Weltweit ihr Verbreitungsgebiet. Bei allem geben sie sich rund um den Globus wie entrückt. Dass sie gefälligst anzuhimmeln seien, ist Usus in manchem empfindsamen Gedicht.
„Wolkendienst“ hat Klaus Reichert sein Buch genannt, und es ist in der Tat ein Dienst in der Sache, so aufmerksam wie umsichtig – und ungemein zuverlässig. Bereits der erste Satz spricht den Leser an wie einen Vertrauten: „Du fragst mich nach meiner ersten Erinnerung an eine Wolke?“ Der Dialog ist auch ein Selbstgespräch, Selbstvergewisserung, wie es war vor über siebzig Jahren, in den Tagen des Bombenkriegs, mit dem „anschwellenden Bocksgesang“, dem Schwefel und Phosphor der „Himmlischen Heerscharen“, auf freiem Feld, unter einem Baum. Zurückgeworfen auf seine Grashalmperspektive, ging dem Wolkengucker auf, wie überaus klein er war.
Seelenvolles Schauen
Klaus Reichert, als Literaturwissenschaftler, Autor und Übersetzer eine Größe, 1993 Gründer des Zentrums zur Erforschung der Frühen Neuzeit, viele Jahre auch Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, ist den Wolken wunderbar gelassen nachgegangen, fast wie ein Flaneur. Die Wolke hat ihn inspiriert zur Skizze und zum Prosagedicht, zu Tagebucheintragungen, kurzen Essays, Gedankensplittern. Drei Perspektiven verdichten sich: „Seit der Mensch aufrecht geht, richtet er den Blick zum Himmel - ängstlich, erwartungs-, hoffnungsvoll.“
Für den Gelehrten Reichert ist die naseweise Kinderperspektive nicht weniger aufschlussreich als das seelenvolle Schauen. Wohl deshalb bleibt nicht unerwähnt, dass eine so hochbegabte Kinderseele der Literatur wie Jean Paul wusste: „Die Kunst hat die Gießkanne, aber die Natur hat die Wolken.“ Systematisch gesehen, und die Systematik des Wolkenaufkommens nahm geschwind Fahrt auf zu Jean Pauls Zeiten, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, existieren die vier Grundtypen: Zirrus, Kumulus, Stratus, Nimbus – „mit verschiedenen Zwischenstufen und Übergängen“ in den Stockwerken des Himmels, wie Reichert ergänzt, denn darum geht es ihm in den Etagen des Äthers, um Nuancierungen, Abtönungen. Wann wird aus einem Blaugrau ein Grau, wann ein Grau aschfahl? Wann aus einem Gewirke ein Gespinst? Was macht Wolken gruselig, wann werden sie gar zur Gefahr?
Manche läppische Schauergeschichte schreiben sie, denn Wolken machen nicht selten nass, gerade dann, wenn’s überhaupt nicht passt. Die Wolke provoziert den Menschen, so dass der Wicht in ihm keck wird. Nicht zu kurz kommen die wirklichen Katastrophen, die verheerende Wolkenproduktion, wie sie von Vulkanen ausgespuckt wird. Neben den Katastrophenwolken, die verfertigt sind aus dem bösen Auswurf der Erde und sich über weite Teile des Erdenkreises legen, so dass 1815, nach dem Ausbruch des Tambora in Java, sogar in Europa der Sommer ausblieb, sieht sich die Gegenwart mit den von Menschenhand hergestellten konfrontiert. Abgesehen von dem bizarren „Kriegs-Wolkentagebuch“ Arnold Schönbergs, der 1914 aus dem Himmel über Berlin die Lage an der West- und Ostfront entziffern wollte, steht das Wort „fosfor“ (Phosphor) wie ein greller Blitz in diesem Natur- und Kunstbuch der Wolken.
