Wohnprojekt neben Neubau

Der tägliche Kampf um Freiraum in Berlin

Das letzte revolutionäre Haus steht Wand an Wand mit einem Steuerberater-Neubau.

Maxim Leo
12 Min
Schwarzes Holz und bröckelnder Putz: Die Häuser wirken, als hätte ein Performance-Künstler den Auftrag gehabt, eine steinerne Metapher für das alte und das neue Berlin zu schaffen.

Schwarzes Holz und bröckelnder Putz: Die Häuser wirken, als hätte ein Performance-Künstler den Auftrag gehabt, eine steinerne Metapher für das alte und das neue Berlin zu schaffen.

© Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Dies ist die Geschichte von zwei Häusern, die nebeneinander stehen, in der Kleinen Rosenthaler Straße in Berlin-Mitte. Die Wände der beiden Häuser berühren sich, und doch ist es, als stünden sie weit voneinander entfernt. Das eine ist ein schartiges, runzeliges Haus, an dem sich der Putz wie altes Pergamentpapier wellt, die darunter liegenden Ziegelsteine sind vom Regen ausgewaschen und zerklüftet. Daneben ragt stolz und kühl ein mit schwarzem Holz verkleideter Bauhaus-Kubus in die Höhe. Beide Häuser zusammen wirken, als hätte ein Performance-Künstler den Auftrag gehabt, eine steinerne Metapher für das alte, widerborstige und das neue, schicke Berlin zu schaffen. An dem einen Haus steht in sehr großen Buchstaben: „Soldaten sind Mörder“. An dem anderen Haus steht in sehr kleinen Buchstaben „Steuerberatungsgesellschaft“.

Nach dem Mauerfall war das Viertel zwischen Hackeschem Markt und Rosenthaler Platz für sein buntes, raues Nachtleben bekannt, eine Art Abenteuerspielplatz  mit verlassenen Häusern und verwilderten Gärten. Hier gab es Clubs wie den Eimer, das Huxleys und die Dead Chicken Bar. Von diesem Spielplatz ist nicht viel übrig geblieben, ein paar Brachflächen hier und da – und dieses Haus mit der Pergamentpapier-Fassade, das heute im pastellfarbenen Mitte-Immobilienpark wie ein Museum der Berliner Ureinwohner wirkt.

Diese Geschichte ist auch die von zwei Frauen, die in den beiden Häusern leben, Wand an Wand. Die Frauen sind sich nie begegnet, obwohl sie nun schon ein paar Jahre so dicht beieinander sind. Sie haben viel voneinander gehört, viel übereinander gesprochen. Die eine heißt Karin Schopp, ihr gehört das kühle, schwarze Haus und auch die Steuerberatungsfirma, die hier ihren Sitz hat. Frau Schopp ist 51 Jahre alt, trägt elegante, cremefarbene Kostüme, hat lustige, kluge Augen und sagt, sie fühle sich von ihren Nachbarn verraten. Die andere Frau heißt Maja, sie ist 31 Jahre alt, trägt bunte Tücher, Rastalocken, ist Krankenpflegerin und eine der Sprecherinnen ihres Hauses. Zu der Beziehung mit ihrer Nachbarin sagt sie: „Wir lassen uns in Ruhe.“

Sie sind misstrauisch

Beide zögern lange, bevor sie sich auf ein Gespräch einlassen. Sie sind misstrauisch, weil es offenbar gar nicht so einfach ist, etwas über das Verhältnis zwischen beiden Häusern zu erzählen, ohne an heikle Geschichten und Verletzungen zu rühren. Als im Februar 2016 das erste Gespräch mit Frau Schopp stattfindet, bricht sie den Kontakt kurze Zeit später wieder ab, weil grüne Farbbeutel an die Fassade ihres Hauses geworfen wurden und sie sich fragt, ob ihre Nachbarn dahinter stecken.

Beim zweiten Gespräch, Mitte Juni 2016, in ihrem verglasten Konferenzraum, von dem aus man die schartigen Hofmauern der Nachbarn sehen kann, sitzt Frau Schopp entspannt da und lächelt. Die grünen Farbbeutelflecken sind gerade entfernt worden und Frau Schopp ist jetzt auch nicht mehr so sicher, ob die Nachbarn wirklich etwas damit zu tun hatten. Dann, zwei Tage später, ruft Frau Schopp aufgeregt an. Sie sagt, es gebe neue Schmierereien an ihrer Tür. Es geschieht in der Nacht, in der zum ersten Mal wieder alles sauber ist. „Jemand aus der Nähe muss das beobachtet haben“, sagt sie. Deshalb fühlt sie sich verraten.


Das ist unser Haus

In den Achtzigerjahren wurden in West-Berlin 200 Häuser von Punks, Autonomen, Künstlern und Studenten  besetzt, um die Wohnungspolitik des Senats anzuprangern.

