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Wegbereiter der Friedlichen Revolution: Prora, die DDR-Bausoldaten und ein großes Problem

Wie die Bausoldaten zu Schrittmachern der Wende wurden, das Erinnern daran ohne ein ausgewogenes Bildungszentrum zur NS- und DDR-Geschichte jedoch schwerfällt.

Stefan Stadtherr Wolter
9 Min
Die Gebäude in Prora wenige Jahre nach ihrer Nutzung durch die NVA in der DDR, 1996

Die Gebäude in Prora wenige Jahre nach ihrer Nutzung durch die NVA in der DDR, 1996

© Jens Koehler/imago

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Prora 1983: „Es war gespenstisch still im Kompaniebereich, und es fiel schwer, sich vorzustellen, wie viele Bausoldaten sich hinter den Türen aufhielten. Und dann, gegen 14.30 Uhr, geschah es. Die Türen gingen auf und nach und nach, teils zögernd, teils festen Schrittes traten alle Bausoldaten auf den Gang, um in stiller Andacht dort zu verharren. Einige hielten brennende Kerzen in den Händen, andere beteten still. Ja sie waren eine Gemeinschaft. Charaktere unterschiedlichster Art, aber doch in so vielen Punkten einig.“

Was sich angesichts einer drohenden Eskalation in der Kaserne Prora wegen der „Ohnmacht und Wut über die Willkür und Unverfrorenheit, mit der hier geherrscht wurde“, abspielte, wirkt wie die Vorwegnahme der „Revolution der Kerzen“, die zunächst Leipzigs Straßen und bald die gesamte DDR im Aufbegehren gegen das Regime erfasste. Die Maueröffnung am 9. November 1989 beflügelte den Weg zu Deutschlands Einheit.

Uwe Rühle, der die zitierte Aufzeichnung heimlich am Standort der heutigen Jugendherberge Prora angefertigt hat, war einer jener jungen Männer, die aus Glaubens- und Gewissensgründen den Waffendienst ablehnten und deshalb in der DDR zu den Staatsfeinden gezählt wurden. Denn zu deren Doktrin gehörte der Slogan „Der Friede muss bewaffnet sein“. Dabei machten die jungen Männer, zu denen auch ich gehörte, von einem Gesetz Gebrauch, das einmalig im Ostblock gewesen ist. Das Dienen in den Reihen der NVA – kaserniert, ohne Waffe. Prora war einer von mehr als hundert Orten, an denen die jungen Männer, mit rund 15.000 eine Minderheit, innerhalb der DDR zum Teil Schwerstarbeit leisteten und psychischen Repressalien ausgesetzt waren. Heute gelten die Bausoldaten als Wegbereiter der Friedlichen Revolution.

Der Fährhafen Mukran beim Abzug russischer Militärtechnik nach der Wende 1992

Der Fährhafen Mukran beim Abzug russischer Militärtechnik nach der Wende 1992

© Christian Thiel/imago

Größter Standort der Waffenverweigerer

Prora war mit rund 3000 jungen Männern, die von 1982 bis 1989 beim Bau des Fährhafens Mukran eingesetzt wurden, der größte Standort der Waffenverweigerer. Bis dahin musste der Abschnitt von Block V, in dem sich heute die größte Jugendherberge des Landes befindet, zum wiederholten Male umgebaut werden. Geplant und errichtet wurde der riesige Koloss von Prora mit seinen ursprünglich acht Blöcken als das weithin bekannte nationalsozialistische Seebad Rügen „Kraft durch Freude (KdF)“. Der Krieg verhinderte die Fertigstellung. Danach entdeckten die sowjetischen Befreier die Ruinen, deren Monumentalität zu den Großbauten passte, mit denen sich Stalin verherrlichen ließ.

Zum Zeitpunkt der Gründung der DDR (1949), als der Kalte Krieg längst entbrannt war, wurden zeitgleich zum Bau der damaligen Stalinallee in Berlin fünf der Prora-Blöcke zur Großkaserne ausgebaut, der Ort wurde hermetisch abgeriegelt und der Name Prora von den offiziellen Karten des Landes gestrichen. Federführend beim heimlichen Aufbau des größten Militärstandortes des Landes wurde Oberst Werner Pilz – aufgrund seines rigiden Führungsstils über die zeitweilig bis zu 19.000 Arbeiter auf der Prora-Baustelle auch „der König von Rügen“ genannt.

Unter Anleitung der sowjetischen Besatzer, die über zehn Jahre hinweg in eben jenem Block V residierten, angetrieben durch Botschaften und Musik, darunter Stalins Lieblingslied „Suliko“, entstand das militärische Antlitz Proras. Bis 1956 waren die fünf Blöcke weitgehend vervollkommnet, der graue Putz folgte später.

