Kolumne

Wird Jörg Schönenborn irgendwann pragmatisch sein und für Putin beten?

Seit einem halben Jahr warte ich darauf, dass WDR-Mann Jörg Schönenborn seinen Turbopragmatismus wiederentdeckt. Wie beim Irakkrieg.

André Mielke
3 Min
März 2003: Brennende Ölquellen Ölquellen im Süden des Irak.

März 2003: Brennende Ölquellen Ölquellen im Süden des Irak.

© dpa/DAILY MAIL POOL

Ostseeurlaub, wie immer. Unsere Lieblingsradtour führt durch Trinwillershagen. „Trin“ liegt in der Mitte des Hinterlands, hat eine glatte Dorfstraße und auch sonst wenig, was zum Bremsen nötigt. Diesmal halten wir und haben einen Grund: Das hiesige Kulturhaus war im Sommer 2006 nicht nur in Nordvorpommern weltberühmt. Angela Merkel verköstigte dort den Staatsbesucher George W. Bush. Der fürs Wildschwein am Spieß zuständige Gastwirt füllte mit seinen Souvenirs eine Vitrine: Fotos fröhlicher Menschen, das Dankschreiben des Präsidenten, ein „Certificate of Appreciation“ und sonstiger Tinnef aus dem Weißen Haus. Anfangs fand ich den Schrein putzig. Inzwischen erscheint er mir als Institution der politischen Bildung.

Russland, heißt es, dürfe den Krieg nicht gewinnen: Es gehe nicht an, dass ein Völkerrechtsbrecher mit einem Angriffskrieg durchkommt. Wer dagegen einwendet, dass mehr Waffen auch mehr Opfer produzierten, gilt bestenfalls als Trottel. Ich kann beiden Positionen etwas abgewinnen und denke dabei an einen alten „Tagesschau“-Kommentar. Ende März 2003 – die Demokratieherbeibombardierung Bagdads hatte soeben begonnen – trug Jörg Schönenborn, damals Chefredakteur, heute Programmdirektor des WDR-Fernsehens, Folgendes vor: „Alles sträubt sich in uns gegen den Eifer, mit dem George W. Bush seinen Weg gegangen ist. Und trotzdem […]: Wir müssen ihm Glück wünschen. Wir müssen hoffen, dass seine Strategie aufgeht: Ein kurzer Krieg, präzise Waffen, wenige Tote und eine Neuordnung im Irak. […] Auch ein militärisch erfolgreicher Krieg ist nämlich moralisch und völkerrechtlich falsch. Trotzdem muss er für uns wünschenswert sein, weil ein erfolgreicher Krieg wahrscheinlich weniger Opfer kostet.“

Die Medienvertreter waren embedded und marschierten neben den Angreifern

Seit einem halben Jahr warte ich darauf, dass Schönenborn seinen Turbopragmatismus wiederentdeckt und für Putins Schlachtenglück betet. Doof, ich weiß. Damals war ja alles ganz anders. Deshalb kam selbstredend niemand auf die Idee, den Aggressor wegen des Überfalls auf einen souveränen Staat zu sanktionieren. Die Bundesregierung erwog nicht mal, dem – extrem unsympathischen – Opferregime Haubitzen zur legitimen Selbstverteidigung zu liefern.

Vielmehr beteiligten sich ein halbes Dutzend Mitglieder der Wertegemeinschaft EU an diesem Verstoß gegen die sogenannte regelbasierte internationale Ordnung. Über zivile Opfer wurde kaum berichtet. Wie auch: Die Medienvertreter waren embedded und marschierten neben den Angreifern.

Macht meinetwegen Politik. Aber kommt mir nicht moralisch

Das Kulturhaus hat geschlossen. Von draußen ist die Vitrine zu erkennen, aber nicht ihr Inhalt. Hoffentlich sind die Devotionalien noch da. Die Wildschweinsause ist es wert, sich ihrer zu erinnern. Den Gastgebern war längst klar, dass Bushs Leute Saddams Massenvernichtungswaffen erfunden hatten, von den wenigen Toten und der neuen Ordnung mal abgesehen.

Stimmung ist, wenn man sie sich nicht verderben lässt, oder, wie der Seemann ruft: Arschloch hoch Amerika. Der Grillmeister erzählte später über die Kanzlerin und den Kriegsverbrecher, sie hätten sich „angestrahlt wie Honigkuchenpferde“. Einige Jahre später begann die Jagd der freien Welt auf Julian Assange. Er hätte Gräuel der Guten im Irak enthüllt. Sollte der Austragungsort jenes Barbecues jemals zum Mahnmal erhoben werden, hätte ich einen Leitspruch: Macht meinetwegen Politik. Aber kommt mir nicht moralisch.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema