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Die duftenden üppigen Dolden von Blauregen und Flieder verblassen langsam, dicke Hummeln und mal eine Hornisse brummen vorbei, Frösche quaken, Singvögel betreiben seit 4.30 Uhr ihren vielstimmigen Chor. Ab und zu funkt lautstark die Herde der Nilgänse auf dem See dazwischen. Und abends, wenn die ersten Fische springen, jagen am zartblauen Himmel Hunderte Schwalben in weiten Schwüngen nach Mücken, bevor sie in der Dämmerung von den pfeilschnellen Fledermäusen abgelöst werden. Die Groß Glienicker Kirchglocke schlägt zu allen halben und vollen Stunden sanft über den See. Es ist also das reinste Paradies.
In diesem Jahr kam allerdings eine Rotte Wildschweine längs von der Badestelle „Pferdekoppel“ angeschwommen, um eine Gemeinschaftswiese einmal gründlich umzugraben. Und bei einem abendlichen Picknick auf dem Steg löste sich in einem Sommer eine ganze Familie von Waschbären geschickt und völlig geräuschlos vom Ufer her aus der Dunkelheit und turnte über das Geländer in Richtung Fleisch. Die gleichen munteren Räuber, die im Morgengrauen vieläugig aus dem Kirschbaum geguckt hatten.
Dieses Paradies liegt ganz weit im Westen Berlins, dort, wo am anderen Ufer des Groß Glienicker Sees, ja eigentlich schon in der Mitte des Sees, der brandenburgische „Osten“ beginnt. Und paradiesisch war es nicht immer.
Der Schlosspark verwilderte zu Mauerzeiten
Früher patrouillierten hier DDR-Grenzer auf einem Boot, um die Bojen mit den unter Wasser befestigten Kettennetzen und Stacheldrahtkonstruktionen zu überwachen – es sollte keine Flucht von Ost nach West, vom Westufer zum Ostufer gelingen. Am 15. Juli 1971 erschoss sich direkt am Ufer ein junger Grenzsoldat unter der psychischen Belastung des Wehrdienstes, bei dem er ja dauerhaft Schießbefehl hatte.
Auf dieser Westseite des Sees, im ehemaligen „Osten“ also – so verwirrend ist es mit politischen und Himmelsrichtungen in Berlin – versperrte die Mauer bis Anfang der Neunzigerjahre all denen den Blick auf und Zugang zum See, die noch so nah an der Mauer hatten wohnen bleiben dürfen. Zwei verbliebene Segmente stehen heute als Denkmal auf der Wiese, die am nördlichen Ufer einst zum Schloss von Groß Glienicke führte.
Der Schlosspark verwilderte im DDR-Teil zu Mauerzeiten und wurde im anderen Teil zu einem dicht besiedelten West-Berliner Campingplatz, denn jedes Stück Erde, das die Möglichkeit zu Grill und Grün versprach, war kostbar und begehrt im ummauerten Berlin.
Ein Schloss nämlich gab es nicht mehr: Die Russen hatten nach dem Krieg bei einem Brand in ihrem Zorn die Löscharbeiten verhindert. Zu viele Nazis hatten bekanntermaßen in dem landwirtschaftlichen Rittergut verkehrt, seit der Schwiegersohn des Besitzers von Otto von Wollank es Ende der Zwanzigerjahre nach Wollanks Tod übernommen hatte.
Fundstück Nummer 1: Leuchtmunition zur Schussfelderhellung
© Ute Novieku
Fundstück Nummer 2: eine Milchflasche der Molkerei vom Rittergut Groß Glienicke
© Ute Novieku
Erzählungen über den Unterwasserstacheldrahtzaun
Bis zur Wende drängten sich im Sommer an den beiden großen Badestellen im Osten die West-Berliner, immer mit ein bisschen Grusel wegen der schussbereiten Grenzer und der Erzählungen über den Unterwasserstacheldrahtzaun. Schon der Weg zu diesen Badestellen im abgelegenen Teil von Berlin war eine halbe Weltreise, man fuhr endlos die Mauer entlang, links die berühmt-berüchtigten Rieselfelder. Auf der Westseite des Sees, im ehemaligen „Osten“, durfte natürlich niemand baden.