Prora war eines der Zentren der Entwicklung der Kasernierten Volkspolizei, aus der 1956 die Nationale Volksarmee hervorging. Unter den zahlreichen Militäreinheiten, die sich in der Großkaserne entfalteten, befand sich das einzige Fallschirmjägerbataillon der DDR, das 1960 heimlich aufgestellt wurde, also kurz bevor Panzer aus Prora im August 1961 den Bau der Berliner Mauer absicherten. Auf die Fallschirmjäger folgte die Baueinheit II mit Baupionieren und den Bausoldaten. Fast hätten sich jene Gegner, die in den Zimmern nacheinander hausten, im Herbst 1989 gegenübergestanden.

Was weiß man heute in der Jugendherberge Prora über diese Geschichte? Anstatt alle Nutzungsphasen zu benennen, wirbt sie mit der „Übernachtung in einem Teil des 4,7 km langen ehemaligen ‚KdF-Seebades Rügen‘“.

Die sanierten Gebäude in Prora, in denen heute Ferienwohnungen untergebracht sind

Die sanierten Gebäude in Prora, in denen heute Ferienwohnungen untergebracht sind

© photo2000/imago

Geschichten, in denen Bausoldaten zu Wegbereitern der Friedlichen Revolution wurden, gibt es viele, ganz besonders aus Prora. 1984 deckten Bausoldaten im Haus der heutigen Jugendherberge die Fälschung der Kommunalwahlen auf, und 1986 standen zwei Aktionen mit einem Gemeinschaftsraum der einstigen Kaserne in Beziehung, für den ich 2006, als sich der Bau der Jugendherberge abzeichnete, aufgrund seiner besonderen Ausmalung eine Unterschutzstellung forderte. Ich sprach für zahlreiche ehemalige Mitstreiter, die sich in meiner Autobiografie „Der Prinz von Prora“ (2005) – so genannt wegen meines Spitznamens, wie sie in der abgeschirmten Zwangsgemeinschaft vergeben wurden – wiedergefunden hatten und mit mir später im Zeitzeugenverein Denk-MAL-Prora das Recht auf Aufarbeitung und Erinnerung einforderten.

Die Räume der Stasi wurden einfach wegsaniert

Auf der Suche nach der Geschichte des Raumes stieß ich auf die Hintergründe des Wandgemäldes – und damit auf den Bausoldaten Uwe Roscher. Er malte befehlsmäßig eine Karte der Insel Rügen an die Wand, die er mit kleinen Botschaften spickte, welche als „Regimekritik“ übermalt werden mussten. Kurz darauf lehnte er vor jenem Bild eine Gedenkmünze zum 30. Jahrestag der NVA murmelnd ab: „Eigentlich will ich das Ding nicht.“ Viele dieser Münzen flogen aus den Fenstern der heutigen Herberge, Roscher sammelte sie dann doch auf, um daraus „etwas Besseres zu gestalten“.

Wie erinnert diese Geschichte doch an den Slogan der kirchlichen Friedensbewegung der 80er-Jahre, „Schwerter zu Pflugscharen“. Und wie passt sie zur kleinen Gedenktafel, die unser Verein vor nunmehr 15 Jahren gegenüber der Jugendherberge anbrachte, um an die Verweigerung des Gelöbnisses auf den SED-Staat zu erinnern. Auf der Tafel ein Zitat aus einem der Briefe, die wir damals in jenem Gemeinschaftsraum geschrieben haben: „Wir sollten nachsprechen – alle 240 Mann schwiegen.“

Nur unter politischen Widerständen konnten wir diese Tafel vor Ort etablieren, während die Kaserne weithin nach Originalvorlagen im „KdF-Stil“ ausgebaut wurde. Selbst die Fenster der Herberge, einst Sehnsuchtsorte in die Freiheit, wurden zwischen 2009 und 2011 auf das einstige Maß gebracht. Die Räume der Stasi mitsamt ihren noch vorhandenen Tapeten und manch anderes bauliches Detail der DDR-Zeit wurden trotz der Anträge unseres Vereins wegsaniert. Die überwiegend mit Mitteln von Bund, Land und EU errichtete Jugendherberge eröffnete mit 400 Betten kleiner als ursprünglich geplant. Der Raum mit dem Gemälde blieb so ausgeklammert – und damit die DDR-Geschichte.

