Wie gut, dass niemand weiß ...

Birgitt Eltzel
2 Min

Geben wir's zu: Wir alle haben ein gewisses Bild von uns, das wir gern unserer näheren und ferneren Umgebung vermitteln. Das zeigt uns naturgemäß nur ganz selten klein, dumm und hilflos, sondern meist tough und immer auf der Höhe der Zeit. Selbstverständlich sind wir keine Spießer, sondern moderne Großstädter. Urbane Leute sozusagen, die ganz genau wissen woher der Wind weht. Egal, ob wir 30, 40 oder 50 sind: Zipfelmützige Gartenzwerge haben keine Chance auf einen Platz bei uns, wir kaufen gern Bio (oder weil's inzwischen schick ist, beim Aldi) und hören klassische Musik. Sport treiben wir nicht mehr im Verein um die Ecke, sondern im Fitnessstudio, wo wir Yoga- und Pilates-Kurse belegen.Soweit die Legende. Die Wirklichkeit sieht ein wenig anders aus. Bloß reden wir nicht drüber. Da ist beispielsweise die Frau, die immer wieder die ungerechte Ausbeutung der Dritten Welt anprangert. Am Liebsten aber hört sie, wenn sie ganz mit sich allein ist, Verbrauchertipps im Stadtradio: Wo sind die Orangen günstig, und wo die Bananen? Gibt's den Kaffee mal wieder preiswerter und sind in der Saison auch genug Ananas vorrätig, damit die nicht teurer werden? Die burschikose Freundin, die gern kräftig zupackt und heiße Plädoyers für den Feminismus hält, entspannt sich vor dem Fernsehapparat. Hände und Füße dick mit Vaseline eingekremt - das soll die Haut weicher machen - verfolgt sie im Shoppingkanal ganz unemanzipiert die Werbung für hauchzarte Dessous.Und der Junge, der mit seinen lautstarken Freunden das fortwährende Ärgernis für alle Nachbarn ist, packt immer wieder sonntags eine alte Scheibe auf den Plattenteller und schluchzt zu den Klängen von Heintjes "Mama". Ach wie gut, dass niemand weiß .

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