1989, nach dem Zusammenbruch der DDR, startete eine zweite Besetzungswelle im Ostteil der Stadt. Ganze Wohnblöcke standen damals kurz vor dem Abriss und wurden vor allem von Studenten aus dem Westen besetzt. Über 120 leerstehende Altbauten erhielten so vorübergehend neue Bewohner.

Heute gibt es noch rund hundert besetzte Häuser in Berlin, die meisten in Kreuzberg-Südost,  in Friedrichshain und im südlichen Prenzlauer Berg. Wobei keines der Häuser noch wirklich besetzt ist: Die meisten Bewohner haben Mietverträge.


Maja ist erstaunt, als sie von Frau Schopps Verdächtigungen hört. „Wir kämpfen mit anderen Mitteln“, sagt sie knapp und scheint es bereits zu bedauern, überhaupt zu dem Treffen mit dem Reporter gekommen zu sein. Maja musste sich zunächst vom Plenum ihres Hauses ein Mandat erteilen lassen, um mit dem Reporter reden zu dürfen. Das Mandat ist ähnlich komplex wie ein Votum des Uno-Sicherheitsrats. Das Gespräch darf nicht im Haus stattfinden, weil die Presse da grundsätzlich nichts zu suchen hat. Persönliche Informationen sind Maja nur schwer zu entlocken, weil es, wie sie betont, in ihrem politischen Wohnprojekt nicht um einzelne Menschen sondern um die Sache geht. Außerdem wird Maja von Micha dem Punk begleitet, um die Geschlechterneutralität der Sprechenden zu wahren. Maja und auch Frau Schopp wollen sich nicht fotografieren lassen, was verständlicher wird, wenn man irgendwann die ganze Geschichte kennt.

Aber erst einmal verstummen beide wieder, nachdem am 22. Juni 2016 in der Rigaer Straße in Berlin-Friedrichshain ein besetztes Haus teilweise geräumt wird. Tagelang liefern sich Polizisten und Demonstranten Straßenkämpfe, Brandsätze und Steine fliegen, mehr als hundert Beamte werden verletzt, ähnlich viele Protestierer verhaftet. Der Kampf um Berlin ist nach vielen Jahren wieder ausgebrochen, und auch die beiden Häuser in der Kleinen Rosenthaler Straße bleiben davon nicht verschont. Autonome laufen nachts durch die Straße, die Polizei schickt Einsatzwagen. Frau Schopp hat Angst. Und Maja auch. Beide Frauen würden am liebsten gar nichts mehr sagen. Es wird verabredet, auf ruhigere Zeiten zu warten. Anfang 2017 ist es so weit, in der Kleinen Rosenthaler Straße ist wieder Frieden eingekehrt. Schneeflocken fallen vom Himmel, umhüllen die Häuser, lassen sie noch enger zusammenrücken. Endlich kann die Geschichte erzählt werden. 

Das Haus ist mehrmals verkauft und erworben worden. Die Eigentümer hatten alle möglichen Ideen, aber nichts von dem ist je geschehen, weil die Bewohner mutig auf ihre Rechte pochten.

Das Haus ist mehrmals verkauft und erworben worden. Die Eigentümer hatten alle möglichen Ideen, aber nichts von dem ist je geschehen, weil die Bewohner mutig auf ihre Rechte pochten.

© Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Es begann damit, dass Frau Schopp 2011 einen neuen Standort für ihr Steuerbüro suchte. Sie kannte das Viertel aus ihrer Studentenzeit, als sie noch keine cremefarbenen Kostüme trug und in der Gegend Party machte. Wenn Frau Schopp von dieser Zeit erzählt, wirkt ihr Gesicht sehr weich. „Es war eine wilde Zeit“, sagt sie versonnen. Maja war Anfang der Neunziger ein Kleinkind, lebte im österreichischen Tirol und kam erst viel später nach Berlin. „Ich wollte mit anderen zusammen in einem Wohnprojekt leben und mich einbringen“, sagt sie. Die wilde Zeit kennt sie nur aus den Erzählungen der älteren Mitbewohner, die von Anfang an dabei waren.

Das Haus wurde kurz nach dem Mauerfall besetzt, von Studenten, Punks und Künstlern, die ein politisches Wohnprojekt schaffen wollten, das Spekulanten und Abrissfirmen die Stirn bietet. Aus dieser Zeit stammt übrigens auch der erste Schriftzug an der Fassade, über dem Fenster der Parterre-Wohnung, an der Ecke zur Linienstraße. „Keine Zerstörung mehr“, steht da in roten Lettern, und ist eine Reaktion auf die Abrisspolitik des Ostberliner Magistrats in den achtziger Jahren im Scheunenviertel.

