Werk mit klarem Konzept seine Sprengkraft zurückgibt. Das „Opernhaus des Jahres“ hat endlich wieder eine Produktion, die dem Titel gerecht wird.
West Side Story: 28., 30. 11. 3., 5., 8., 13., 18., 23.,25. 12., Tel. 4799 74 00.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de