Wodka und Punkrock

Die Volksbühne zeigt Wenedikt Jerofejews „Reise nach Petuschki“

Klarsichtige Vollrausch-Literatur als Punkrock-Konzert-Theater auf hartem Asphalt.

Doris Meierhenrich
3 Min
Daniel Zillmann (l.) und Christian Schneeweiß  auf der „Reise nach Petuschki“.

Daniel Zillmann (l.) und Christian Schneeweiß  auf der „Reise nach Petuschki“.

© Thomas Aurin

Auch die Volksbühne hat ihre Karfreitagsrituale: Wie schon zur „Schwarzen Serie“ im Vorjahr klappt auch diesmal kurz vor Ostern die zweite Riege nach vorn und zelebriert ihre eigenen Passionsspiele.

Der Castorf-Assistent Sebastian Klink hat dafür so etwas wie ein eigenes Genre entwickelt: die Punk-Rockkonzert-Theatralisierung. Und mit so vorbehaltlos sich verausgabenden Spielern wie Daniel Zillmann, Patrick Güldenberg und Christian Schneeweiß sowie der Band „New World Order“ funktioniert das von Mal zu Mal besser.

Griff in die Sowjetkiste

Nach DJ Stalingrads postsowjetischer Schläger-Hymne „Exodus“ hat Klink nun noch tiefer in die Sowjetkiste gegriffen und ihren benebeltsten und scharfsinnigsten Dissidentenroman heraus gepickt: Wenedikt Jerofejews philosophisch-satirischen Trink-Gottesdienst „Reise nach Petuschki“.

Sehenswert ist der Abend 100 Minuten lang, die noch folgende Stunde wird vor allem schmerzhaft. Nicht nur, weil sich der Star des Abends, Alexander Scheer, in den späten Auftritten als Gott und Teufel keinen Deut mehr schert um Regie oder Text, stattdessen seine Rockstarqualitäten auslebt, sondern weil es einfach keine Freude ist, länger auf dem blanken Asphalt rumzurutschen.

Kissen und Schnaps

Wer trotz Passion nicht mitleiden will, sollte eigene Weichmacher, zumindest einen Flachmann dabei haben. Ein Schluck vorweg ist ohnehin ratsam, dann versteht sich noch besser, wie die Wenedikt’sche Höllenfahrt durch die Niederungen des Sowjetalltags ins utopische Paradies Petuschki sich zwar nur im Kreis dreht, aber zugleich auch streng antinomisch funktioniert.

Gleich zu Beginn erklärt der gute Wenja − Protagonist seiner eigenen Erzählung − wie es sich verhält mit dem Korianderschnaps: bei normalen Menschen stärkt er die Glieder, indem er ihren Geist schwächt. Bei Wenja schwächt er zwar die Glieder empfindlich, lässt dafür den Geist aber enorm anschwellen.

Auftritt Spassova

Und auch wenn Wenja, als er so analysiert, gar nicht wie Wenja aussieht, sondern in Gestalt der imposanten Blondine (Jeanette Spassova) auf Highheels und mit Sonnenbrille über das Bert-Neumann-Gerüst im Zuschauerraum stolziert, beweist doch schon diese Seinserweiterung die Richtigkeit seiner Schnapsaussage. Ja, Wenedikt ist auf dem großen Weg der Geistentfaltung und Weltdurchdringung, die geradewegs in die erlösende Apokalypse führt. In Klinks Inszenierung führt sie ganz altmeisterlich per Live-Video durch alle Ecken des Hauses.

Dass die Romangegenwart um 1970 liegt, als sich Ost- und West-Hemisphären so richtig in ihre jeweiligen Angeber-Systeme einbetonierten, tut ihrer Aktualität keinen Abbruch. Wer hinsieht, erkennt, dass in anderem Design heute vieles ähnlich funktioniert. So bleiben auch Wenjas heilige Wodka-Mixrezepte gegen verordete Großmannssucht wie der „Geist von Genf“ und das „Schweinegekröse“ von zeitloser Schönheit und Wunderkraft. Österlich. 

Reise nach Petuschki 17.4., 11.5., 20Uhr, Volksbühne, Tel.: 24065777

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