Nach der Wende konnte man endlich durch das Spandauer Tor, das immer noch aussieht wie der Eingang zu einem alten Rittergut, auf der kopfsteingepflasterten Gutstraße und am Seeufer entlang den Grenzstreifen erkunden und sich den „Westen“ sozusagen vom „Osten“ und diesen Osten von Nahem angucken. Der zeigte endlich wieder seine Schätze: große Ufergrundstücke mit zwar bröckeligen, aber ehemals vornehmen Villen am Hang und frech dazwischen geklemmten simplen DDR-Datschas, Reste bäuerlicher Landwirtschaft und ehemaliger Wochenendhäuser jüdischer Familien aus Schöneberg und Charlottenburg.
Umgekehrt konnte man nun durch das Potsdamer Tor über die Gutstraße nach West-Berlin und sich dort die vor und nach dem Krieg erbauten „Westhäuser“ entlang der Strandpromenade angucken.
Im Laufe der Wendejahre wuchs der früher so penibel geharkte Sandstreifen zwischen See und Mauerweg vollkommen zu. Der schattige Uferweg bietet heute einen Parcours durch die deutsche Architekturgeschichte, unter Beseitigung der Datschen – zu kostbar ist der Baugrund –, dafür inklusive rosa Barbieschloss und schnörkelloser Villen mit Panoramafenstern zum See. Eines der hundertjährigen Wochenendhäuser wurde zum Museum restauriert, in dem die Vertreibung der jüdischen Familien dokumentiert wird.
Aufgeblasene Flamingos bevölkern den See
Nicht weit davon, an der Nordseite des Sees, am Rand des ehemaligen Schlossparks, lugt der einst von Otto von Wollank gestiftete Erntekindergarten mit seinen hellen Ziegelsteinen, die wahrscheinlich auf dem Gut selbst gebrannt wurden, durch die inzwischen dichten Uferbäume.
Der früher so ruhig gelegene, aber überfüllte Campingplatz am Nordufer leidet unter der jetzt dicht befahrenen Straße. Und so leeren sich die Parzellen besonders in Zaunnähe. Es gibt ja jetzt Auswahl im Umland. Heute sind die Badestellen mit dem klaren Wasser immer noch sehr beliebt, aber man findet viel leichter einen Platz als zu Mauerzeiten, die Berliner haben ja jetzt Auswahl.
Und die Berliner bestehen inzwischen auch aus arabischen, türkischen und afrikanischen Familien, aus russischen und ukrainischen; uralte Babuschkas werden liebevoll zum Ufer getragen, orientalische Großväter rauchen ihre Wasserpfeife. Aufgeblasene Flamingos und Einhörner bevölkern an heißen Tagen den See, der mit seinen hellen flachen Stränden und dem klaren Wasser fast wunschlos glücklich macht.
Dazwischen und bis in die Nacht Herden von Teenagern, vornehmlich aus dem Kladower Jahrtausendwende-Wohngebiet, in dem wegen des nahe gelegenen ehemaligen Militärflughafens Gatow alle Straßen nach Fliegern benannt sind. Als die Supermärkte nachzogen, mussten die Sommerbewohner der Freizeitanlagen nicht mehr ihren Proviant von weit her anschleppen.
Badestelle „Pferdekoppel“
© Ute Novieku
Mit dem Wasser ging auch das Schilf zurück
Dort, wo die Mauer dem Ort Groß Glienicke die Augen zuhielt, gibt es jetzt auch wieder eine Badestelle, dekoriert mit Findlingen, Bänken und einem niedlichen Eiscafé.
