Wie junge Ostdeutsche am nördlichsten Ende der Zivilisation die Wende feiern - und ihre Freiheit auskosten

Durch eine Mauer aus Schnee

Lilo Berg
6 Min

Spitzbergen Letztes Jahr haben sie Wende gespielt, unten am Fjord, beim Segelclub. Schnee gab es genug und die zwei Meter hohe Mauer war schnell fertig. Dann stellten sich die Ostdeutschen auf die eine Seite, die Wessis auf die andere, und unter lautem Gejohle rannten die Ostler durch die Mauer. Es waren ein paar Norweger gekommen, sie klatschten, einer hatte Sekt dabei, und zusammen stieß man auf den zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls an."Es war ein schöner Jux", sagt Eike Müller, "die Norweger haben noch monatelang davon erzählt." In diesem Jahr wird man sich wohl nur auf ein Bier treffen, in einem der trendigen Pubs an der Hauptstraße in Longyearbyen, aber gefeiert wird auf jeden Fall. Darauf legen einige der jungen Deutschen hier in Spitzbergen besonders viel Wert. Ohne die Wende wären sie nicht im hohen Norden, sie hätten nicht ausschwärmen können in die Welt, aber träumen würden sie davon - hinter der Mauer.Einer von ihnen ist Eike Müller. Er ist ein großer, sportlicher Mann , sein ruhiges Naturell fügt sich gut in diese Gegend. Müller stammt aus Quedlinburg im Harz. Als die Wende kam, war er 16, und hatte gerade eine Lehre als Waldarbeiter begonnen. Als Wehrdienstverweigerer hatte der junge Mann sich damit abgefunden, nicht studieren zu dürfen. Aber dann war auf einmal wieder alles möglich. Eike Müller ging an die Fachhochschule Eberswalde und studierte Forstwissenschaften, später hängte er noch ein Master-Studium an der Technischen Universität München an.Seine Lehrjahre führten ihn an die amerikanische Westküste und in die Mongolei. Er hatte die Welt kennengelernt, eine Karriere als Förster in Sachsen-Anhalt reizte ihn überhaupt nicht mehr.Da bot sich die Chance, ein Stipendium in Longyearbyen zu bekommen, an der nördlichsten Universität der Welt, dem University Centre in Svalbard (Unis). Müller griff zu. Sein Stipendium ist großzügig dotiert, er wohnt nahezu mietfrei und an der Hochschule hat er als Doktorand ein schönes Arbeitszimmer für sich allein. Der erste Sommer war ganz nach seinem Geschmack: Vier Monate lang lebte er draußen, nahe an der Gletscherwelt des Inselarchipels. Eike Müller will herausfinden, wie sich die arktische Pflanzenwelt im Klimawandel verändert. Dazu sammelt er Pflanzen im sogenannten Gletschervorland, dort, wo sich das Eis seit vielen Jahren allmählich zurückzieht. Auf den eisfreien Flächen breiten sich sehr zögerlich einheimische Pflanzen aus: niedrige Gewächse wie der rosafarbene Gegenblättrige Steinbrech oder das Stengellose Leimkraut. Eike Müller untersucht ihre Erbstruktur, prüft die Verwandtschaftsbeziehungen - und hat ein vorläufiges Ergebnis: "Mit der Erwärmung werden die Pflanzen nur schwer fertig." Dabei ist, wenn man den Prognosen der Klimaforscher glaubt, in Spitzbergen bis zum Jahr 2100 mit einem Anstieg der Durchschnittstemperatur um 6 Grad Celsius zu rechnen. Müller: "Womöglich siedeln sich dann immer mehr fremde Arten hier an."Was in der Natur ein unkalkulierbares Risiko darstellt, ist an der Universität in Longyearbyen sehr erwünscht. Von den rund 400 Studenten kommt nur eine Hälfte aus Norwegen. Die andere stammt aus knapp 30 Ländern, berichtet Gunnar Sand, der Unis-Rektor. "Die Deutschen sind die größte Gruppe unter den Ausländern", sagt er, "sie passen gut hierher." Sand