Familienministerin Schröder hat ein Problem. Auch sie sei im Internet schon als "deutsche Schlampe" beschimpft worden, nachdem sie sich zum Thema Islamismus geäußert hatte. Deutschenfeindlichkeit sei eine Form von Rassismus, die wie Antisemitismus und Islamfeindlichkeit bekämpft werden müsse.Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer hat ebenfalls ein Problem. Er hat festgestellt, dass sich Zuwanderer aus anderen Kulturkreisen wie der Türkei und den arabischen Ländern schwertun mit der Eingliederung und zieht daraus den Schluss, dass wir keine zusätzliche Zuwanderung brauchen.Die Probleme von Ministerin und Ministerpräsident sind vor allem semantischer Natur. Begriffe wie Deutschenfeindlichkeit und Kulturkreis waren bislang eher keine Vokabeln, mit denen die hiesige Integrationsdebatte vorangebracht worden ist. Natürlich ist es nicht besonders schön, wenn einen sprachliche Rüpeleien übers Internet ereilen. Ärger und bedrohlicher ist es, wenn es auf offener Straße passiert. Und das kommt vor, nicht nur in Berlin-Neukölln. Wenn aber die Berührung mit dem Alltag Begriffsmonstren wie Deutschenfeindlichkeit und Kulturkreis hervorbringt, dann kommt darin auch eine kokette Hilflosigkeit zum Vorschein, die seit dem Buch Sarrazin die politische Debatte befallen hat.Wer Kulturkreis sagt, der traut sich ja nicht, es so drastisch zu formulieren, wie er es meint. Im Ton einer ethnologisch abgesicherten Distanzierung sagt Kulturkreis nichts anderes als: draußen bleiben, störe meine Kreise nicht. Das ist kulturhistorisch Unsinn und politisch dumm. Noch Anfang des 19. Jahrhunderts war in Deutschland der Gegensatz zwischen Bayern und Preußen größer und emotional stärker aufgeladen als der zwischen Morgenland und Abendland. Seehofers Ausschlussmetaphorik verkennt die Notwendigkeit einer sozialen Durchlässigkeit zwischen Oben und Unten sowie Drinnen und Draußen, um die es hierzulande schon einmal besser bestellt war.Thilo Sarrazin und der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky haben es nicht mehr exklusiv, wenn sie auf die Zustände im Berliner Südosten verweisen, und daraus allgemeine Schlüsse ziehen. Ihre sachlichen Argumente zur Sozial- und Schulpolitik sowie zu Fragen der Jugendkriminalität finden aus guten Gründen Zuspruch. Die tägliche Ergänzung der Rednerliste erhärtet jedoch den Verdacht, dass es hier schon lange nicht mehr um die genaue Beschreibung der Verhältnisse und Differenzierung der Argumente geht.Was wir unter dem Stichwort Integration zusammenfassen, ist kompliziert genug. Wir finden leicht Beispiele für gelungene Integration. Allzu oft aber scheitert sie. Manchmal sehr kläglich. Aber selbst, wo sie gelingt, entspricht es nicht immer den Schönschreibregeln geglückter Assimilation. Die Medien feiern die Fußballer Özil, Tasci und Boateng seit geraumer Zeit als Beispiele einer wünschenswerten Leistungsorientierung, die dem Volksganzen diene. Vernähme man aber deren Artikulationsfähigkeiten außerhalb des Stadions, so könnte die Rede bald auch wieder aufs Thema Schulversagen und jugendliche Desintegration kommen. Soziale Zugehörigkeit geht nun einmal kreuz und quer durch eine Lebensgeschichte hindurch.Die jüngsten Äußerungen von Horst Seehofer und Kristina Schröder sind weitere Indizien dafür, dass sich die politische Klasse beim Thema Integration in zwei Lager spaltet. Während Bundespräsident Christian Wulff in seiner umstrittenen Rede sich zu einer offenen Gesellschaft bekannte, suchen immer mehr Spitzenpolitiker nach Dichtungsmaterial. Jenseits des gesetzlichen Regelwerks von Zuwanderung reagieren sie auf ein gesellschaftliches Unbehagen, in dem ökonomisch begründete Abstiegsängste sich mit Fragen kultureller Identität berühren. Einfache Antworten darauf gibt es nicht. Horst Seehofer vermag kein Gesetz zu formulieren, durch das sich das allgemeine Unbehagen in Wohlgefallen überführen ließe.Die schwadronierenden Politiker müssen sich fragen lassen, ob sie Deutschland als offene und moderne Gesellschaft wollen, die wirtschaftlich leistungsfähig und kulturell attraktiv ist. Wenn sie für letztere eintreten, müssen sie keinem verklärten Multikulturalismus das Wort reden. Aber sie können auch nicht länger so tun, als ließe sich das Staatswohl am Flughafencounter regulieren. Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund schießen schöne Tore, treten aber manchmal auch auf der Straße Autospiegel ab. Über beides sollte man reden. Begriffe wie Kulturkreis und Deutschenfeindlichkeit helfen da nicht weiter.------------------------------Jenseits des gesetzlichen Regelwerks von Zuwanderung reagieren Spitzenpolitiker auf ein gesellschaftliches Unbehagen, in dem ökonomisch begründete Abstiegsängste sich mit Fragen kultureller Identität berühren.
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