Weil der Naturkundler aber ein aufgeklärter Wolkenkundler ist, zieht er immer wieder den Kopf ein. Zugleich gilt: „Wolken sind in vieler Hinsicht ergiebig, aber philosophisch schwer zu fassen.“
Erde zu Erde, Wolken zu Wolken
„Skying“ ist das Wort, das zum Schlüsselwort für den „Wolkendienst“ wurde. Der Maler John Constable, der Großstadt den Rücken kehrend und eine Kate unter freiem Himmel aufsuchend, setzte das Wort 1821 in die Welt, machte das „Himmeln“ vor, machte es zum Prinzip. Reichert bereist die Museen Europas, allein im Januar, Februar 2015 steht er in Wien, London, Frankfurt und Berlin vor den Bildern der Großmeister, van Ruisdal, Turner und Caspar David Friedrich. Nicht zu vergessen die Museen Venedigs, sie ebenso wie das Stadtbild geben einen hochverdichteten Wolkenversammlungsort ab.
Die bildorientierte Assoziation wird zu so etwas wie einem roten Faden durch das Buch – nicht weniger die „textile Gestalt der Wolke“. Mal zeigt sie sich als mottenzerfressenes Tuch, dann wiederum als ungemachtes Bett oder als inspirierende Leinwand. Für Joseph Brodsky stellte sich eine unter den abertausend Erscheinungsformen als „Spitzenunterwäsche“ dar, dem Lyriker Reichert als fadenscheiniges Gespinst oder scheinheiliges Trugbild.
Reichart greift weit aus – schon die uralten Mythen wollten es, was Wolken betrifft, wissen. Die Begattung der Nymphe Io erfolgt durch eine Wolke. Die Legende, laut der Gott sich am Sinai in einer dunklen Wolke verbarg für einen umso theatralischeren Auftritt, hatte unglaubliche Folgen. Oder die zahllosen Wolkenlegenden bereits in den Epen Homers. Wolken verfolgen Menschen wie Schatten und spielen Schicksal. Unübersehbar die anthropomorphen Lesarten, ihre Gestalt nimmt Menschengestalt an, in Wolken zeigen sich Gesichter, Köpfe im Profil, böse Fratzen, sagenhafte Wesen, und manchmal, die größte Verstörung überhaupt, ein eigener Gesichtszug des Wolkenbeschauers. Eben damit macht dieses Buch vertraut, mit einer labilen Erscheinung aber festen Größe zwischen Himmel und Erde, von der sich der Menschenverstand Vorstellungen zu machen versucht. Erde zu Erde, Wolken zu Wolken. Sie sind der Staub des Himmels, aus dem befristetes Leben gemacht ist.
Eine Allegorie des Schreibens
Reicherts Buch ist ein so bewunderungswürdiges wie quicklebendiges Alterswerk, das Zusammenkommen der so unterschiedlichen Textsorten und Perspektiven wird zur einer Allegorie der Vielfalt, die fragmentarische Darstellung zum Sinnbild der Flüchtigen. Ohne Aufhebens zu machen, hat Klaus Reichert obendrein eine Allegorie des Schreibens verfertigt. Als Übersetzer der Sprachskeptiker der Moderne weiß er, wie sehr das Beschreiben von Wolken vergebliche Wörtermüh ist. Wolken wollen ununterbrochen etwas sagen, was der Mensch allerdings nur unzureichend auszudrücken vermag.
Es ist die Wolke, die, so darf man Reichert verstehen, dem Menschen vor Augen führt, welch ein Mängelwesen er ist, noch da, wo er Dienst tut mit den Möglichkeiten der Musik. Dazu enthält das Buch, versehen mit der einen oder anderen Partitur, Reflexionen über die Wolkenkompositionen eines Richard Wagner oder, heftiger Kontrast, Claude Debussy. Ein Quartett Mozarts hörend, „höre ich (irgendwann) Wolken, immer nur Wolken.“ Immerzu kommt mit ihnen etwas auf uns zu, wie auch in diesem Buch, das ebenfalls ein Trost ist. Für den Fall, dass es einmal besonders schlimm wird, ist Reicherts „Wolkendienst“ wie geschaffen für die einsame Insel.
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