Wirtschaft in Bayern

Feiern bis die Kassen klingeln

Die gottesfürchtigen Bayern stehen wirtschaftlich blendend da, obwohl sie sich mehr freie Tage als alle anderen in Deutschland gönnen. Ein Erklärungsversuch.

Sebastian Wolff
6 Min
Schon wieder Feiertag: Am Drei-Könige-Tag ziehen Sternsinger durch die Straßen und bitten um kleine Gaben.

Schon wieder Feiertag: Am Drei-Könige-Tag ziehen Sternsinger durch die Straßen und bitten um kleine Gaben.

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Die Augsburger sind zu beneiden. Nirgendwo in Deutschland haben die Menschen öfter frei als in der Fuggerstadt: 14 gesetzliche Feiertage gibt es dort im Jahr – fünf Tage mehr als in Berlin, vier Tage mehr als in Hessen und immerhin drei Tage mehr als in Nordrhein-Westfalen. Das liegt daran, dass die Stadt Augsburg die einzige Gemeinde in Deutschland ist, in der das Friedensfest am 8. August ein Feiertag ist.

Damit haben die Augsburger noch öfter frei als die übrigen Bayern, die sich aber wahrlich auch nicht beklagen müssen. Denn im Freistaat sind 13 gesetzliche Feiertage die Regel und damit mehr als in allen anderen Bundesändern. Lediglich in Gemeinden, in denen die Katholiken nicht in der Mehrheit sind, fällt mit Mariä Himmelfahrt ein Feiertag weg.

Die vielen Feiertage im gottesfürchtigen Bayern machen sich auch bei der Zahl der im Jahr geleisteten Arbeitsstunden bemerkbar: Statistisch gesehen arbeitete ein Erwerbstätiger in Bayern 2012 im Schnitt nur 1 397 Stunden, in Berlin waren es dagegen 1 455 Stunden, also 58 Stunden mehr. Das bedeutet: Faktisch arbeiten die Bayern im Schnitt anderthalb Wochen pro Jahr weniger als die Berliner. Auch am Dreikönigstag am kommenden Montag (6. Januar) haben die Bayern frei.

Kalendereffekte messbar

Und dennoch bringen es die Bayern auf ein höheres Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf als die meisten anderen Bundesbürger: Laut Statistischem Bundesamt erwirtschaftete jeder Einwohner des Freistaats im Jahr 2012 im Durchschnitt eine jährliche Wirtschaftsleistung von 36 900 Euro. Die Hessen schafften mit 37 700 Euro zwar geringfügig mehr. Doch die Einwohner Nordrhein-Westfalens lagen mit 32 600 Euro schon deutlich darunter. Und die Berliner erwirtschafteten im Schnitt sogar nur 29 500 Euro. Und das, obwohl sich jeder Arbeitstag weniger im Monat laut Deutscher Bundesbank unmittelbar negativ auf das BIP auswirkt: Demnach führt eine um ein Prozent höhere Anzahl an Arbeitstagen im Durchschnitt zu einem Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktion um 0,3 Prozent. Solche Kalendereffekte würden sich über die Zeit hinweg als weitgehend stabil erweisen, betont die Bundesbank.


Umschwung: Bayern ist ein wirtschaftlich starkes Bundesland. Doch der Freistaat war nicht immer reich. Von 1950 bis 1986 erhielt Bayern regelmäßig Geld aus dem Länderfinanzausgleich – anders als zum Beispiel das Nachbarland Baden-Württemberg, das seit jeher zu den Geberländern im Finanzausgleich zählt.

Heute ist der Freistaat allerdings vor Baden-Württemberg der größte Einzahler im Länderfinanzausgleich. Den Umschwung haben die Bayern wohl vor allem dank einer klugen Wirtschaftspolitik geschafft – und das obwohl sie sich mehr Feiertage als alle anderen Bundesländer gönnen.


Setzen die Bayern diese ökonomischen Gesetze etwa außer Kraft? Ein erster Rechercheansatz läuft ins Leere: Ein Anruf in der Pressestelle des Münchner Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr wird nur von einem Band beantwortet: „Erst am 7. Januar wieder zu erreichen“, heißt es dort. Hätte man sich eigentlich denken können. Schließlich dehnen viele bayerische Firmen und Behörden ihre Weihnachtsferien traditionell bis zum Dreikönigstag aus und nehmen die Arbeit erst wieder am 7. Januar auf – und damit faktisch fünf Tage später als Unternehmen und Institutionen in den meisten anderen Bundesländern. Beim Berliner Konkurrenzinstitut DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) wird zwischen den Jahren selbstverständlich gearbeitet. Ob, was die Arbeit angeht, weniger mehr ist? Diese Frage soll DIW-Konjunkturexperte Karl Brenke beantworten. Sind die Bayern deshalb produktiver als die Berliner, weil sie „fauler“ sind? Diese Vermutung kann der Ur-Berliner Brenke nur aufs Schärfste zurückweisen. Er begründet das Phänomen mit der unterschiedlichen „Sektorstruktur“ der beiden Bundesländer. „In Bayern gibt es – wie in Baden-Württemberg auch – viel mehr große Industrieunternehmen, die für eine hohe Produktivität sorgen“, sagt Brenke. In Berlin sei die Wirtschaft dagegen sehr viel kleinteiliger und außerdem der Staatsanteil höher. „Hätten wir in Berlin genauso viele Feiertage wie in Bayern, würde Berlin beim BIP pro Kopf noch weiter hinter dem Freistaat hinterherhinken.“

