Kommentar zum WM-Finale

Darum sollte Frankreich Weltmeister werden

Unser Autor sieht es sachlich: Die aufregendste Mannschaft hat den Titel verdient.

Jörg Winterfeldt
5 Min
Frankreichs Fans hoffen auf den WM-Sieg.

Frankreichs Fans hoffen auf den WM-Sieg.

© imago/Kyodo News

Es gibt einfache Gründe, den Franzosen die Daumen zu drücken. Die feierliche Marseillaise etwa, die sich so inbrünstig singen lässt, und fast besser klingt, wenn man Französisch und damit das Blutrünstige im Text nicht ganz so gut versteht. Aber auch die provokativen Lieder der Fans über ihren nach Russland geflohenen Kino-Star Gerard Depadieu, den sie damit verulken, in seinem Land nun die Weltmeisterschaft zu gewinnen.

Die leidenschaftliche Verbundenheit mit Frankreich dank der guten Weine, der schönen Chansons und der unschlagbaren Urlaubsregionen wäre auch ein triftiger Grund. Oder womöglich der französische Lebenspartner, der vier Wochen voller Adrenalin zu Hause gesessen und gefiebert hat, Taktiken studiert und sich zum Hobby-Trainer umschulen lassen hat. Und dessen Stimmung in den folgenden Tagen.

Der einfachste aller Gründe ist natürlich der Auftritt bei diesem Turnier. Von Anfang an haben die Franzosen genau das vorgeführt, was den Deutschen am schmerzlichsten gefehlt hat: die Einheit als Mannschaft, in der jeder dem Kollegen hilft und sich für nichts zu schade ist. Fraternité. Sie haben in Phasen begeisternden Fußball gespielt, auch wenn gelegentlich dabei der Eindruck aufkommen musste, sie wären dafür heimlich aus dem engen taktischen Korsett ihres Trainer Didier Deschamps ausgebrochen. Liberté. Und sie haben auch unter Beweis gestellt, dass sie einen großen Kader haben, in dem fast jeder ersetzbar ist, sogar fast ohne Qualitätsverlust. In dem jeder wichtig ist. Egalité.

Für Europas Fußball stellt Frankreich gerade das aufregendste Land. Das liegt leider nicht an seiner einseitigen Liga, indem Großinvestoren aus Katar Paris St. Germain mit ihren dreistelligen Millionen-Ausgaben ein eigenes Niveau über dem Rest gekauft haben, hinter dem der Rest eher hilflos zurückbleibt. Es geht nur darum, ob der Gegner einen Punkt gegen PSG schafft oder nicht. Und wann PSG Meister wird. Wer glaubt, der FC Bayern habe die Langeweile in der Meisterschaft erfunden, der befasse sich mit Paris.

Atemberaubende Talente

Aber was die Franzosen an Talenten entwickelt haben, ist atemberaubend. Sie haben etwa 20 Prozent weniger Einwohner als Deutschland mit ihren 66 Millionen, aber ein um so viel größeres Reservoir an nachrückenden Klassespielern. Während das Land freudetrunken den Finaleinzug feierte, meldete der FC Barcelona die Verpflichtung eines neuen Verteidigers: Ein gewisser Clément Lenglet kommt vom FC Sevilla für 35,90 Millionen Euro. In Russland fehlte er im Kader.

Das will nicht unbedingt etwas heißen. Der Trainer Deschamps ist zwar in Frankreich über alle Zweifel erhaben, aber als Nichtfranzose darf man ab und an schon mit ihm hadern. Dass er etwa Corentin Tolisso vom FC Bayern mitgenommen hat zur WM, aber auf den soviel öfter imponierenden Adrien Rabiot von PSG verzichtet hat, kann man wohl nur verstehen, wenn man Fan des FC Bayern München ist, wo Tolisso unter Vertrag steht.

In Leipzig verfügen sie über ein feines Innenverteidiger-Paar. Doch weder Ibrahima Konaté noch Dayot Upamecano haben es in den WM-Kader geschafft. Die Sachsen haben auch über den Junioren-Auswahlspieler Ronaël Pierre-Gabriel, einen Außenverteidiger von der AS Saint-Étienne, nachgedacht, bevor der nach Monaco wechselte. Den Franzosen Nordi Mukiele vom HSC Montpellier haben sie bereits verpflichtet. Und der von PSG eingekaufte Stürmer Jean-Kévin Augustin hat auch schon in Leipzig begeistert. In Dortmund haben sie künftig das Innenverteidiger-Paar Abdou Diallo und Dan-Axel-Zagadou aus Frankreich. Ebenfalls nicht in Deschamps‘ Kader.

Grandiose Aussichten

Der weist allerdings Ousmane Dembélé auf, jenen Rechtsaußen, der in Dortmund einst mit seinen Dribblings so rasch an Wert gewann, dass er sich für 115 Millionen Euro vorigen Sommer an den FC Barcelona verticken ließ. Warum für soviel, konnte er bei der WM noch nicht nachweisen. Doch womöglich schlummert da sogar auch im Kader der Franzosen noch viel bei der WM verstecktes Potenzial. Und dennoch haben einige der schnellen Angriffe bisher schon über den genialen Paul Pogba im Mittelfeld mit seinen klugen Pässen und den unglaublich schnellen wie trickreichen Kylian Mbappé gezeigt, zu was diese Franzosen längst fähig sind.

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Ganz allmählich lässt sich also erahnen, wie grandios die Aussichten der Franzosen in den kommenden Jahren sein werden. Womöglich dann auch mit einem weltweit unumstrittenen Trainer wie Zinedine Zidane. Einem der nicht erst durch Rücktritte wie vom rechten Verteidiger Patrice Evra oder durch Verletzungen wie vom Abwehrmann Laurent Koscielny dazu gezwungen werden muss, die Generation Rasanz aus der Jugend im Erwachsenenbereich zu implantieren. Nach den Auftritten von Raphaël Varane und Samuel Umtiti kräht nicht einmal der französische Hahn noch ernsthaft nach dem fehlerbehafteten Koscielny.

Und so soll dann die aufregendste Mannschaft dieses Turniers auch verdient den Titel gewinnen. Die Mannschaft, die nicht durch fragwürdige nationalistische Kabinengesänge aufgefallen ist oder durch Lügenmärchen ihrer Stars vor Gericht. Und vielleicht ebnet der Triumph der Mannschaft ja sogar den Weg in eine noch glorreichere Zukunft: Wenn der Trainer Deschamps auf dem Höhepunkt seines nationalen Schaffens den Weg freimacht für den, den alle im Fußball und im Land nur als Zizou verehren, Zinedine Zidane.

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