Herr Suwala, bei Aldi, Lidl und Co. gibt es demnächst Wurst und Wohnungen. Ist das eine gute Kombination?
Da spürt man die unsichtbare Hand des Marktes. Berlin ist in den vergangenen Jahren um 250.000 Menschen gewachsen, aber nicht das Angebot an Wohnungen. Ein Versäumnis der Politik. Der Bedarf ist da, die Preise stimmen. Das ist jetzt eine Win-win-Situation.
Sie meinen, ohne die gestiegenen Mieten wären die Discounter nicht auf die Idee gekommen, ihre Dächer mit Wohnungen zu vergolden?
Ja, schon. Aber das ist ja keine neue Idee, wenn man sich die Trends wie Urban Gardening anschaut. Oder die Vermarktung der Dächer als Standorte für Solarzellen.
Der Experte
Lech Suwala, 39, ist Wirtschaftsgeograf und Stadtökonom an der Technischen Universität Berlin.
Aldi verbindet die Offerte mit der Forderung, seine Märkte von 800 auf 1200 Quadratmeter deutlich vergrößern zu dürfen. Damit dürfte der Konkurrenzdruck auf die anderen Geschäfte in der Nachbarschaft noch einmal größer werden.
Die Forderung passt in die Expansionsstrategie, die Aldi-Nord schon seit längerem verfolgt. Das ist eben das Tauschpfand, das man einlösen muss. Der Effekt auf die Nachbarschaft muss übrigens auch gar nicht negativ sein. Denn in die Wohnungen ziehen ja Menschen ein, die dann für ihren Bedarf auch einkaufen müssen. Und nicht alle gehen zu Aldi oder Lidl. Und wenn man sich die bislang benannten Standorte anschaut, haben sich die Discounter das genau überlegt: In der Nachbarschaft leben Menschen mit kleinem Geldbeutel, Familien mit geringem Einkommen oder Studenten.
Aber produziert man mit diesen Dachausbauten nicht vermeidbare Konflikte? Die Mieter, die einziehen, protestieren dann als erstes gegen den Anliefer- und Kundenverkehr.
Das sehe ich gar nicht so problematisch. Es gibt in Berlin ja jetzt schon Lebensmittelmärkte im Erdgeschoss von Mehrfamilienhäusern. Man darf ja auch nicht vergessen, dass das auch ein schon seit 120 Jahren erfolgreich praktiziertes Prinzip ist: die Stadt der kurzen Wege. Wohnen und Einkaufen unter einem Dach. Das bedeutet sogar weniger Verkehr und eine Entlastung.
Aber spätestens beim Ladenschluss ist der Spaß vorbei. Längere Öffnungszeiten sind in Wohngebieten doch sicher ein Problem?
Auch da teile ich Ihre pessimistische Sicht nicht. Meines Wissens sind die Discounter nirgendwo länger auf als 21 Uhr. Und die Gewerkschaften werden sicher sehr genau auf die Ladenschlussregelungen achten.
Das klingt ja fast so, als ob in Berlin mal was funktionieren könnte.
Vielleicht. Ja.
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