Willy Brandt

Diese Bürgermeister haben Berlin bewegt

Vor 60 Jahren wurde Willy Brandt zum Regierenden Bürgermeister gewählt.

Maritta Adam-Tkalec
9 Min
Willy Brandt im Rathaus Schöneberg 1957.

Willy Brandt im Rathaus Schöneberg 1957.

© imago/ZUMA/Keystone

Vor 60 Jahren, am 3. Oktober 1957, wurde Willy Brandt zum Regierenden Bürgermeister von Berlin gewählt und erlangte dort ungeahnte Popularität. Mit 43 Jahren war er der jüngste Länderchef in Deutschland - und macht wichtige Erfahrungen für seine spätere Aufgabe als Bundeskanzler. Als Staatsoberhaupt und SPD-Vorsitzender prägte er lange Jahre die Geschicke seiner Partei sowie die der „Bonner Republik“ - und durfte schließlich noch miterleben, „dass zusammenwächst, was zusammengehört“, die deutsche Wiedervereinigung.

Vor 25 Jahren, am 8. Oktober 1992, starb der Mann mit dem Slogan „Mehr Demokratie wagen“. Bis heute ist der gebürtige Lübecker eine Überfigur der SPD - dafür steht nicht zuletzt die markante Skulptur von Rainer Fetting im Atrium der Berliner SPD-Parteizentrale. Anlässlich des Jahrestags seines Amtsantritts im West-Berlin der späten Fünfziger blicken wir zurück auf die Bürgermeister, die Berlin bewegt haben:

Gründerjahre: Arthur Hobrecht und Max von Forckenbeck

Arthur Hobrecht.

Arthur Hobrecht.

© Archiv

Als Arthur Hobrecht (1824–1912) 1872 zum Oberbürgermeister gewählt wurde, war Berlin gerade Hauptstadt des Deutschen Kaiserreiches geworden und hatte  826.000 Einwohner. Explosionsartig brachen die Gründerjahre aus, es folgte der Gründerkrach.

Maximilian (Max) Franz August von Forckenbeck.

Maximilian (Max) Franz August von Forckenbeck.

© Archiv

Als sein Nachfolger Max von Forckenbeck (1821–1892) 1892 im Amt starb, hatte sich die Einwohnerzahl verdoppelt. Die beiden Liberalen hatten ein Gigantenwerk zu vollbringen: Mietskasernen entstanden, Wasserwerke, die Kanalisation, ein Transportsystem, Lebensmittelversorgung für Hunderttausende. Überall rauchten die Schornsteine. In jenen Jahren entstand die Metropole Berlin. Die Leistungen der beiden Oberbürgermeister – allein schon Ordnung und Sicherheit zu wahren – sind erstaunlich. Hobrecht und mehr noch der als umsichtig, verantwortungsbewusst, menschlich angenehm gepriesene Forckenbeck gelten heute als zwei der bedeutendsten Bürgermeister Berlins.

20er-Jahre: Gustav Böß

Gustav Böß war Oberbürgermeister von Berlin von 1921 bis 1927.

Gustav Böß war Oberbürgermeister von Berlin von 1921 bis 1927.

© Ullstein

In den turbulenten 20er-Jahren Oberbürgermeister von Berlin – man kann sich langweiligere Posten vorstellen. Der Linksliberale Gustav Böß (1873–1946) wurde 1921 mit den Stimmen seiner Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und der SPD gewählt und durfte Aufschwung und etwas Glanz verwalten. Er tat das auch mit Erfolg. Groß-Berlin war gerade entstanden, soziale Wohnprojekte linderten die Not,

Böß weihte Parks, Sportplätze und Stadien ein. Der Flughafen Tempelhof und die Messe Berlin entstanden, die Vergnügungsindustrie trieb es bunt und wild. Geld floss. Und Böß widerstand der Versuchung nicht. Er stürzte 1929 über einen Korruptionsskandal, in der ein Pelzmantel für seine Frau eine zentrale Rolle spielte. Ein Spottlied besang ihn: „Gingst in Seid’ und Samt, konntest Deutschlands Zukunft leiten …“.

