Ich war mit der Deutschen Bahn von Berlin nach Köln unterwegs, saß an einem Platz mit Tisch, der Platz neben mir war frei, der Zug überhaupt angenehm leer. Doch kaum hatten wir Berlin verlassen, kamen wir zum Halten.
Der Zugchef erklärte uns, dass der ICE vor uns ein technisches Problem habe und nun herausgefunden werden müsse, ob sich dieses beheben lasse oder ob wir die Reisenden aus diesem Zug aufnehmen müssten. Es kam zu letzterem, und zwar bei einem außerplanmäßigen Halt in Rathenow. Die Verspätung belief sich da bereits auf 48 Minuten, aber darum geht es hier ausnahmsweise nicht.
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In Rathenow füllte sich der Zug und neben mir nahm, ich muss es so sagen, ein großer, schöner Mann Platz. Aber was mich noch mehr für ihn einnahm: Er nahm ein Buch aus seinem Rucksack und fing an zu lesen.
Dass Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln ein richtiges Buch in die Hand nehmen, ist im Handyzeitalter selten geworden. Noch dazu war es anspruchsvolle Lektüre: Eduardo Galeanos „Die offenen Adern Lateinamerikas“, in dem der uruguayische Autor die 500 Jahre währende Ausbeutung erst durch die europäischen Kolonialmächte und dann durch die USA beschreibt.
In mehreren Ländern der Region wurde das Buch von den Diktatoren verboten. Was für eine Auszeichnung! Aber ich muss mich bremsen.
Es gibt noch etwas, von dem ich berichten muss und das den Sockel, auf den ich meinen Nebensitzer schon gestellt hatte, noch ein bisschen höher machte. Er hatte das Buch aus einer Bibliothek ausgeliehen, wie die Zahlen-Buchstaben-Kombination auf dem Buchrücken verriet.
Neulich in der Staatsoper: Was tut man, wenn jemand mit so einer Frisur vor einem sitzt?
Ich fasse zusammen: Ein Leser, anspruchsvoll, Bibliotheksbesucher. Ich warf diesem seltenen Exemplar von der Seite ehrfurchtsvolle Blicke zu. Trotzdem döste ich irgendwann weg, wurde jedoch alsbald von einem Geräusch neben mir geweckt. Aber nur so halb.
Mein Ellenbogen bewegte sich Richtung Sitznachbar, aber irgendein sich im Unterbewusstsein abspielender Vorgang bremste ihn in letzter Sekunde. Sonst hätte ich dem Mann einen unsanften Rippenstoß verpasst. Er war nämlich auch eingeschlafen und er schnarchte!
Nun war ich wach, das Podest bröckelte, und ich verbrachte den Rest der Zugfahrt damit, mich zu fragen, ob man so jemanden wecken und ihm sagen darf, was das Problem ist. Diese Frage aber berührt intime Bereiche und ich habe keine Antwort gefunden.
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