Alte und sanierte Häuser des ehemaligen KdF-Objektes in Prora

Alte und sanierte Häuser des ehemaligen KdF-Objektes in Prora

© Volker Hohlfeld/imago

Das Projekt Bildungszentrum wurde „eingefroren“

Immerhin wurde unsere Tafel zum Fanal, die „doppelte Geschichte“ (KdF und NVA) des Ortes anzuerkennen. Doch aus dem zugesagten Bildungszentrum im einstigen Kasernenabschnitt neben der Herberge ist bis heute nichts geworden. Die Jugendherberge gilt indessen als Impulsgeber für die Wiederbelebung des Ortes – inzwischen ein Seebad mit Ferienwohnungen und Hotels im Luxussegment.

Es ist ein klares Missmanagement, dass die Eröffnung der propagierten Bildungseinrichtung von 2013 auf 2022 und schließlich auf 2026 verschoben wurde und nun möglicherweise vor dem Scheitern steht, weil die angenommenen Kosten in jenen Jahren von drei auf sieben und schließlich auf 13,7 Millionen Euro stiegen – hälftig zugesagt von Bund und Land. Inzwischen ist von 20 Millionen Euro die Rede, das Kapital ist, wie aus Regierungskreisen zu hören ist, nicht vorhanden.

Federführend ist die Landeszentrale für politische Bildung in Schwerin, die unseren Verein, allen voran meine Expertise, schon vor der Eröffnung der Jugendherberge lahmgelegt und die Bildungsarbeit an diesem Platz über ein Auswahlverfahren, das öffentlich umstritten war, institutionalisiert hat. Der vonseiten der Landesregierung protegierte Verein Prora-Zentrum, viele Jahre mit der ehemaligen Rügener Landrätin Kerstin Kassner im Vorsitz, gestaltete die Erinnerungsarbeit (schließlich auch zu den DDR-Bausoldaten) nach eigenem Gutdünken, ging jedoch im vergangenen Jahr wegen eines Fehlbetrags im niedrigen fünfstelligen Bereich in die Insolvenz. Fast zeitgleich wurde das Projekt Bildungszentrum abermals „eingefroren“.

Dabei wäre es so wichtig, denn: Der „Koloss von Prora“, den zwei Erlebnisgenerationen der DDR vorrangig als einstige Kaserne betrachten, während diese Geschichte, die doch Hunderttausende Menschen tangierte, allzu oft in den Schatten des geplanten NS-Seebades gestellt wird, offenbart einen Riss in der Gesellschaft. Wenigstens eine bauhistorische Untersuchung, wie von mir seit Jahren gefordert, ist inzwischen in dem zur Debatte stehenden Abschnitt vorgenommen worden – mit beachtlichen, inzwischen notgesicherten Befunden aus der Bau-, Ausbau- und Nutzungsphase des Blocks. Sie lässt erahnen, was in den bereits sanierten vier Prora-Blöcken substanziell verloren ging.

Ein DDR-Wandbild in Prora wird von einem Arbeiter demontiert, um es vor Zerstörung zu bewahren.

Ein DDR-Wandbild in Prora wird von einem Arbeiter demontiert, um es vor Zerstörung zu bewahren.

In zivilgesellschaftlichem Engagement, von offizieller Seite beiseitegeschoben, gelang es auch, bauliche Zeugen der militärischen Nutzung über ganz Prora hinweg zusätzlich unter Denkmalschutz stellen zu lassen und die Nutzungsphasen aller Blöcke zu dokumentieren. Indessen scheint die zur Nachhaltigkeit verpflichtete „Umweltherberge“ zu verkennen, welche Macht der Pazifismus einst in ihren Räumen entfaltet hat.

Mit Hinweis auf das geplante Bildungszentrum lehnen die Verantwortlichen es ab, die facettenreiche, alle militärischen Einheiten umfassende Geschichte zu präsentieren. Weder für die in Prora entstandenen künstlerischen Arbeiten aus Kreisen der oppositionellen Friedens- und Umweltbewegung der DDR noch für Bücher wie das von Uwe Rühle, der seine Aufzeichnungen mutig aus dem Gelände geschmuggelt hat, findet sich ein Platz. Wie ließen sich all diese Themen verbinden – gerade jetzt, in diesen Zeiten!

Stefan Stadtherr Wolter beschäftigt sich seit Jahren mit Prora und der Erinnerungskultur. Er gab zahlreiche Bücher heraus, darunter „Geheimes Tagebuch eines Bausoldaten in Prora“ (2015) und „Prora-Kolossales am Nordstrand. Kalter Krieg unterm weißen Mantel“ (2025). Er betreibt die gemeinnützige Website www.DenkMALProra.de.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.


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