Nazi-Zeit: Von Sahm bis Goebbels

Joseph Goebbels.

Joseph Goebbels.

© picture alliance / dpa

Mit der Machtergreifung Hitlers 1933 war Schluss mit der demokratischen Selbstverwaltung. Das Führerprinzip trat in Kraft, sämtliche Magistratsmitglieder wurden Opfer von Säuberungen. Nur der parteilose Oberbürgermeister Heinrich Sahm blieb als schwache Figur im Amt – bis er 1935 vor dem glühenden Nationalsozialisten Julius Lippert kapitulierte, den ihm Innenminister Hermann Göring als Staatskommissar zur Seite gestellt hatte. Auf Sahm folgte der noch schwächere parteilose Oskar Maretzky.

Von 1937 an 1940 war Lippert  selber OB und Stadtpräsident. Seine Gier und Skrupellosigkeit stehen exemplarisch für die Nazi-Zeit. 1944 machte ein Führererlass Joseph Goebbels, Propagandaminister und NS-Gauleiter von Berlin, zum Stadtpräsidenten.

Die Nachkriegsperiode: Louise Schroeder

Louise Schroeder an ihrem Schreibtisch.

Louise Schroeder an ihrem Schreibtisch.

© Stadtmuseum Berlin/ Archiv Gerda Schimpf

Besetzte Stadt in Trümmern, geistig-moralische Verheerungen allenthalten – die Ersten, die sich nach dem Ende des Kriegs um das Funktionieren dieses elenden Gemeinwesens zu kümmern hatten, standen vor bis dahin nicht gekannten Aufgaben. Das Leben war aus den Fugen, niemand hatte auch nur annähernd Erfahrung, wie das tägliche Durchkommen für Millionen  unter diesen Umständen zu organisieren war.  Bewundernswert, wie die Engagierten der ersten Stunde das geschafft haben. Im Mai hatte die sowjetische Stadtkommandantur einen ersten Magistrat unter Arthur Werner eingesetzt.

Die ersten Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung von Groß-Berlin in allen vier Besatzungssektoren gewann die SPD klar. Die neu gewählten Abgeordneten wählten den Sozialdemokraten Otto Ostrowski zum Oberbürgermeister.

Doch er geriet bald in die Mühlen der Auseinandersetzungen zwischen SED und SPD: Ostrowski war zur Zusammenarbeit mit der SED bereit, pflegte gute Kontakte zum sowjetischen Stadtkommandanten und weigerte sich im Frühjahr 1947, die SED-Mitglieder aus seinem Magistrat zu entlassen. Seine eigene Fraktion stürzte ihn per Misstrauensantrag. Gewählt wurde Ernst Reuter, der aber wegen des sowjetischen Vetos sein Amt nicht antreten konnte.

So wurde  am 8. Mai 1947 Louise Schroeder (1887–1957) amtierende Oberbürgermeisterin bis zur Wahl zur Stadtverordnetenversammlung im Dezember 1948. In die Amtszeit der Sozialpolitikerin und Frauenrechtlerin fiel die von den westlichen Besatzungsmächten betriebene Währungsreform für die sogenannte Trizone. Dieser finanzpolitischen Teilung der Stadt folgte eine Eskalation zwischen sowjetischer Besatzungsmacht und den Westalliierten, die schließlich in der von der sowjetischen Verwaltung  verhängten Berlin-Blockade und der Luftbrücke gipfelte Louise Schroeder ist bis heute einzige Frau an der  Spitze Berlins geblieben.

Der Erste im Westen: Ernst Reuter

Ernst Reuter.

Ernst Reuter.

