Es ist kein neues Buch. Selbst die Ausgabe, in der ich gerade lese, stammt aus dem Jahre 1991. Es ist auch nichts Neues, worauf ich hinweisen möchte. Es wird an allen Universitäten gelehrt, aber wenn man dann die Zeilen liest, ist man doch überrascht, wie klar sie sind und ist erschrocken, wie wenig diese Klarheit hilft zur Verbreitung der Wahrheit. Wolfram von Eschenbach, einer der großen deutschen Autoren des Mittelalters, ist auch Autor des Willehalm, ein nur fragmenatrisch erhaltenes Versepos, das wohl um 1217 entstand. Wie bei seinem Parzival hat Wolfram auch beim Willehalm auf eine französische Vorlage zurückgegriffen, deren Handlungsablauf er im Wesentlichen folgte, während er in den Details änderte, wie er mochte. Die berühmte Toleranzrede der Giburg ist eine von Wolfram von Eschenbachs Zutaten. Giburg ist die Ehefrau des Titelhelden. Er hatte sie als Gefangener in Arabi kennengelernt. Er bekehrte sie zum Christentum, nachdem sie hatten fliehen können, heiratete er sie. Die beiden werden getrennt, kommen wieder zusammen. Schlachten, Tote, Verwechslungen. Muslime und Christen bereiten einander ein Blutbad nach dem anderen. Dergleichen wurde in der Literatur schon immer genüsslich beschrieben. Wolfram von Eschenbach zeigt an diesen Stellen seine ganze Kunst. Aber mitten drin dann die Rede der ehemaligen Heidin Giborg. Nicht auf mittelhochdeutsch, sondern in der Übersetzung von Joachim Heinzle: „Das große Sterben, das hier geschah auf beiden Seiten, das mir den Hass der Christen und der Heiden eingetragen hat, vergelte beiden Gott an mir, wenn ich dran schuldig bin. Die römischen Fürsten hier ermahn ich: Mehrt das Ansehen des Christentums! Erweist Euch Gott die Ehre … und die Heiden werden unterliegen, dann handelt so, wie es das Heil des Christentums erfordert! Hört auf die Lehre einer ungelehrten Frau („tumben wibes rat“): schont die Geschöpfe aus Gottes Hand! Ein Heide war der erste Mensch, den Gott erschuf. Glauben sollt ihr, dass Elias und Enoch Heiden waren und doch gerettet wurden. Ein Heide war auch Noah, der in der Arche überlebte. Hiob war zweifellos ein Heide doch hat Gott ihn darum nicht verstoßen. Denkt auch an drei Könige, Kaspar, Melchior, Balthasar; die müssen wir zu den Heiden zählen, und sie sind nicht verdammt… Wenn Euch die Heiden Schlimmes taten, lasst ihnen doch zu gute kommen, dass Gott selbst bereit war, seinen Mördern zu vergeben.“ Wir wissen nicht, wie Willehalms Geschichte ausgeht, ob am Ende die Utopie eines friedlichen Zusammenlebens stand oder der Realismus immer neuer religiös verbrämter Schlächtereien. Wolfram von Eschenbachs Willehalm bricht im neunten Buch ab. Die Toleranzrede seines Werkes - es ist die Toleranzrede des 13. Jahrhunderts – , hat Wolfram von Eschenbach einer Frau, einer zum Christentum konvertierten Muslima in den Mund gelegt. Sie sieht die Welt mit den muslimischen Augen, die sie einmal hatte und mit den christlichen, die sie jetzt hat. Sie erlebt an sich, dass es möglich ist, beide Haltungen einzunehmen. Sie hat erlebt, dass ein christlicher Ritter für die gleichen Tugenden eintritt wie ein muslimischer, dass es unter Christen wie unter Muslimen Verräter dieser Tugenden gibt. Sie ist eine Frau. Männer führen Kriege um sie. Also ist sie schuld an den Kriegen? Sie weiß, dass das nicht stimmt. Sie weiß aber auch, wie schwer es für jemanden ist, der nur die einen Augen hat, die Welt mit anderen zu sehen.
Wolfram von Eschenbach: Willehalm, nach der Handschrift 857 der Stiftsbibliothel St. Gallen, mittelhochdeutscher Text, Übersetzung, Kommentar von Joachim Heinzle, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt/Main 1991, 1287 Seiten, Preise ab 2,99 (gebrauchtes Taschenbuch).
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