ist gerade von draußen in sein Büro gekommen, er legt die Sonnenbrille mit den orangen Gläsern ab: "Die muss ich tragen, seit mir im Winter ein Auge erfroren ist." Dann zählt er auf, was man an seiner Uni studieren kann: Biologie, Geologie, Geophysik und Technikwissenschaften, alles mit Blick auf die Besonderheiten der Arktis und die meisten Fächer nur in der Master-Phase.Elke Morgner kam vor drei Jahren nach Longyearbyen, um ihr Biologiestudium abzuschließen. Seit Kurzem arbeitet die quirlige Berlinerin für das Svalbard Science Forum. Dort koordiniert sie gemeinsam mit ihrer deutschen Chefin die vielen Projekte von Arktisforschern, die aus aller Welt nach Spitzbergen strömen. Aufgewachsen ist Elke Morgner in Hellersdorf. Als die Wende kam, war sie erst neun Jahre alt. Ihre Erinnerungen an diese Zeit sind schemenhaft. Aber dass sie schon als Kind die Natur liebte und die Großstadt nicht mochte - das ist der jungen Frau sehr präsent. Bis zum Abitur hielt sie es aus in Berlin. Dann das Grundstudium in Potsdam, anschließend ein Auslandsjahr an der Universität Stockholm - und das Nordlandvirus hatte sie erwischt.Eigentlich hatte Morgner vorgehabt, in Longyearbyen zu promovieren, so wie Eike Müller. Sie gab den Plan auf, als sie merkte, dass das wissenschaftliche Arbeiten ihr nicht liegt. Jetzt lebt sie entspannter. Sie ist viel draußen und fährt ausgiebig Ski. Bis Ende Juni ist das hier möglich: "Nach der Arbeit steige ich auf den nächsten Gletscher, im Winter mit Stirnlampe." Im Sommer ist Jagdsaison. Jeder Bürger Spitzbergens darf ein Rentier erlegen. Auch die zierliche Elke Morgner schultert ab und zu ihr Gewehr und macht sich auf die Pirsch, zusammen mit ihrem bayerischen Freund, der als Geologe für das örtliche Steinkohlenbergwerk arbeitet. Einmal wurden die beiden von einem Eisbären verfolgt, nur mit Mühe konnten sie sich retten. Das junge Paar will noch eine Weile in Spitzbergen bleiben. Heimweh haben die beiden selten, und auch Eike Müller zieht es kaum zurück, vor allem seit er eine schwedische Freundin hat.Jetzt geht die Sonne täglich zwanzig Minuten früher unter, bald ist es rund um die Uhr stockfinster. So seltsam es für Mitteleuropäer klingt: Die Spitzbergener freuen sich auf die Dunkelzeit, auf die ungestörte Gemütlichkeit. Ende Oktober verschwindet die Sonne hinter dem Horizont, im Februar taucht sie wieder auf. Ob die Deutschen in der Zwischenzeit eine Mauer errichten - es bleibt im Dunkeln.------------------------------Kühle KüsteSpitzbergen ist eine Inselgruppezwischen Nordatlantik und Arktischem Ozean. Auf Norwegisch heißt sie Svalbard - "kühle Küste". Nur knapp 3000 Menschen leben dort.Dauerhaft besiedelt wurde die Inselgruppe erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Reiche Kohlevorkommen hatten das Interesse sowohl Norwegens als auch Russlands geweckt. 1925 trat der Spitzbergen-Vertrag in Kraft, der die Inseln norwegischer Verwaltung unterstellte und zugleich zur entmilitarisierten Zone erklärte.In der Gegenwart ist Spitzbergen vor allem als natürliches Labor für die Arktisforschung von Bedeutung.------------------------------Karte: Spitzbergen (Norwegen)Foto: Auf 78 Grad nördlicher Breite liegt das Universitätszentrum von Spitzbergen, die nördlichste Hochschuleinrichtung der Welt.Foto: Eike Müller und Elke Morgner: Aus dem Universitätsstädtchen Longyearbyen (Hintergrund) wollen die Biologen so bald nicht weg.

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