Von den Produktivitätsvorteilen ihrer heimischen Wirtschaft profitieren die bayerischen Arbeitnehmer doppelt: Sie arbeiten nicht nur weniger, sondern sie verdienen im Schnitt auch deutlich mehr als die Beschäftigten in der Hauptstadt. „Die bayerischen Unternehmen können sich die höheren Löhne leisten“, sagt DIW-Experte Brenke. Zumal die Firmen indirekt auch wieder selbst etwas davon haben: „Dank ihrer höheren Einkommen sind die Bayern kaufkräftiger als die Berliner und können deshalb mehr konsumieren“, sagt Brenke. Zudem könnten die bayerischen Unternehmen deshalb auch höhere Preise für ihre Produkte und Dienstleistungen am Markt durchsetzen – was sich wiederum positiv auf die Wirtschaftsleistung auswirke. Allein dadurch werde ein großer Teil der im Vergleich zu Berlin höheren Lohnkosten in Bayern wieder ausgeglichen.

Glückliche Bayern. Die Berliner aber, so scheint es, versuchen mit aller Macht, ihre Wettbewerbsnachteile durch niedrigere Löhne und Mehrarbeit zu kompensieren. Zum Teil gelingt ihnen das auch. Doch trotz aller Anstrengungen schaffen sie es bei Weitem nicht, die Lücke vollständig zu schließen.

Mit Mehrarbeit alleine können Wettbewerbsnachteile auch gar nicht aufgeholt werden. Davon ist zumindest die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung überzeugt. Die Stiftung hat bereits vor Jahren die unterschiedlich langen Arbeitszeiten in den EU-Staaten ausgewertet und ist zu dem Schluss gekommen, dass zu viel Arbeit für die Produktivität sogar kontraproduktiv sein kann. Dies sei etwa in einigen süd- und osteuropäischen Staaten der Fall. In Ländern mit relativ kurzen Arbeitszeiten, in denen auch viele Menschen Teilzeit arbeiten, wie in Deutschland oder Belgien, sei die Produktivität der einzelnen Mitarbeiter dagegen höher: Sie sind leistungsfähiger, konzentrieren sich besser auf ihre Aufgabe und machen weniger Fehler. Gleichzeitig hätten Länder mit einer modernen Wirtschaftsstruktur und einer hohen Produktivität mehr Spielraum für Arbeitszeitverkürzung.

Einfach mal abschalten

Auch die Gesundheitspsychologin Anne Katrin Maytssek ist überzeugt, dass Arbeitnehmer produktiver sind, wenn sie sich ab und zu eine Pause gönnen. Hier sei die Entwicklung in Deutschland bedenklich – egal ob in Bayern, in Berlin oder anderswo. Weil der Arbeitsdruck zunehme, würden Mitarbeiter häufig durcharbeiten. Dem wachsenden Stress falle immer häufiger auch die Mittagspause zum Opfer. Das sei fatal, sagt die Psychologin Maytssek, „denn Pausen sind wichtig, damit die Leistungsfähigkeit erhalten bleibt. Niemand kann ewig durchpowern.“

Doch viele Arbeitgeber gestatten es ihren Mitarbeitern gar nicht erst, zwischendurch abzuschalten. In solchen Betrieben gönnen sich die Beschäftigten häufig unerlaubte Pausen. Dem Arbeitspsychologen Johannes Wendsche von der TU Dresden zufolge machen diese versteckten Pausen über alle Branchen hinweg acht bis zehn Prozent der gesamten Arbeitszeit aus. Und diese Pausen werden dann häufig gar nicht effizient genutzt: „Wer am Schreibtisch arbeitet, für den wäre dann zum Beispiel Bewegung sinnvoll“, sagt Wendsche. „Doch damit die Pause nicht auffällt, bleibt er dann einfach sitzen und hat so gut wie keinen Erholungseffekt.“

Wo es dagegen erlaubt sei, mal abzuschalten, oder wo die Mitarbeiter dazu sogar ausdrücklich ermuntert würden, dort sei die Motivation der Mitarbeiter und damit auch deren Leistungskraft meist viel höher, sagt Wendsche.

Vielleicht sollten mehr Berliner Unternehmen und Behörden diesem Ansatz einfach folgen.

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