WhatsApp

533 Nachrichten der Spielplatz-Gruppe

Auf WhatsApp werden die Dinge mitunter komplizierter gemacht, als sie sind.

Sabine Rennefanz
3 Min
Manchmal können sie praktisch sein, manchmal aber auch ein echter Stressfaktor: Whatsapp-Gruppen liegen im Trend, dauernd werden neue Gruppen erstellt.

Manchmal können sie praktisch sein, manchmal aber auch ein echter Stressfaktor: Whatsapp-Gruppen liegen im Trend, dauernd werden neue Gruppen erstellt.

© Silas Stein/picture alliance/dpa

Die Welt wird komplizierter, hört man immer wieder. Oft wird sie aber auch komplizierter gemacht. Neulich wollte mich eine Freundin aus Leipzig besuchen. Wir verabredeten uns eine Woche vorher, nannten Zeit und Ort. Es schien einfach. Ich hatte es so verstanden, dass wir uns allein treffen, das war ein Missverständnis. Es sollte nicht das einzige bleiben. 

Ich begann mich zu fühlen, als sei ich Teil einer großen Sache

Am Tag, an dem wir uns treffen sollten, bekam ich eine Nachricht über WhatsApp, den Nachrichtendienst. Meine Freundin hatte eine Gruppe erstellt. WhatsApp-Gruppen liegen im Trend, wie vegane Ernährung oder Hochwasserhosen. Dauernd werden neue Gruppen erstellt, für die Familie, für Freunde, für die Kita.

Manchmal können sie praktisch sein, wenn man sich mit Freundinnen über ein Geschenk für einen Kindergeburtstag austauscht oder fernen Verwandten Bilder vom Baby schickt. In technikfreundlichen Ländern wie Israel werden inzwischen auch Journalisten mit Nachrichten über WhatsApp versorgt, selbst die israelische Armee hat eine Whatsapp-Gruppe. Ich bekam allerdings keine Updates von der israelischen Armee, sondern von der Gruppe „Spielplatz“.

Ich sah mein blinkendes Handy und ich begann mich zu fühlen, als sei ich Teil einer großen Sache. Ich hatte eine Verabredung mit anderen Müttern auf dem Spielplatz. Das klang alltäglich, war aber vielleicht der Beginn einer großen Bewegung. Vielleicht könnten wir auch anderes schaffen, die SPD retten, den Klimawandel verhindern. Schließlich hatten wir eine Whatsapp-Gruppe. 

533 Nachrichten in der „Spielplatz“-Gruppe

Mit einer Sprachnachricht erklärte meine Freundin erst, warum sie die Gruppe ins Leben gerufen hatte. Sie wolle ihre Fahrt Stück für Stück dokumentieren. Als käme sie nicht aus Leipzig, sondern aus Wladiwostok.

Reihum erklärten die anderen Mütter in der Gruppe, wie sinnvoll die Erstellung der Gruppe war und warfen wild Vorschläge durcheinander, welchen Weg die Freundin aus Leipzig auf dem Weg nach Pankow am besten nehmen sollte. Meine Freundin schickte derweil Updates, wo sich ihr Auto auf der Landkarte befand. Ich saß vor dem Handy und fragte mich, ob die ich 533 Nachrichten wirklich lesen musste.

Pünktlich zur verabredeten Zeit stand ich mit meinen Kindern auf dem Arnimplatz in Pankow, auf dem wir verabredet waren. Das Display blinkte. „Sind da“, schrieb eine Bekannte. Ich schaute mich um, sah niemanden. Der Fahrt-Tracker meiner Freundin stand seit einiger Zeit auf der Raststätte „Fläming“. Ich fühlte mich sehr müde.

Soziale Beziehungen werden unverbindlicher und chaotischer 

Wir blieben allein. „Wo seid ihr?“, tippte ich. Ich starrte auf das Display, während meine Kinder im Sand spielten. Offenbar war ich eine dieser gefährlichen Mütter, vor der die Senatsbildungsverwaltung warnt. Es gibt eine Kampagne, man sieht darauf Mütter (und auch Väter), die wie Zombies an ihren Bildschirmen kleben und ihre Kinder ignorieren. So geistern ja alle herum, nicht nur Mütter (und Väter), es hat das Stadtgefühl verändert.

Die Soziologin Eva Illouz erläutert, wie durch die neue Technik soziale Beziehungen unverbindlicher, chaotischer werden, alles müsse dauernd neu verhandelt werden. Offenbar selbst Spielplatz-Verabredungen. Aus der Rettung der SPD würde nichts werden. In dem Moment blinkte es wieder. „Sind Tempelhofer Feld“, schrieb meine Freundin. Ich schaute, ob meine Kinder noch da waren. „Du hast die Gruppe verlassen“, stand auf meinem Display.

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