© picture alliance / dpa

Mit allen politischen Wassern gewaschen war Ernst Reuter, (1889-1953), als er schließlich am 5. Dezember 1948  tatsächlich Oberbürgermeister von Berlin wurde –  der Arbeiterführer mit Russlanderfahrung, Kommunist, Sozialdemokrat, Berliner Stadtrat für Verkehrswesen in den 20er-Jahren (ein Auto-Fan), Oberbürgermeister von Magdeburg (von 1931 an), Reichstagsabgeordneter (1933) – beides bis  ihn die Nazis 1933 inhaftierten und aller Ämter enthoben. Er entschloss sich 1935 für das Exil, erst in Großbritannien, dann in der Türkei. Als er Ende 1946  endlich zurückkehren konnte, bat ihn die SPD, in Berlin zu arbeiten.

Am 24. Juni 1946 wählte die Stadtverordnetenversammlung den populären Heimkehrer zum Oberbürgermeister. Die sowjetische Administration verweigerte die Bestätigung, doch Reuter war nicht zu stoppen. Seine Reden während der Blockade- und Luftbrückenzeit steigerten seine Popularität immer weiter. Niemand symbolisierte den Freiheitswillen stärker als Ernst Reuter. Der Höhepunkt kam am 9. September 1948: Vor 300.000 Menschen rief er: „Völker der Welt – schaut auf diese Stadt!“ Als im Dezember die Reuter-SPD die Wahl einer neuen Stadtverordnetenversammlung in den Westsektoren mit 64,5 Prozent gewann, wurde Ernst Reuter schließlich Oberbürgermeister. Mit einer neuen Stadtverfassung, die die Eigenständigkeit des Westteils betonte, führte er vom 1. September 1950 an den Titel Regierender Bürgermeister; der Magistrat hieß fortan Senat.

Reuter verhandelte über den Status Berlins: Konnte der Westteil zu einem gleichberechtigten Territorium des zu gründenden Weststaates werden? Reuter wollte die enge Verklammerung. Jedenfalls musste der Westen ein Schaufenster des Wohlstandes gegen die 1949 gegründete DDR werden. Die Niederschlagung des Aufstands am 17. Juni 1953 im Osten verurteilte er scharf. Als er kurz darauf plötzlich verstarb, stellten die Berliner Kerzen ins Fenster.

Der Erste im Osten: Friedrich Ebert

Friedrich Ebert

Friedrich Ebert

© imago/Sven Simon

Das Szenario des Putsches, der Friedrich Ebert (1894–1979) im November 1948 an die Spitze des Magistrats setzte, hatte Wladimir Semjonow von der Sowjetischen Militäradministration geschrieben. Dass er in diesem Plan eine zentrale Rolle spielt, erfuhr Ebert  offenbar erst unmittelbar vor der entscheidenden Sitzung. Das Kalkül war, gegen den Sozialdemokraten Reuter einen prominenten Sozialdemokraten ins Spiel zu bringen, der jetzt in der SED war.

Dieser Plan setzte auch auf den großen Namen: Friedrich Ebert war der Sohn des 1925 gestorbenen Reichspräsidenten Friedrich Ebert. Er hatte Buchdrucker gelernt, arbeitete dann während der Weimarer Republik als Journalist für SPD-Zeitungen und war bis 1933 Abgeordneter des Reichstages. Nach der Machtübernahme der Nazis kam er kurz ins KZ und stand dann bis 1945 unter Polizeiaufsicht. Nach dem Krieg war Ebert zunächst SPD- und dann SED-Landesvorsitzender Brandenburgs.

Die Spaltung Berlins kündigte sich schon lange vor dem November 1948 an. Seit dem Sommer hatte die SED-Führung den „Volkszorn“ gegen den zwei Jahre zuvor demokratisch gewählten Magistrat inszeniert. Werktätige wurden an Sitzungstagen mit Lastwagen herangekarrt, sie machten lautstark ihrem angeblichen Unmut Luft.