Bevor das Gebäude an eine rumänische Erbengemeinschaft rückübertragen wurde, gab die Wohnungsbaugesellschaft Mitte den Besetzern Mietverträge. Seitdem ist das Haus mehrmals verkauft und erworben worden. Die Eigentümer hatten alle möglichen Ideen, aber nichts von dem ist je geschehen, weil die Bewohner mutig auf ihre Rechte pochten. Zweimal versuchten die Bewohner das Haus zu erwerben, aber die Eigentümer verkauften lieber an andere. Keiner der Eigentümer hat je etwas an dem Haus getan, der Wert der Immobilie stieg trotzdem unablässig, so dass es für die Bewohner irgendwann gar nicht mehr möglich war, selbst zu kaufen. Aber erhalten haben sie es, so gut es eben ging, sonst wäre das Haus wohl längst zusammengefallen.

Zwangsräumungen von ganz normalen Leuten

Seite an Seite - ein moderner Neubau und ein politisches Wohnprojekt in der Kleinen Rosenthaler Straße in Berlin-Mitte.

Seite an Seite - ein moderner Neubau und ein politisches Wohnprojekt in der Kleinen Rosenthaler Straße in Berlin-Mitte.

© BLZ/Paulus Ponizak

Neben dem Haus, da, wo jetzt der schwarze Kubus von Frau Schopp steht, gab es Schuppen und Garagen, in denen eine bunte Meute hauste, die Autos reparierte, Partys veranstaltete und kleine Werkstätten betrieb. Das Grundstück gehörte der künstlerischen Leiterin der Kulturstiftung des Bundes, Hortensia Völckers. Sie wollte dort mit anderen zusammen ein Haus bauen. Die Berliner Besetzer-Szene bedrohte die Bauherrin massiv. Hortensia Völckers bekam Angst und zog sich zurück. Dann kaufte Frau Schopp das Grundstück.

Sie sagt, sie hätte keine Angst gehabt, weil sie ja niemandem etwas tat und auch keinen Wohnraum wegnahm. „Ich dachte, wenn ich mich ehrlich und anständig verhalte, dann kommen wir miteinander klar.“ Schon bald merkte sie, dass die Dinge komplizierter waren. Es begann damit, dass sie erst mal keinen Anwalt fand, der bereit war, die Räumungsklage für das Grundstück zu führen. „Die hatten Angst vor der Hausbesetzer-Szene“, sagt Frau Schopp. Dann nahm der Staatsschutz Kontakt mit ihr auf, weil sie plötzlich als gefährdete Person galt. Ihre Privatadresse und ihre Telefonnummern wurden aus den öffentlichen Registern entfernt, Polizisten bewachten ihre Wohnung in Charlottenburg.

Im Oktober 2011 hatte Frau Schopp nach langen Auseinandersetzungen den gerichtlichen Räumungsbescheid und die Bauarbeiten begannen. Die Nachbarn blieben friedlich und auch die Besetzer-Szene hielt still. Ende 2013 war das Haus fertig und Frau Schopp zog mit ihrer Firma ein. Sie schien recht damit zu behalten, dass man keine Sorgen haben muss, wenn man den anderen keine Sorgen bereitet.

Feier Raum wird immer kleiner

Ganz so problemlos sieht Maja die Sache allerdings nicht. Sie sagt, der freie Raum in der Stadt werde immer kleiner. Nicht nur das Grundstück neben ihrem Haus sei auf einmal weggewesen, auch sonst gebe es im Viertel immer mehr Zwangsräumungen von ganz normalen Leuten, die ihre Miete nicht mehr bezahlen können. Die kleinen Läden verschwinden und werden durch teure Boutiquen ersetzt. „Das Geld setzt sich durch, und wer nicht zahlen kann, muss abhauen. Das ist die eigentliche Brutalität“, sagt sie.

Maja und ihre sechzehn Mitbewohner versuchen, gegen diesen Trend anzugehen. Mit friedlichen, cleveren Mitteln. Sie unterstützen Leute, die von Räumungen bedroht sind, kümmern sich um alte und kranke Menschen, demonstrieren gegen Ladenschließungen. Sie wohnen als eine Art Kommune zusammen, jeder hat ein Zimmer, die selbst eingebauten Toiletten und Bäder und die Küche werden zusammengenutzt. Einmal die Woche treffen sie sich zum Plenum  und besprechen ihre politischen Projekte. „Wer hier wohnt, will mehr als einen Platz zum Schlafen, der will etwas tun“, sagt Maja. Unter ihren Mitbewohnern gebe es Ältere und Jüngere, Künstler, Arbeitslose, Mütter mit Kindern. Manche wohnen seit 1990 hier, viele kamen später dazu. Genauer will sie nicht werden. Die Eigentümer halten sich im Hintergrund. „Sie warten, der Wert steigt ja von alleine“, sagt Maja.

