Und es herrschte natürlich Bedauern und Empörung darüber, dass finanzkräftige Ketten kleine Geschäfte platt machten und damit zur Anonymisierung der Kieze beitrugen. Aber auch die Empörten kauften – vielleicht ein paar Straßenzüge entfernt – längst in den Supermärkten ein, weil das Angebot oft billiger, vielfältiger und frischer war. Sonst wären die Tante-Emma-Läden ja nicht verschwunden.
Neben den Ketten konnten sich in den Wohnquartieren seither nur kleine, türkische Lebensmittel-Geschäfte halten. Weil ihre Stammkundschaft, die in den Kiezen lebenden Zuwanderer, in den großen Supermärkten nicht das Angebot fanden, was sie suchten.
Und weil sie im Familienverbund mit niedrigeren Personalkosten auskamen als zuvor die Tante-Emma-Läden. Seit über zehn Jahren etablieren sich in der Stadt immer mehr türkische Supermärkte, oft geführt von geschäftstüchtigen Berlinern der zweiten oder dritten Zuwanderergeneration. Seither werden die türkischen Einzelhändler immer öfter von deutschstämmigen Berlinern liebevoll Onkel-Ahmet-Läden genannt.
Im Kreuzberger Wrangel-Kiez gibt es gerade heftigen Streit über einen neuen Eurogida-Supermarkt, es ist der neunte dieser Kette. Er ist in einen früheren Penny-Markt eingezogen. Ein türkischer Einzelhändler sammelt Unterschriften. Eine Kiez-Initiative ruft zum Boykott auf.
Das absehbare Verschwinden der liebgewonnenen Onkel-Ahmed-Läden wird kritisiert. Und weil es gerade so schön passt, wird der neue Supermarkt auch als weiterer Beleg für die voranschreitende Gentrifizierung gewertet, die Zerstörung gewachsener Strukturen in den Kiezen.
Mit etwas Abstand kann man die Debatten im Wrangel-Kiez aber auch ganz anders sehen. Man kann sich sogar über sie freuen. Darüber zum Beispiel, dass sich deutsch- und türkischstämmige Berliner gemeinsam mit den Veränderungen in ihrem Quartier auseinandersetzen.
Noch bei den Mieter-Demos im vergangenen Jahr waren kaum Zuwanderer dabei. Und auch der wirtschaftliche Erfolg von Ketten wie Eurogida ist eigentlich ein hoffnungsfrohes Zeichen. Belegt er doch, dass sich die verschiedenen Kulturen – dazu gehört unbedingt auch das Essen – längst gemischt und bereichert haben.
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