WM 2014: Warum der Fußball für Brasilien so wichtig ist

Arthur Friedenreich war einer der besten Fußballer, die Brasilien je besaß. Bei einer Weltmeisterschaft hat der Sohn einer brasilianischen Mutter und eines deutschen Vaters jedoch nie gespielt. Das lag nicht daran, dass er beim ersten Turnier 1930 in Uruguay schon 38 Jahre alt war, der beste Torjäger des Landes war er auch in diesem Alter noch. Es lag an der komplizierten Verfasstheit der brasilianischen Gesellschaft und damit auch des Fußballs in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, für deren Fallstricke und Widersprüche Friedenreich exemplarisch wie kein anderer Spieler ...

BLZ
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Arthur Friedenreich war einer der besten Fußballer, die Brasilien je besaß. Bei einer Weltmeisterschaft hat der Sohn einer brasilianischen Mutter und eines deutschen Vaters jedoch nie gespielt. Das lag nicht daran, dass er beim ersten Turnier 1930 in Uruguay schon 38 Jahre alt war, der beste Torjäger des Landes war er auch in diesem Alter noch. Es lag an der komplizierten Verfasstheit der brasilianischen Gesellschaft und damit auch des Fußballs in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, für deren Fallstricke und Widersprüche Friedenreich exemplarisch wie kein anderer Spieler stand.

Erst 1888, vier Jahre vor seiner Geburt, wurde in Brasilien die Sklaverei abgeschafft, was Friedenreichs Vater Oscar ermöglichte, die Wäscherin Matilde, eine ehemalige Sklavin, zu heiraten. Wegen der Hautfarbe seiner Mutter galt Arthur Friedenreich als schwarz, was auch unter den neuen Gesetzen immer noch zahlreiche Diskriminierungen mit sich brachte, wegen seines Vaters, eines aus Blumenau stammenden wohlhabenden Kaufmanns, gehörte er jedoch dem privilegierten Bürgertum an.

Vereinsfußball hätte er dennoch kaum spielen können in dieser Zeit, doch wer mochte schon auf einen Jungen mit diesem Talent verzichten. So begann er seine Karriere beim FC Germania in São Paulo, wo die Familie hingezogen war. Und so wurde Arthur Friedenreich bald auch der erste schwarze Nationalspieler Brasiliens.

Spiel der weißen Oberschicht

Seit der Brite Charles Miller 1894 zwei Fußbälle aus England nach Brasilien eingeschleppt hatte und daran ging, die dem Cricket verfallene englische Gemeinde für das neue Spiel zu begeistern, war der Fußball eine Sache ausschließlich der weißen Oberschicht. Die deutschen Einwanderer folgten bald dem Beispiel der Engländer, es bildeten sich Vereine und Ligen, schließlich wurden auch Länderspiele ausgetragen. Es gibt Bilder aus jener Zeit von voll besetzten Stadien, etwa dem Laranjeiras in Rio de Janeiros Stadtteil Flamengo, in denen trotz enormer Hitze sämtliche männlichen Zuschauer Hüte, Anzüge und Krawatten trugen, die Frauen herausgeputzt waren wie beim Pferderennen.

Gespielt wurde der europäische Stil, geradlinig, schnörkellos, wuchtig, robust, mit weiten Bällen nach vorn. Es war Friedenreich vorbehalten, neue Elemente einzuführen. Der Stürmer, der mit Gel geglätteten Haaren und gelegentlich sogar mit Haarnetz auflief, um weißer zu wirken, gilt als Erfinder des Effetschusses und der Körpertäuschung, und er war damit der Pionier des legendären Jogo Bonito, des schönen Spiels, das die Brasilianer so sehr lieben.