Stacheldraht über Blumen

Es sind immer konkrete Dinge, die sie in ihrem Kiez machen. Zum Beispiel die Sache mit dem Nachbarschaftsgarten. Der entstand auf dem freien Grundstück auf der anderen Seite des Hauses von Frau Schopp. Das Grundstück war seit Jahren verwahrlost und zugemüllt. Im Frühjahr 2015 begannen Maja und die anderen damit, den Müll wegzuräumen und Blumen zu pflanzen. „Auf einmal kamen alle möglichen Leute aus der Nachbarschaft und machten mit“, erzählt Maja mit glänzenden Augen. „Das waren Leute aus den schicken Häusern und welche wie wir, und wir haben zusammen gearbeitet und geredet, es entstand etwas Tolles.“

Sie bauten Hochbeete, einer aus dem schicken, weißen Haus in der Linienstraße fuhr Muttererde an, andere brachten Liegestühle mit. Es wurde gegrillt und getanzt und auf einmal war da wieder ein Ort, der allen gehörte. Ein Ort der Nachbarschaft, der Neugier, der Offenheit. Allerdings währte dieses Glück nicht lange, zwei Wochen später waren die Hochbeete umgestoßen, die Blumen herausgerissen. Der Eigentümer des Grundstücks stellte einen mit Stacheldraht bewehrten Bauzaun auf, an dem hing ein Schild: „Hier entsteht in Kürze dringend benötigter Wohnraum.“

Maja schüttelt stumm den Kopf. Sie begreift einfach nicht, wie Menschen so engstirnig sein können. Warum darf Stacheldraht über Blumen siegen? Weshalb darf Geld über Menschen entscheiden? Maja sagt, diese Stadt mache sich selbst kaputt, die Wärme und das Bunte verschwinden. Auch Frau Schopp schüttelt den Kopf, als sie von der Zerstörung des Gartens und dem Stacheldraht hört. Sie sagt, man hätte doch eine Nutzungsvereinbarung aushandeln können, die für alle funktioniert. Klar sei aber auch, dass ein Eigentümer seinen Grundbesitz nicht einfach so hergeben könne.

Miethöhen und Abenteuerplätze

Diese Geschichte handelt also auch vom täglichen Kampf, der in dieser Stadt geführt wird. Ein Kampf um Miethöhen, um Abenteuerspielplätze, und letztlich um den Sinn des Lebens. Das Haus von Maja und ihren Freunden ist das letzte seiner Art in Berlin-Mitte und auch im Rest der Stadt werden es immer weniger. „Allein, dass es uns noch gibt, ist ein Zeichen dafür, was alles möglich ist“, sagt Maja. Was sind die wichtigsten Werte in ihrem Leben? Sie überlegt. Gerechtigkeit und Freiheit, sagt sie schließlich.

Frau Schopp wuchs in Freiburg auf, in einer Unternehmerfamilie. Ihre ersten Partys feierte sie in besetzten Häusern, von denen es in Freiburg eine ganze Menge gab. Sie demonstrierte gegen Atomkraft, träumte von der Freiheit und wollte in Berlin Malerei und Mathematik studieren. Am Ende studierte sie Betriebswirtschaft und wurde Steuerberaterin. Auch ihr sind, so sagt sie, Freiheit und Gerechtigkeit das Wichtigste. Und Mitgefühl. Es könnte sein, dass diese beiden Frauen sich ähnlicher sind, als sie es selbst für möglich halten.

Bevor ihr Haus zum zweiten Mal beschmiert wurde, hatte Frau Schopp gesagt, sie könne sich vorstellen, mal mit ihren Nachbarn eine Tasse Kaffee zu trinken. Maja könnte sich das auch vorstellen, wobei sie die Idee weniger zu faszinieren scheint als Frau Schopp. „Wir haben verschiedene Lebensweisen und verschiedene Ziele. Selbst wenn wir uns sympathisch wären, würde das wahrscheinlich nichts ändern“, sagt Maja. Frau Schopp ist da viel pragmatischer. „Vielleicht sollte ich mit den Nachbarn einen Deal machen“, sagt sie. „Ich kaufe das Haus, es wird saniert und sie können günstig dort wohnen bleiben. Dann haben alle was davon.“

Interessant ist, dass man sowohl Maja als auch Frau Schopp verstehen kann. Sie handeln beide logisch, nur passt die Logik so schwer zusammen. Vielleicht sollten die beiden wirklich mal eine Tasse Kaffee zusammen trinken, wenn es wieder wärmer geworden ist, auf dem Gehsteig vor ihren Häusern. Dort, wo das schwarze Holz die bröckelnde Mauer berührt.

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