Wissenschaftsgeschichte bietet die Chance, Konflikte, die durch den Wissenszuwachs der Gegenwart entstehen, mit Konstellationen früherer wissenschaftlicher Revolutionen zu vergleichen. Philosophen, Literatur- und Kunstwissenschaftler treffen dabei auf Soziologen, Historiker und Naturwissenschaftler. Inzwischen finden die in den USA blühenden "Science Studies" auch in Berlin immer mehr Beachtung. So legt jetzt etwa neben dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte auch das Zentrum für Literaturforschung seinen Schwerpunkt auf die Verbindung von Literatur, Technik- und Wissenschaftsgeschichte.In der vergangenen Woche lud nun ein Forscherteam der Freien Universität zu einer Tagung über "Kunstkammer, Laboratorium, Bühne" als "Schauplätze des Wissens im 17. Jahrhundert". Innerhalb des Sonderforschungsbereichs der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) an der FU zu "Kulturen des Performativen" erkunden die Forscher seit dem Vorjahr "Spektakuläre Experimente" als historische Praxis zur Darstellung von Wissen. Denn Wissen besteht nie nur aus Ideen. Es braucht Räume, Instrumente und Abläufe. Und da die Forscher zur Vermittlung von Erkenntnissen unzählige Inszenierungswege nutzen, ist der Leitgedanke des Sonderforschungsbereichs von der Theatralität europäischer Kultur auf Politik, Kunst, Literatur und Wissenschaft gleichermaßen anwendbar.Vorträge abgeworfenDie Tagung an der FU ging davon aus, dass die Forschungs- und Vorführräume der Wissenschaften die Wissensproduktion unmittelbar beeinflussen. Schon im 17. Jahrhundert wurden Experimente in Speziallaboratorien durchgeführt. Seit 1540 hatten anatomische Theater zur öffentlichen Vorführung von Sektionen an menschlichen Leichen Konjunktur. Auch einen der Tagungsorte hatte Carl Langhans im 18. Jahrhundert als Anatomisches Theater errichtet.Verbreitet waren damals auch Kunstkammern an Fürstenhöfen, die Kuriositäten aus aller Welt neben Kunstwerken und seltenen Büchern ausstellten. Heute wirkt diese Nachbarschaft oft surreal. Doch erlebt das Prinzip Kunstkammer derzeit eine Renaissance, sei es in Ausstellungen wie den "Sieben Hügeln" in Berlin oder im Internet, wo ein Klick die Grenzen zwischen Entertainment und Wissenschaft, Text, Bild und Ton bereits überwindet. Auf der Tagung zeigte sich zugleich wieder einmal, wie hinderlich die Praxis des Konferenz-Jetsets für die Präsentation von Wissenschaft geworden ist. Während junge Forscher sich bemühten, das Konferenzthema in ihren Vorträgen aufzugreifen, beließen einige Berühmtheiten es beim "Abwurf" offenbar nicht zu diesem Anlass verfasster Vorträge und reisten gleich wieder ab. Sehr eilig hatte es etwa der Harvard-Wissenschaftshistoriker Peter Galison, der die Übersetzungsprobleme zwischen experimentellen und theoretischen Physikern durch Vergleiche aus der Linguistik der Pidgin- und Kreolsprachen gewandt wegerklärte.Barbara Stafford (Chicago) und Horst Bredekamp (Berlin) dagegen schienen ganz vereinnahmt von ihrer Arbeit. Stafford führte wirr und eitel die von ihr für das Getty-Museum kuratierte Ausstellung über "Wunderbare Apparate" vor. Dazu zeigte sie unsystematisch wie aus einem Zauberschrank Ausstellungs- und Projektionsapparate. Die versprochene Analogie zwischen Computer-Netzwelten und den historischen Multifunktions-Apparaturen blieb sie dagegen schuldig.Kriegsspiele für die WirklichkeitIn Bredekamp fanden Leibniz Integration logisch-mathematischer Strukturen und sinnlicher Anschaulichkeit sowie dessen Projekt eines europäischen "Theaters der Natur und der Künste" einen kenntnisreichen Fürsprecher. Bredekamps Streben, die Sammlungen der Humboldt-Uni in einer Dauerausstellung zu einen, belebt Leibniz Idee von der sinnlichen Vermittlung des Wissens neu, die in der Petersburger Kunstkammer einst umgesetzt wurde.Welche Rückwirkungen die Inszenierung von Wissen im Einzelfall auf die Wirklichkeit erlangen kann, zeigte hochaktuell Timothy Lenoir (Stanford University) anhand der Entwicklung von Computer-Kriegsspielen. In den 90er-Jahren waren zahlreiche Militär-Programmierer in Spiele-Unternehmen gewechselt. Trieben einst militärinterne Entwicklungen die Computerindustrie voran, so ist heute der Spiele-Markt mit seinen lebensechten Grafiken, dem Einsatz künstlicher Intelligenz und Interaktivität zur technischen Avantgarde geworden. Heute setzt das amerikanische Militär die Flugsimulatoren oder Strategiespiele der Unterhaltungsbranche zur Schulung seiner Soldaten ein. Das DFG-Projekt zur "Theatralität" endet mit einer Konferenz vom 6. bis 9. Juni am Institut für Theaterwissenschaft der FU. Das Thema Wissenschaftspräsentation soll dagegen mit Tagungen zu "Instrumenten in Kunst und Wissenschaft" und über "Wahrnehmungen" in den nächsten Jahren fortgesetzt werden.Foto: AKG BERLIN Magdeburg, um 1650: Otto von Guerickes "Galgenversuch" mit Vakuum-Halbkugeln, um die Stärke des Luftdrucks zu bestimmen.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de