Washington/London Ein Mann kniet auf dem Boden, die Hände hinter dem Rücken gefesselt, die Augen verbunden, eine Jacke über dem Kopf. Ein irakischer Soldat nähert sich dem Gefangenen und tritt ihm mit der Stiefelsohle in den Nacken. Diesen Vorfall vom März 2006 haben mindestens drei US-Soldaten beobachtet, er wurde gemeldet und auf seine Glaubwürdigkeit überprüft. "Keine Untersuchung notwendig", heißt es abschließend im Bericht. Es ist ein vergleichsweise minderschwerer Übergriff, gemessen an Vorwürfen von Misshandlung, Folter, Vergewaltigung und Tötungen während des Irakkriegs. Aber allein dieser Rapport verdeutlicht die Brisanz der 391832 Geheimdokumente, die die Internetplattform Wikileaks am späten Freitagabend ins Netz stellte: US-amerikanischen Stellen wird vorgeworfen, von schweren Misshandlungen im Irak durch einheimische Polizisten und Soldaten gewusst zu haben - aber den Hinweisen nicht nachgegangen zu sein.Namen und Orte geschwärztDoch nicht etwa deshalb reagierten die USA verärgert auf die Wikileaks-Enthüllungen. Generalstabschef Mike Mullen erklärte, die "unverantwortliche Veröffentlichung gestohlener geheimer Dokumente gefährdet Leben und gibt Feinden wertvolle Informationen". Pentagonsprecher Geoff Morrell nannte die von Wikileaks veröffentlichten geheimen US-Militärdokumente über den Krieg im Irak "ein Geschenk an terroristische Organisationen". Außenministerin Hillary Clinton sagte, es sei strengstens zu verurteilen, wenn durch solche Enthüllungen das Leben von Soldaten und Zivilisten aus den USA und verbündeten Staaten gefährdet werde.Gleichwohl muss die Geschichte des Irak-Krieges nach der Veröffentlichung nicht neu geschrieben werden - so schätzen es zumindest die Medien ein, denen Wikileaks schon vor zehn Wochen die Dokumente zuspielte. Die Skandale des Irak-Kriegs sind hinlänglich dokumentiert: Wie Blackwater-Mitarbeiter Zivilisten töteten. Wie sich US-Firmen mit guten Beziehungen zur Bush-Regierung als Kriegsgewinnler die Taschen füllten. Wie US-Soldaten im Gefähnis Abu Ghoreib Gefangene folterten, vergewaltigten, ermordeten.Klar scheint, dass die Veröffentlichung der Irak-Dokumente den schwelenden Streit zwischen der Supermacht und Wikileaks weiter anheizt. Schon nach der Veröffentlichung von rund 70000 Afghanistan-Dokumenten vor drei Monaten hatten die USA schwere Vorwürfe gegen die Organisation erhoben. Wikileaks-Gründer Julian Assange fühlt sich seit Langem von US-Diensten verfolgt und wirft der Regierung vor, ihn mit einer Kampagne diskreditieren zu wollen.Der Zeitung New York Times zufolge prüfen das Justiz- und das Verteidigungsministerium in Washington, ob Assange gegen das Spionagegesetz von 1917 verstoßen habe. Die US-Regierung forderte Wikileaks wiederholt auf, alle Geheimunterlagen "zurückzugeben", keine weiteren Materialien zu veröffentlichen und alle Versuche einzustellen, weitere Geheimpapiere zu erhalten. Der US-Gefreite Bradley Manning, der Wikileaks die Dokumente über die Kriege in Afghanistan und dem Irak zugespielt haben soll, sitzt in Haft.Wikileaks lehnt die US-Forderungen ab, hat aber in den Irak-Dokumenten zahlreiche Passagen geschwärzt, darunter Namen von Informanten und einige Ortsangaben. Die Organisation kündigte an, bald weitere rund 15000 Afghanistan-Dokumente veröffentlichen zu wollen. Daniel Ellsberg, der 1971 die berühmten "Pentagon-Papiere" zum Vietnamkrieg an die Medien weitergereicht hatte, stellte sich hinter die Organisation: "Sie waren bereit, lebenslang ins Gefängnis zu gehen oder hingerichtet zu werden, um diese Informationen zugänglich zu machen." Ellsberg nannte Assange anerkennend den "gefährlichsten Mann auf der Welt".Im Anzug und mit getönten HaarenWikileaks hatte Ellsberg am Sonnabend extra aus den USA nach London einfliegen lassen, wo Assange in einem unterirdischen Konferenzsaal eines Hotels seinen jüngsten Coup präsentierte. Assange, 39, erschien nicht in Jeans, sondern in schwarzem Anzug mit Krawatte, die ehemals semmelblonden Haare waren etwas dunkler getönt. "Das erste Opfer eines Krieges ist immer die Wahrheit", sagte er. "Wir hoffen, dass wir einige dieser Angriffe auf die Wahrheit korrigieren können." Die Internet-Whistleblower hatten ihr Irak-Material, die umfangreichste Enthüllung dieser Art in der US-Militärgeschichte, nicht nur ausgewählten Zeitungen, sondern auch anderen Organisationen vorab zur Auswertung zugänglich gemacht - etwa Iraq Body Count, die als einzige Gruppierung seit Beginn der Invasion 2003 Buch über die Toten des Kriegs führt. Assange verteidigte sich gegen Unterstellungen der US-Regierung und des britischen Verteidigungsministeriums, die Veröffentlichung der anonymisierten Geheimberichte gefährde das Leben von alliierten Soldaten oder Irakern. Vielmehr würden sie die "menschliche Dimension" der Invasion und ihrer Folgen zeigen.