Kein Tier ist dem Mensch in seiner Geschichte so nahe gekommen wie der Hund. Sein Vorfahr, der Wolf, jedoch steht bis heute in einem schlechten Ruf. Dr. Monika Ebel ist Biologin im hessischen Tierpark Alte Fasanerie und dort zuständig für die Tundrawölfe, die es ihr besonders angetan haben. Die „Wolfsmutter“ erklärt, woher Faszination und Abneigung stammen und was den „Canis Lupus“ so interessant für die Besucher macht, denn die Wölfe sind die heimlichen Stars des Geheges.
Frau Ebel, woher stammt Ihre Leidenschaft für die Wölfe?
Ich interessiere mich schon lange für die Gattung der Wolfs- und Schakalartigen, kurz: Die Familie der Hunde, zu der auch der Wolf gehört. Das liegt unter anderem daran, dass ich mit Hunden aufgewachsen bin. Meine Mutter erzählte, dass ich im Zoo direkt zu den Wölfen wollte, während die große Attraktion für die anderen Besucher die Affen waren. Schon als Kind wollte ich die Märchen vom bösen Wolf nicht glauben, ich war ja immer mit seinem Nachfolger, dem Hund, zusammen und wusste, dass diese weder hinterlistig und verschlagen sind. Mich interessierte, wie man mit den Tieren kommunizieren kann. Wenn man Hunde versteht, dann versteht man auch Wölfe.
Sie werden in den Medien oft als „Wolfsmutter“ bezeichnet. Finden Sie das als Wissenschaftlerin nicht albern?
Nein, es ist wichtig, dass die Menschen, die unseren Wildpark besuchen, eine Beziehung zu den Tieren aufbauen können. Man kann nur Werbung für die Wölfe machen, wenn man den Menschen die Angst vor ihnen nimmt, und so eine Beziehung lässt sich idealerweise über eine persönliche Ebene herstellen. Wenn man den Tieren Namen gibt und etwas über ihre unterschiedlichen Charaktere und Persönlichkeiten erzählen kann, dann schafft man das am besten. Schließlich leben wir auch von unseren Besuchern. Aus dieser Perspektive ist das mit der „Wolfsmutter“ ist also in Ordnung.
Sie sagen, man müsse den Wolf verstehen. Was unterscheidet den Wolf denn von den anderen Tieren in ihrem Park?
Der Wolf stößt bei den Besuchern immer auf großes Interesse – der Wolf interessiert alle Menschen, was natürlich an unserer Kulturgeschichte liegt, denn kein Tier hat sich in unserer Historie so auf uns eingelassen wie der Hund, der ja vom Wolf abstammt. Wenn Sie ein gutes Verhältnis zu ihrem Hund haben, dann können Sie ihn – vereinfacht gesagt – mit einem Kopfnicken dirigieren.
Verhält sich das mit den Wölfen auch so?
Auf keinen Fall. Die Wölfe sind nicht domestiziert, auch wenn sie auf den Menschen geprägt wurden. Der Unterschied zu den freilebenden Wölfen ist, dass zwischen mir und den Tieren hier in der Fasanerie eine Prägung stattgefunden hat. Betritt eine andere Person das Gehege, so ist das eine Revierverletzung. Da würde es dann wahrscheinlich auch zu einem Angriff kommen.
Waren Sie selbst schon einmal in einer solchen Situation?
Noch nie. Aber ich habe einmal drei junge Wölfe aus einem anderen Wildpark in unser Gehege gebracht und die Wölfin, die die Jungtiere angenommen hat, hat mich am nächsten Morgen angeknurrt. Ich habe mich dann zurückgezogen. Die Wölfin hatte einfach Angst, dass ich ihr die Welpen wieder wegnehmen könnte. Nach zehn Minuten kam sie dann aber mit hängenden Ohren und „entschuldigte“ sich.
Sie haben in einem Interview gesagt, Sie würden die Tiere „antiautoritär“ erziehen. Würden Sie uns das erklären?
Ein Wolfsrudel ist streng hierarchisch aufgebaut. Das heißt, dass es eine Rangordnung für die Weibchen und eine Rangordnung für die Männchen gibt. Wölfe unterscheiden auch uns Menschen in männliche und weibliche Personen. Ich musste also von Beginn an eine sehr gute Beziehung zu den weiblichen Tieren haben, da auch die Rangauseinandersetzungen bei Wölfen strikt nach Geschlechtern getrennt sind. Da ich eine Rangauseinandersetzung kaum überleben würde – ein Wolf hat eine Beißkraft von rund anderthalb Tonnen – ist die antiautoritäre Erziehung quasi meine Lebensversicherung. Antiautoritär bedeutet in diesem Zusammenhang, die Wölfe nie zu bestrafen, sondern sich maximal abzuwenden bei Fehlern. Und ansonsten das Tier nur zu belobigen. So musste ich mich auch nie in die Auseinandersetzungen der Wölfe untereinander einbringen.
Aber was sind Sie dann für das Wolfsrudel? Welchen Rang haben Sie?
Keinen, ich bin für die Wölfe einer Art Sozialpartner. Ich bin nicht Teil der Wolfsfamilie, ich habe innerhalb des Rudels eine Art Sonderstellung.
„Ihre“ Wölfe sind Tundrawölfe. Unterscheiden sich diese von dem herkömmlichen Wolf, der auch in unseren Wäldern beheimatet ist?
Den Europäischen Wolf, oder wie man ihn früher nannte den Grauwolf, halten wir hier in unserem Park auch. Aber ungehändelt, also nicht mit der Flasche großgezogen. Ich bin für die Haltung gehändelter Wölfe, da man diese den Besuchern viel näher bringen kann. Ungehändelte Wölfe entziehen sich oft den Blicken der Besucher. Meine gehändelten Wölfe präsentieren sich dagegen viel besser. Das liegt daran, dass die Individualdistanz zum Menschen deutlich herabgesetzt ist und die Tiere nur positive Erfahrungen mit dem Menschen gesammelt haben. Vom Habitus ist der Europäische Wolf wesentlich kleiner als der Tundra- oder Polarwolf. Er hat auch eine ganz andere Kulturgeschichte, denn der Europäische Wolf wurde Jahrhunderte lang verfolgt, der Polarwolf hat so eine Verfolgung nie erlebt. Das prägt natürlich das Wesen der Tiere. Tundrawölfe sind wesentlich selbstbewusster und ruhen in sich selbst.
Wir haben in Brandenburg die meisten freilebenden Wölfe in Deutschland. Es gibt gegenüber diesen Tieren viele Vorbehalte – muss der Brandenburger Angst haben vor den Tieren?
Ich glaube, dass 99 Prozent aller Brandenburger niemals einen freilebenden Wolf zu Gesicht bekommen, der Wolf ist ungeheuer scheu. Und selbst wenn: In der Regel zieht der Wolf seinen Schwanz ein und flüchtet. Anders ist es, wenn Spaziergänger einen Hund dabei haben. Bricht der in ein Wolfsrevier ein, dann ist es meist um ihn geschehen. Daher sollte man den Hund auch im Wald an der Leine halten. Aber darüber hinaus muss man den Wolf nicht fürchten. Er fürchtet uns schon genug.
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