Jetzt kann man von Berlin nach Brandenburg schwimmen, also von Osten nach Westen, und beispielsweise an einem mächtigen Baumstamm Pause machen und sich die Füße von winzigen Fischen im klaren Wasser beäugen lassen. Noch vor wenigen Jahren schwangen sich hier die Jugendlichen wie Tarzan und Jane an langen Seilen ins Wasser, bis die Weide wegen des stark abfallenden Wasserspiegels umfiel.
Die Brandenburger blicken mittlerweile auf eine Armada von im Trockenen staksenden Stegen, die verlegen und tapfer an den Wochenendgrundstücken am Ostufer in Berlin ausharren. So lang wie ein Mensch ist der Wasserspiegel in Zentimetern gesunken. Mit dem Wasser ging auch überall das Schilf zurück. Man entdeckt, wenn die Sonne schräg im flachen Wasser steht, Krebse und Muscheln im hellen Sand. Manchmal steht ein junger Hecht, der mit starrem Blick schon den Raubfisch markiert, obwohl er gerade mal so lang ist wie zwei Zeigefinger.
Fährt man ganz weit nach Osten, an den anderen Rand der Stadt, so hat dort zum Beispiel der Strausberger See genauso viel Wasser verloren. Hier sind es nicht Stege, sondern die freigeschwemmten Wurzeln der Bäume, die wie Spinnen aus der Urzeit am Ufer stehen. Es ist also das Klima, und das kümmert sich nicht um politische Grenzen oder menschliche Wünsche nach Wiederauffüllung der Seen.
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Wer hat diese Patrone abgeschossen?
Genau wie die Demontage der Mauer hat das zurückweichende Wasser an einigen Stellen Schätze und Müll preisgegeben. Kleine Huckel und Hindernisse im Sand entpuppten sich als alte Sicherungen aus Porzellan, als bizarr geformte Ofenschlacke, als von Hand geformte Ziegel, so viele, dass sie zusammen ein Haus ergeben würden, als Scherben von Porzellan und Keramik, als verbogene Löffel.
Eine bauchige, 100 Jahre alte Milchflasche mit der Aufschrift „Molkerei Rittergut Groß Glienicke Vollmilch“ überlebte sandgefüllt unter Schlick und Wasser. Otto von Wollank hatte diese Molkerei nach Erwerb des Gutshofes 1890 gegründet und die Pasteurisierung eingeführt; die Milch wurde bis nach Charlottenburg verkauft.
Auch zerfetzte Stücke einer NVA-Signalpatrone, zur Schussfelderhellung in der Nacht, waren von der Strömung ans Ostufer gespült worden und dort versandet. Wer hat diese Patrone damals abgeschossen und weshalb?
Am geschäftigen Kudamm, oben, fast am Halensee, kreuzt eine sehr ruhige, breite Straße, die ursprünglich im spitzen Winkel vom Kudamm kam, inzwischen aber durch einen Platz fast zur Sackgasse montiert ist, eine andere sehr ruhige Seitenstraße. 1929 wurden hier die Groß Glienicker Dorothea von Wollank und ihr Mann Otto von einem heranrasenden Gefährt in ihrem Auto so schwer verletzt, dass sie später verstarben. Folglich musste man seither die Gefahr an der Küstriner Straße, heute Damaschkestraße Ecke Droysenstraße, per Ampel bannen.
Ein paar hundert Meter weiter fährt alle 20 Minuten der Bus die Kant- und Heerstraße entlang zum Groß Glienicker See, von einer Welt in die andere.
Ute Novieku ist Berlinerin in vierter Generation, stammt aus einer multikulturellen Familie und wurde an der Freien Universität Berlin in Psychologie promoviert. Mit der Geschichte und Gegenwart ihrer Herzensstadt beschäftigt sie sich in Texten und auch Zeichnungen, besonders mit der Zeit und den kollektiven und individuellen Folgen des Nationalsozialismus bis in die Gegenwart.
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