------------------------------Was die Feldberichte an neuen Erkenntnissen bringenMisshandlungen ignoriert: In irakischen Gefängnissen sollen einheimische Polizisten und Soldaten Gefangene gefoltert, vergewaltigt und schwer misshandelt haben. Die Inhaftierten wurden mit Metallrohren, Holzstangen und Strom traktiert. Auch Morde sind dokumentiert. Die US-Soldaten wussten davon und unternahmen meist nichts.Mehr Todesopfer: 15000 der in den US-Feldberichten belegten 109 000 Todesopfer waren der Organisation Iraq Body Count zufolge bisher nicht erfasst. Unter den Getöteten sind 24000 sogenannte Aufständische und etwa 66000 Zivilisten. 680 Privatpersonen wurden laut Sunday Times an US-Kontrollposten erschossen, darunter 30 Kinder.Söldner noch schlimmer: Der Einsatz privater Sicherheitsfirmen hat das Kriegschaos verschärft. Das folgert die New York Times aus den Akten. Die Söldner "schossen oft ohne große Unterschiede zu machen auf Zivilisten, Sicherheitskräfte, US-Soldaten und auf andere private Sicherheitsleute , mit wenig oder gar keinen Konsequenzen".Top-Terrorist entkommen: Britische Truppen ließen den jordanischen Terroristen Abu Mussab al-Sarkawi im März 2005 entkommen - weil ein Überwachungshubschrauber keinen Treibstoff mehr hatte, berichtet der britische Guardian. Sarkawi plante weitere Attentate, bis er erst 15 Monate später von US-Truppen getötet wurde.------------------------------Aus den ProtokollenSehr nüchtern ist der Ton in den US-Feldberichten, die Wikileaks veröffentlicht hat. Sie wurden zwischen Januar 2004 und Dezember 2009 geschrieben und sollen aus einer Datenbank des Pentagon stammen. Einige Auszüge:Am 27. August 2009 schreiben die Militärs über den angeblichen Selbstmord eines Gefangenen, den sie als "verdächtigen Vorfall" einsortieren: "Das Personal, das die Post-Mortem-Untersuchung durchführte, fand Quetschungen und Verbrennungen am Körper des Gefangenen ebenso sichtbare Verletzungen an Kopf, Arm, Oberkörper, Beinen und Hals. Die Verletzungen stimmen mit solchen bei Missbrauch überein."Am 14. Dezember 2009 geht es um eine Exekution eines Gefangenen durch irakische Soldaten, von der es Filmaufnahmen gibt: "Das Video zeigt Aufnahmen von Soldaten der irakischen Armee (IA), die einen Gefangenen hinrichten. Die Aufnahmen zeigen, dass etwa zwölf IA-Soldaten beteiligt sind. Der Gefangene hat gefesselte Hände. Die Aufnahmen zeigen, wie die IA-Soldaten den Gefangenen auf die Straße führen, ihn zu Boden werfen, ihn schlagen und erschießen."Am 3. Dezember 2008 ist erneut ein "verdächtiger Vorfall" dokumentiert. Diesmal geht es um einen Lokalpolitiker namens Bashir, der in Polizeigewahrsam angeblich an Nierenversagen gestorben ist: "Es gab Hinweise auf eine unbekannte Art von operativem Eingriff am Unterleib Bashirs. Der Schnitt wurde mit 3 bis 4 Stichen genäht. Es lagen zudem Blutergüsse an Gesicht, Brust, Fußgelenk und Rücken vor."Am 22. Februar 2007 steht in den Akten über einen Kampfeinsatz eines US-Hubschraubers nach einem Mörserangriff: "1x Einsatz der 30-Millimeter-Kanone, 2x Anti-Irakische Kräfte im Einsatz getötet, 1x Mörser-System zerstört, 1x Bongo-Lastwagen zerstört mit vielen sekundären Explosionen, 1x Müllwagen zerstört, 1x Hütte zerstört."Am 14. Juni 2005 heißt es über einen Vorfall an einem Kontrollposten: "Als das Fahrzeug nach all den Warnschüssen nicht stoppte, schossen die Marines auf den Fahrer, um das Fahrzeug zu stoppen. In dem Fahrzeug befanden sich insgesamt elf Zivilisten. Der Beschuss führte zum Tod von sieben Zivilisten (zwei davon Kinder) und zwei verletzten Zivilisten. Die große Zahl getöteter Zivilisten rührte daher, dass die Familie ihre Kinder auf den Fahrzeugboden gelegt hatte. Die Schüsse auf den Kühler durchschlugen offenbar den unteren Teil des Fahrzeugs und führten zu der großen Zahl Toter."Die Dokumente im Netz: wikileaks.org /iraq/diarydig------------------------------Grafik: Zahl der Toten im Irak: Der Krieg im Irak fordert viele zivile Opfer - mehr auch als bisher angenommen. Die Grafik basiert auf den von Wikileaks veröffentlichten Daten. (2004-2009)Foto: Ein US-Soldat schaut zu, wie irakische Sicherheitskräfte einem Gefangenen eine Tüte überstülpen und abführen.Foto: Julian Assange, Wikileaks-Gründer
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