Dieses profitierte vor allem von der Kreativität der schwarzen Spieler, die in den Zwanzigerjahren zunehmend in die Vereine drängten oder eigene gründeten und nach Einführung des Profitums 1933 gleichberechtigt mitspielen durften. Sie kombinierten den europäischen Stil mit Elementen der Capoeira, dem Kampftanz der schwarzen Brasilianer, der Körper wurde nicht nur zur physischen Bekämpfung des Gegners eingesetzt, sondern dazu ihn zu täuschen, ihm auszuweichen, ihn ins Leere laufen zu lassen. Dribbling, Finesse und ein wenig Schabernack rückten in den Mittelpunkt, während gleichzeitig das versierte Kombinationsspiel Verwendung fand, das in den Zwanzigern die Mannschaft Uruguays weltweit bekannt gemacht hatte, die 1930 den ersten WM-Titel gewann. Den akustischen Rahmen bildete bald das von dem Journalisten Mario Filho, dessen Namen heute offiziell das Maracanã trägt, angeregte Auftreten von Blaskapellen und Trommelgruppen auf den Rängen der Arenen.

Brasiliens erster Fußballnationalheld aber war Arthur Friedenreich, dessen Schuh in einem Laden von Rio de Janeiro ausgestellt wurde, nachdem er bei der Südamerikameisterschaft in der 150. (!) Minute des Endspiels gegen Uruguay den Siegtreffer zum 1:0 und damit zum ersten großen Titel des Landes geschossen hatte. Ausgerechnet Friedenreich, der einzige Mensch unter den rund 30.000 im Laranjeiras-Stadion, der nicht weiß war. Goldfuß nannten ihn danach seine Landsleute, Tiger tauften ihn die Uruguayer. Was aber nichts daran änderte, dass Friedenreich bei der nächsten Südamerikameisterschaft fehlte, weil Brasiliens Präsident Pessoa höchstselbst die Mitwirkung schwarzer Spieler im Nationalteam verboten hatte.

Dass Friedenreich 1930 nicht dabei war, hatte jedoch andere Gründe. Das war ein Resultat des notorischen Streits der Verbände von Rio de Janeiro und São Paulo, der dazu führte, dass Brasilien eine reine Rio-Mannschaft nach Uruguay schickte, die in der Vorrunde ausschied. Friedenreich, damals beim FC São Paulo unter Vertrag, war selbstbewusst genug um zu sagen, dass Brasilien mit ihm den Titel gewonnen hätte. Bis 1935 spielte er noch weiter, obwohl seine Torquote deutlich nachließ, was auch eine Nominierung für die WM 1934 verhinderte, wo Brasilien im Achtelfinale an Spanien scheiterte. Die Fifa führt Friedenreich als besten Torschützen aller Zeiten, deutlich vor Pelé und Romário. 1 329 Tore sind offiziell anerkannt, und auch wenn die Gesamtzahl und der Charakter der Spiele, in denen sie zustande kam, umstritten sind, wird diese Lebensleistung eines Fußballers wohl ewig unerreicht bleiben.

Als sich Friedenreich 1935 im Alter von 43 Jahren zurückzog, hatte sich Brasiliens Fußball in den gut 26 Jahren seiner Karriere grundlegend verändert. Die Basis des Jogo Bonito war gelegt, das Zusammenwirken schwarzer und weißer Spieler, die Kombination vielfältiger Elemente zu einem harmonischen Ganzen, auch wenn der große Triumph auf der Weltbühne noch weit entfernt war. Weiter als die Menschen im Land damals glaubten.

Der Fußball war von einem Zeitvertreib der weißen Oberschicht zu einem Sport für das gesamte Volk geworden, und der Spaß an diesem Spiel hatte sich längst zur glühenden Leidenschaft entwickelt, die den Rhythmus eines Landes mitbestimmte, das nun unzweifelhaft zu den besten Fußballnationen der Welt gehörte. Zur WM 1938 nach Frankreich wurde ein Team geschickt, dessen zwei Protagonisten schwarz, aber dabei extrem unterschiedlich waren. Vorne der schier unfehlbare und technisch brillante Stürmer Leónidas, hinten der Eisenfuß und Organisator Domingos da Guia.

Lesen Sie im nächsten Abschnitt, wie der Brasilianische Fußball von den Nachkriegswirren in Europa profitierte.

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