Alles Schwedische ist den Deutschen ja grundsympathisch: Bullerbü und das Billy-Regal, Greta Garbo und Greta Thunberg. Und so hat es auch Kubb, das in seiner heutigen Form erst seit Beginn der 90er-Jahre existiert, in kürzester Zeit nahezu flächendeckend in die bundesrepublikanischen Großstadtparks geschafft – obwohl tendenziell nur der Name des Spiels schwedisch ist: „Kubb“ ist der schwedische Begriff für Holzklotz.
Vermutlich frönten nämlich schon die alten Ägypter einem Sport, in dem es darum ging, mit Wurfstäben auf Blöcke zu zielen – zumindest fand man in einer Grabkammer Artefakte, die dem modernen Kubb-Spiel aus sechs Wurfstäben, zehn Kubbs genannten Kanthölzern und einem größeren Klotz, der den König darstellt, erstaunlich ähneln. Auch die alten Griechen sollen sich mit einem Spiel vergnügt haben, bei dem Teams mit Wurfstäben gegeneinander antraten, um extra dafür gefertigte Blöcke umzuwerfen, die freilich noch aus Stein waren.
Die Ursprünge
Funde aus dem Mittelmeerraum weisen darauf hin, dass es schon in der Antike Spiele gab, bei denen mit Stäben auf Blöcke geworfen wurde. Die früheste schriftliche Erwähnung eines Kubb-ähnlichen Spiels stammt aus der schwedischen Enzyklopädie „Nordisk familjebok“ von 1911. Da wurde es „Kägelkrig“ (Kegelkrieg) genannt, und statt Stäben wurden Kugeln auf die Blöcke geworfen. Nah an der heutigen Form des Spiels, als Wettbewerb zweier Teams, die aus gegenüberliegenden Positionen auf aneinandergereihte Hölzer zielen, sind die Spiele Kyykää und Bunnock aus der finnisch-russischen Grenzregion – wobei beim Bunnock auf Knochen gezielt wurde und bis heute wird. Kubb nach den heutigen Regeln wird erst seit den frühen 90ern gespielt. 1995 fand in Gotland die erste WM statt, weshalb sich die Bezeichnung „Wikingerschach“ eingebürgert hat. (chs.)
„Es gab immer Leute, die zum Spaß Holz durch die Gegend geschmissen haben“, sagt Christian Mathews, 30, vom Berliner Kubb-Verein Durstiges Holz, „auch die Wikinger, die haben eben ganze Baumstämme geworfen.“ Deswegen, und auch weil 1995 auf der schwedischen Insel Gotland erstmals die Kubb-Weltmeisterschaft ausgetragen wurde, kursiert das Spiel bei seiner stetig wachsenden Anhängerschar in Deutschland weithin als „Wikingerschach“.
Durstiges Holz, 2013 in einer Kneipe im Gleimkiez „aus einer Bierlaune heraus“ gegründet, wie Christian sagt (beim Kubb duzt man sich grundsätzlich), ist mit vierzig Mitgliedern der größte Berliner Verein und der zweitgrößte in Deutschland. Und der Reporter darf an einem spätsommerlichen Nachmittag bei einer Trainingssession im Jahn-Sportpark mitmischen, ehe am Abend ebendort ein Spieltag der Berliner Kubbliga stattfindet.
Spielfeld ist jede Wiese dieser Welt
Aufgebaut ist das Spiel im Nu. Christian misst in lockerem Schrittmaß ein Spielfeld von fünf Metern in der Breite und acht Metern in der Länge ab und markiert die Ränder mit vier Grenzhölzern. Auf halber Länge markiert er mit zwei weiteren Grenzhölzern die Mittellinie. Dann stellt er auf beiden Seiten je fünf Kubbs auf, die die Grundlinie bilden, und platziert den König in die Mitte des Spielfelds. Schon kann es losgehen. Ziel des Spiels ist es, mit dem Wurfholz erst alle Kubbs des Gegners abzuräumen und am Ende den König. „Der König“, sagt Christian, „ist wie die 8 beim Billard. Er fällt als letzter. Wenn er vorher fällt, hast du verloren.“
Ich war ein Gummibaum: Kubb-Spiel von Duurstiges Holz.
© Volkmar Otto
Das Spiel
Ein Kubb-Spiel umfasst folgende Figuren: einen König von ca. 30 cm Höhe, zehn Kubbs von ca. 15 cm Höhe, sechs ca. 30 cm lange Wurfhölzer sowie vier ebenso lange, auf einer Seite zugespitzte Eckstäbe bzw. Grenzhölzer, um das Spielfeld von fünf mal acht Metern abzustecken. Gelegentlich sind zwei weitere Eckstäbe zur Markierung der Mittellinie im Spielset enthalten. Wegen der hohen Beanspruchung sollte grundsätzlich Hartholz verwendet werden – hinreichend Standfestigkeit und Robustheit garantiert dabei vor allem Gummibaumholz. In Deutschland ist die auf Turnieren am häufigsten verwendete Variante das Kubbspiel 07710, das aktuell bei Carromco und BEX im Sortiment ist. Von Sets aus Kiefer oder Birke ist abzuraten: Das Holz splittert, saugt sich bei feuchtem Rasen voll und fliegt außerdem schon bei ein bisschen Wind einfach davon. (chs.)
