Zwei kleine Jungs rennen um die Tische herum. Sie spielen Fangen. Im nächsten Moment wollen sie den fremden Besuchern zeigen, was sie gemalt haben. Eltern sind nicht zu sehen. Dies ereignete sich bei einem früheren Besuch in der Traglufthalle an der Kruppstraße in Moabit. Es war lange vor dem tragischen Zwischenfall von Dienstagabend, bei dem ein Vater von Polizisten niedergeschossen worden ist, weil er den Mann angriff, der seine sechsjährige Tochter sexuell missbraucht haben soll. Heute macht die Unbefangenheit, mit der sich die beiden Jungs vor Monaten wildfremden Menschen zuwendeten, nachträglich betroffen. Wer schützt solche Kinder in einer Massenunterkunft? Kann man das überhaupt?
Eine Halle nur für Familien
Es leben 12.000 Flüchtlingskinder zurzeit in Berliner Heimen. „Die Aufsichtspflicht ist ein Riesending“, sagt Mathias Hamann, der Leiter der Moabiter Einrichtung am Mittwoch. Es hat einen sexuellen Übergriff auf ein kleines Mädchen durch einen Mann gegeben, den das Kind offenbar nicht kannte. Das Mädchen wohnte mit seinen Eltern in einer der Aufblashallen, einem Notquartier, in dem die Menschen aber trotzdem zum Teil bereits länger als ein Jahr leben.
Seit November 2014 betreibt die Berliner Stadtmission diese Traglufthallen als Notunterkunft für Flüchtlinge am Poststadion in der Kruppstraße. Es ist Platz für 300 Personen. In jeder Halle sind mit Trennwänden Sechs-Bett-Kabinen errichtet worden. Drinnen ist neben den Betten Platz für einen Tisch und ein paar Stühle. In der einen Halle sind ausschließlich alleinreisende Männer untergebracht, die andere Halle ist für Familien und alleinreisende Frauen da. Eine Kabine pro Familie. Heimleiter Hamann ist erleichtert, dass es wenigstens nicht innerhalb der Einrichtung zu dem Übergriff gekommen ist. Der Täter missbrauchte das Kind in einem nahe gelegenen Park. Es ist unklar, wo die Eltern waren und wie der Täter das Mädchen weglocken konnte. Hamann sagt, er wüsste nicht, wie er so etwas verhindern soll.
Tatort Heim
Die Polizei muss in Berliner Flüchtlingsunterkünften verhältnismäßig oft einschreiten. In den ersten sieben Monaten des Jahres ermittelte die Polizei 1371 mal wegen Körperverletzung und anderen Rohheitsdelikten in den Heimen, 48 mal wegen Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung und zweimal, weil Menschen einander nach dem Leben trachteten.
Für den Flüchtlingsexperten der Linken Hakan Tas ist der aktuelle Fall Anlass, die Unterbringung von Flüchtlingen in Massenunterkünften insgesamt infrage zu stellen. „Eine vernünftige Unterbringung ist das beste Sicherheitskonzept. Massenunterkünfte wie die in der Kruppstraße schaffen Probleme. Viele Menschen über lange Zeit auf engem Raum – das birgt ein hohes Konfliktpotenzial. Es gibt Bedingungen, die Übergriffe und Missbrauch begünstigen. Wir müssen deshalb alles tun, damit die Menschen schnellstmöglich in Wohnungen untergebracht werden“, sagt er.
Von den etwa 80.000 Geflüchteten, die seit Mitte vergangenen Jahres in die Stadt gekommen sind, leben zurzeit 38.000 in Berliner Heimen. Davon sind 22.000 in Notunterkünften untergebracht. Bis Jahresende sollen zumindest 5000 Menschen, die seit einem Jahr in Turnhallen hausen, in reguläre Heime umziehen.
Für die Hallen an der Kruppstraße sieht der Betreibervertrag laut Hamann vor, dass Heimleitung und sozialpädagogisches Personal von 9 bis 18 Uhr anwesend ist, danach und an den Wochenenden nur noch das Sicherheitspersonal. „Wir haben das aber schon geändert, es erschien uns nicht genug“, sagt Hamann. Fachlich ausgebildetes Personal ist jetzt täglich bis 23 Uhr anwesend. Trotzdem gebe es eine Menge Probleme, sagt Hamann. Eltern passten nicht ausreichend auf ihre Kinder auf, es gebe viele Spannungen zwischen den Bewohnern. „Unsere Konsequenz ist, wir sind mehr da“, sagt Hamann. Außerdem wurden Psychologen eingestellt.
Es ist einiges gemacht worden für Kinder in den Heimen. Es gibt Erzieher, Spielzimmer, Beratung und Hausaufgabenhilfe. Auch um Geflüchtete, die besonders viel Schutz brauchen wie unbegleitete Minderjährige, alleinreisende Frauen, Homosexuelle, traumatisierte Personen wird sich gekümmert. 30 Einrichtungen haben Plätze für Härtefälle. In den großen Heimen beschäftigen die Betreiber neben Sozialpädagogen auch Psychologen.
Kinderschutzkonzept verlangt
In den Betreiberverträgen wird neuerdings ein Kinderschutzkonzept verlangt. Das Personal muss geschult werden, wie sexuelle Übergriffe verhindert werden können und wie reagiert werden soll, wenn es doch dazu kommt. Das betrifft auch die ehrenamtlichen Helfer. „Es müssen alle sensibilisiert werden, damit sie auch handeln können, wenn etwas auffällt“, sagt Monika Hebbinghaus, Sprecherin der Senatssozialverwaltung. Einen Plan, wie man möglichst schnell die Kinder ganz aus den Heimen bekommt, gibt es allerdings nicht.
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