Am 30. November hielten die Regisseure dieses Spektakels den Zeitpunkt für gekommen. Im Admiralspalast, der damaligen Staatsoper, wurde eine außerordentliche Stadtverordnetenversammlung einberufen. Tatsächlich waren nur 23 Teilnehmer gewählte Abgeordnete. Die übrigen rund 1600 Teilnehmer hatten die Organisatoren handverlesen. Sie wählten Ebert einstimmig.

Ebert hat bis zu seiner Ablösung 1967 den Wiederaufbau im Ostteil der Stadt organisiert, dazu gehörten Bauwerke wie das Brandenburger Tor und die Staatsoper. Bis zu seinem Tode blieb Ebert im Politbüros. Als Dank für seine Loyalität.

Ost-Jahre: Erhard Krack

Erhard Krack.

Erhard Krack.

© imago/Sommer

Erhard Krack (1931–2000) war von 1974 bis 1990 Oberbürgermeister der Hauptstadt der DDR, des „Schaufensters des Sozialismus“. Sein Auftrag: Honeckers  Wirtschafts- und Sozialpolitik  durchsetzen. Dafür war er war nicht der Schlechteste  – loyal, gebildet, praxisnah. Am Stadtrand entstand Plattenbau an Plattenbau – „Vollkomfort“ für die Werktätigen; in der Innenstadt bremste Krack  die Abrisswut. Die Stadt hat ihm zu danken, dass der beliebte Gendarmenmarkt in historischer Form entstand, dass das Nikolaiviertel nicht als Becken für Ausflugsdampfer ausgebaggert wurde. Krack war kein Großmaul-Bonze, doch als Chef der Wahlkommission trug er im Mai 1989 eine Hauptverantwortung für massive Fälschungen bei der Kommunalwahl. Im Februar 1990 trat er zurück. Er wurde zu zehn Jahren Haft auf Bewährung verurteilt und bereute.

Eiszeit: Willy Brandt

Willy Brandt.

Willy Brandt.

© picture alliance / dpa

Berlin bleibt frei“ – in diese drei schlichten, doch wirkmächtigen Worte fasste Willy Brandt (1913–1992) den Wunsch der großen Mehrheit der West-Berliner in seiner langen Zeit als Regierender Bürgermeister (1957–1966). Zweimal wurde er wiedergewählt, die SPD erreichte 1963 sagenhafte 61,9 Prozent. Er blieb standhaft gegen Chruschtschows Übergriffe auf die Zufahrtswege nach Westberlin (Zweite Berlin-Krise). Willy Brandt fand klare Worte zur Krise, die dem Ungarn-Aufstand folgte, und führte den West-Teil der Stadt durch die existenziellen Erschütterungen nach dem Mauerbau. Er gewann die Herzen der Berliner, erwarb sich enorme internationale Anerkennung – auch das nutzte der Stadt. Ein bewunderter Regierender, dann ein ganz großer Staatsmann. Was für ein Maßstab!

Annäherung: Richard von Weizäcker

Richard von Weizäcker.

Richard von Weizäcker.

© picture alliance / dpa

In den 80er-Jahren war die Zeit reif für Entspannung, und Richard von Weizsäcker (1920–2015), der erste Christdemokrat als Regierender Bürgermeister war der Mann, die von den SPD-Vorgängern vorbereiteten Wege zu beschreiten: Ein geschickter Diplomat mit gutem Gefühl für  das rechte Wort zur rechten Zeit, mit gewinnendem Auftreten.

Drei Jahre war er im Amt (1981–1984). Als erster Regierender besuchte er im September 1983 die DDR, traf Staats-und Parteichef Erich Honecker – eine Begegnung von wenig praktischem, aber hohem symbolischen Wert. In der Stadt herrschte derweil Unruhe. Es war die hohe Zeit der Hausbesetzer und – gelegentlich gewaltsamer – Räumungen. Weizsäckers Ruf schadete das wenig. Er schritt zu Höherem – wurde Bundespräsident. 

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