So weit, so gut – und besonders gut ist, dass man dieses Spiel auf jeder Wiese dieser Welt spielen kann und dazu auch keine Verkleidung tragen muss wie in vielen anderen neumodischen Sportarten – selbst zu Turnieren treten Kubber in den Klamotten an, die sie gerade anhaben. Und an achtzig Prozent der Wochenenden in der Kubb-Saison zwischen April und Oktober ist immer irgendwo ein Turnier – wobei der Begriff Turnier in der Welt des Kubb so seine ganz eigene Definition hat. Christian: „Du fährst einen Tag, kommst irgendwo auf einer Wiese an, und da sind jede Menge Verrückte, die machen den gleichen Scheiß wie du – mit Hölzern um sich werfen. Das ist Kubb.“ Mehr nicht. Ach ja, sagt Christian, „ein Bier gehört dazu“.
Geschick, Taktik, Körperbalance
Jetzt wird aber mal gespielt. Christian schlägt ein Match zwei gegen zwei vor: Der Reporter, 53, spielt mit Grit, 26, gegen Roman, 40, und Olaf, 53. Die Besetzung zeigt, dass Alter kein Faktor ist im Kubb. Es geht um Geschicklichkeit, auch um Taktik, vor allem aber um eine gute Körperbalance. Grit zum Beispiel, die bei der Kubb-WM am ersten Augustwochenende bis ins Viertelfinale vorgedrungen ist, bringt beim Wurf den rechten Wurfarm und das linke Bein in eine 180-Grad-Position, sodass es aussieht wie eine Figur auf dem Schwebebalken. Und ihr Wurfholz fliegt ohne erkennbare Rotation auf einer nahezu geraden Linie auf den anvisierten Kubb. Der Reporter wirft zwar nicht ganz so formvollendet, trifft aber ebenfalls. Maximale Ausbeute.
Ein Haufen Holz – der Reporter schafft es trotzdem, hindurch zu zielen.
© Volkmar Otto (4)
Denn es sind zwar sechs Wurfhölzer im Spiel. Damit aber das beginnende Team damit nicht gleich komplett abräumt „und sich ein vernünftiges Spiel entwickeln kann“, wie Christian sagt, wird mit zwei Würfen eröffnet, das zweite Team hat dann vier Würfe, erst danach stehen jedem Team abwechselnd sechs Würfe zu.
Und was es heißt, dass sich ein Spiel entwickelt, ist sogleich zu sehen. Denn der eigentliche Kniff offenbart sich erst, wenn das zweite Team dran ist: Roman und Olaf müssen nämlich die gefallenen Kubbs von der Grundlinie in die andere Hälfte zurückwerfen – und dort, wo sie gelandet und wieder aufgestellt worden sind, seinerseits abwerfen.
Der Wurf
Der Werfer muss mit beiden Füßen innerhalb der imaginär verlängerten Seitenlinien stehen. Der Wurf ist einhändig von unten nach vorn auszuführen. Rückwärts oder vorwärts gerichtete Rotationen sind dabei erlaubt, eine Schieflage von mehr als 30 Grad ist dagegen verboten. Auch das Überschreiten der Grundlinie bzw. vorverlegten Wurflinie während der Wurfbewegung ist nicht gestattet. Die gefallenen Kubbs werden pro Runde von einem Spieler des Teams in die gegnerische Feldhälfte geworfen – und zwar am besten so, dass sie nah an der Mittellinie und nah beinander landen. Könner geben dem Kubb eine leichte Drehung mit, um eine höhere Richtungsstabilität zu erzielen. Wichtig ist, dass der Kubb möglichst weit am Rand des Spielfelds landet, damit man beim anschließenden Abwerfen nicht versehentlich den König trifft – und das Spiel verliert. (chs.)
Profis wie Olaf gelingt es natürlich locker, die beiden Kubbs so anzuzwirbeln, dass sie nah hinter der Mittellinie landen und nah beieinander. Danach räumt er sie mit nur einem Wurf aus dem Weg – und landet dann noch drei weitere Treffer auf unserer Grundlinie. Der Reporter muss nun also fünf Kubbs in die andere Hälfte werfen. Sie landen weit verteilt auf dem Feld. Eine gefährliche Situation. „Wenn die Kubbs weit gestreut sind, du hast sechs Würfe, da schaut es schlecht aus, dass du alle triffst“, sagt Christian. Sobald aber nur ein Kubb stehen bleibt, darf der Gegner beim Wurf zu dessen Standort vorrücken. „Das ist de facto ein Matchball.“
Roman und Olaf verwandeln ihn lässig: Von halber Höhe aus fällen sie ohne Mühe alle Kubbs. Um zum Königswurf anzusetzen, muss man dann wieder zurück zur Grundlinie, aber das lässt sich Roman, derzeit immerhin Führender im Einzel-Ranking des Deutschen Kubb-Bundes, freilich nicht nehmen.
Das Spiel ist verloren, ein neues Hobby gewonnen. Dabei hatten wir das Bier ganz vergessen.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de