Der kleine Chemiebetrieb floriert. Rund 80 Beschäftigte produzieren Pflegemittel und liefern sie in knapp 100 Länder. Die Produkte sind gefragt, und regelmäßig überrascht das Unternehmen die Konkurrenz mit Neuheiten. Der Chef ist zufrieden. Keine Sorge, dass ein Konkurrent den Vorsprung verkürzen könnte? „Spionage? Die wirklich wichtige Sachen sind bei uns nicht elektronisch erfasst“, sagt er. Da gäbe es einen Schriftverkehr und das gesprochene Wort. „Sonst nichts.“
1200 Weltmarktführer
Für hiesige Verhältnisse ist diese Lösung nicht nur wegen ihrer Radikalität außergewöhnlich. Denn in der Regel ist der deutsche Unternehmer zwar einfallsreich, aber ebenso nachlässig beim Schutz seiner Ideen. Verschiedene Umfragen belegen, dass Chefs spätestens seit Edward Snowden zwar um die rasante Zunahme von Computerangriffen auf Firmen wissen, eine unmittelbare Gefahr für den eigenen Betrieb sehen indes nur wenige. Dabei markiert das Label „Made in Germany“ für Hacker ein vielversprechendes Zielgebiet. „Es ist ein Synonym für technologischen Fortschritt, höchste Qualität und Präzision“, konstatiert das Bundeskriminalamt. Gerade deshalb stünden die deutsche Wirtschaft und besonders der deutsche Mittelstand im Fokus von Wirtschaftsspionen. Oder konkreter: Es gibt in Deutschland 1200 Weltmarktführer. Der überwiegende Teil davon sind mittelständische Unternehmen.
Dort indes reagiert man vorzugsweise mit Blindheit, Fehleinschätzung und zweifelhafter Risikofreude auf die von Konkurrenten und ausländischen Geheimdiensten ausgehende Gefahr, die im schlimmsten Fall zur Insolvenz eines Unternehmens führen kann. Beispielsweise dann, wenn hohe Entwicklungsinvestitionen verpuffen, weil die Konkurrenz das neue Produkt schneller auf den Markt bringt oder geheime Geschäftsstrategien bekanntwerden. In vielen kleineren Unternehmen ist Betriebssicherheit darauf beschränkt, dass der Pförtner an der Schranke nicht jedem 40-Tonner die Zufahrt auf das Firmengelände gewährt. Professionelle IT-Guards sind ob der Ignoranz fassungslos und wissen: Wenn es Computerkriminelle bis in die Firmennetzwerke schaffen, dann liegt es nicht daran, dass Wunderknaben am Werk sind, sondern es nach wie vor kinderleicht ist.
Konstruktionspläne abgesaugt
Einer, der diese Erfahrung machen musste, ist Robert Suchy. Mit seinen Geschwistern führt er den Familienbetrieb Clearaudio in Erlangen. Das 50-Mann-Unternehmen ist ein international angesehener Hersteller von Hightech-Plattenspielern. Die Exportquote liegt bei 90 Prozent, geliefert wird in 91 Länder, und man hat eine einfallsreiche Entwicklungsabteilung. Dort wurde auch ein neues Plattenspielerlager entwickelt. Als das erstmals auf einer internationalen Messe präsentiert wurde, war es aber auch am Stand eines chinesischen Lieferanten zu sehen. „Es entsprach fast eins zu eins unserem Modell“, sagt Robert Suchy. Wie sich später herausstellte, waren die Konstruktionspläne aus der Datenbank des Unternehmens abgesaugt worden. „Vermutlich war das auch nicht sehr schwer“, sagt der 43-Jährige heute.
Inzwischen wurde die Computersicherheit auf der Hard- und Softwareseite aufgerüstet. Die Mitarbeiter werden regelmäßig geschult, der Gebrauch von USB-Sticks ist verboten, und sensible Daten dürfen nur noch auf dem hauseigenen Server gespeichert werden. „Unter dem Strich haben wir etwa 20.000 bis 30.000 Euro investiert. Der Schaden hätten dagegen schnell bei 800.000 Euro liegen können“, sagt Suchy.
Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PriceWaterhouseCoopers beziffert allein den Schaden durch sogenannte Wettbewerbsdelikte auf 20 Millionen Euro je betroffenes Unternehmen. Im Durchschnitt! Hauptziel der Daten-Piraten ist das interne Netz einer Firma, umso an Kundenkarteien, Einkaufspreise und Pläne aus dem Bereich Forschung und Entwicklung zu gelangen. Wege gibt es viele. Mal ermöglicht das schicke, aber ungesicherte Firmen-Smartphone den Einstieg von außen und mal ist es eine Blindbewerbung samt Spähsoftware an die Personalabteilung. In einem Maschinenbauunternehmen entpuppte sich gar ein Getränkeautomat, der zur Fernwartung mit dem Internet verbunden war, als Tor zum betrieblichen Nervenzentrum.
Verschlüsselt in die Wolke
Für Peter Smeets, Chef der Hamburger Firma Gateprotect, die sich vor allem dem Mittelstand mit Firewall-Lösungen empfiehlt, ist die Lage eindeutig: „Die Frage ist nicht, ob ein Unternehmen Ziel eines Hackerangriffs wird, sondern wann.“ Für das vor gut zehn Jahren gegründete Unternehmen, das mit „Made in Germany“ und der Selbstverpflichtung wirbt, dass seine Firewalls „keine verdeckten Zugangsmechanismen enthalten, die unbefugten Dritten einen Zugriff auf ein Computersystem ermöglichen“, hat sich das bislang ausgezahlt. Um 18 Prozent ging der Umsatz in den ersten zehn Monaten dieses Jahres nach oben. Tendenz steigend.
Und tatsächlich kann keine Entwarnung gegeben werden. Im Gegenteil. „Cyber-Kriminelle werden verstärkt versuchen, in Netzwerke einzudringen, um Daten zu zerstören“, prophezeien die IT-Sicherheitsexperten des international agierenden US-Unternehmens Websense. Zudem würden solche Schadprogramme eine wichtige Rolle spielen, mit denen der Eindringling den Zugriff auf Daten und deren Nutzung unterbinden kann. Cyber-Kriminelle würden außerdem verstärkt auf Websites wie LinkedIn Recherchen über Führungskräfte anstellen und dort ihre Köder auslegen, um an Wissen zu gelangen, mit dem sie Unternehmens-Netzwerke schaden können. „Von solchen Attacken werden 2014 auch kleine und mittelständische Unternehmen bedroht sein.“
Zu denen, die von der zunehmenden Bedrohung im Netz profitieren, gehören Robert Freudenreich und Andrea Pfundmeier. Vor zwei Jahren haben die beiden in Augsburg das Unternehmen Secomba gegründet, das eine Verschlüsselungssoftware für Dateien anbietet, die in der sogenannten Cloud im Internet gespeichert werden. Seit der Firmengründung hat sich der Umsatz vervielfacht. Im vergangenen Sommer wuchs das Geschäft von Monat zu Monat um 40 Prozent. Mittlerweile hat das Start-up 14 Mitarbeiter. Das Gros der Secomba-Kundschaft sind allerdings nicht Betriebe, sondern Privatpersonen. Nur etwa jede dritte Lieferung geht an Unternehmen.
„Zu wenig“, sagt Freudenreich und versteht es selbst nicht. Der 29-Jährige erzählt, dass er kürzlich zu einem Vortrag über IT-Sicherheit eingeladen war. 80 Unternehmer hätten sich angemeldet, tatsächlich seien aber über 200 gekommen. Das zeige das Interesse. „Aber dann folgt keine Handlung“, sagt er. Den Unternehmen sei zwar klar, dass sie etwas tun müssen, aber sie tun nichts. „Es würde doch kein Mensch sein Auto einfach abstellen, ohne es abzuschließen, und hoffen, dass sich schon niemand daran vergreift“, sagt der angehende Mittelständler.
Der Mittelstand gilt als das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Seine Lage beleuchtet die Berliner Zeitung in einer Serie. Der erste Teil, der am 14. November erschien, ging der Frage nach, was mittelständische Firmen auszeichnet. Die weitere Folge (19. November) drehte sich um die Finanzierungsmöglichkeiten für Unternehmen. Im nächsten Beitrag wird es darum gehen, was die Energiewende für den Mittelstand bedeutet.
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