Stadtentwicklung

Wohnungsbau von Weltrang in Berlin: Wie die Quadratur des Bauens gelang

Die Zehlendorfer Waldsiedlung soll als Exempel der Berliner Moderne in den Rang des Welterbes steigen: Wo Bruno Taut die Wende zum humanen Bauen vollzog.

Maritta Adam-Tkalec Maritta Tkalec
5 Min
Führung mit Ben Buschfeld durch die Waldsiedlung Zehlendorf. Sie soll als weiteres Beispiel des Neuen Bauens Welterbe werden. 

Führung mit Ben Buschfeld durch die Waldsiedlung Zehlendorf. Sie soll als weiteres Beispiel des Neuen Bauens Welterbe werden. 

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Berlin hat drei Welterbestätten. Neben der Museumsinsel und den Preußischen Schlössern und Gärten wurden 2008, am Sonntag genau vor 15 Jahren, sechs Siedlungen der Berliner Moderne zum Unesco-Welterbe erklärt. Dieser Bestand könnte größer werden, wenn die Zehlendorfer Waldsiedlung, auch Onkel Toms Hütte genannt, als siebte zu den sechs Wohnsiedlungen der Moderne hinzukäme, zu denen zum Beispiel die Gartenstadt Falkenberg in Treptow, die Siedlung Schillerpark, die Hufeisensiedlung Britz in Neukölln, die Wohnsiedlung Carl Legien zählen.

Die Waldsiedlung Zehlendorf gehörte nicht zu den Kandidaten – auch weil der Erhaltungszustand zu jenem Zeitpunkt nicht überzeugend genug gewesen sei, sagt Ben Buschfeld, der am Sonntag, dem Welterbetag, eine Gruppe von Interessierten durch die inzwischen denkmalgerecht hergerichtete Siedlung führte. Buschfeld, eigentlich Grafik-Designer, engagiert sich seit Jahren für die Pflege der Hufeisensiedlung. Nun aber richtet sich das Interesse auf den neuen Kandidaten. Das Vorschlagsverfahren läuft, auf nationaler Ebene wird im kommenden Herbst eine Entscheidung fallen, ob es die Siedlung auf die nationale Vorschlagsliste schafft.

Wie groß sind die Chancen? Ben Buschfeld meint, im Fall von Erweiterungen, wie es die Eingliederung in die schon bestehende Siedlungsgruppe ist, lägen die Schwellen niedriger als im Fall eines Neuantrags. Also: Ganz schlecht sind die Aussichten nicht.

Unterwegs in der Waldsiedlung Zehlendorf

Unterwegs in der Waldsiedlung Zehlendorf

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Eine Besonderheit der Siedlung fällt schon wenige Schritte vom U-Bahnhof Onkel Toms Hütte entfernt auf: Hier ist es wie im Wald, bloß dass zwischen dicken, alten Kiefern die Geschossbauten des Architekten Bruno Taut stehen. Auch die Grünflächen vor den Häusern sehen wie Waldwiesen aus. Man hat 1926 bis 1931 in den Wald hinein gebaut und die Bäume stehen lassen. Sie sind gewissermaßen Teil des Plans: Jede Wohnung war so ausgerichtet, dass der Wohnraum einen Blick ins Grüne hatte; Funktionsräume wie Schlafzimmer, Küche und Bad durften zur Straße ausgerichtet sein.

Hier zeigt sich die Grundidee des Neuen Bauens: Wohnungen für untere und mittlere Einkommensschichten mit Licht, Luft und Sonne – die Befreiung aus den düsteren Mietskasernen der Gründerzeitviertel mit engen Hinterhöfen, meiste ohne separates Bad. Ben Buschfeld hat eine überzeugende Zahl: 76 Menschen lebten in den 1920er-Jahren durchschnittlich in einem Berliner Haus – in London waren es nur acht.

Die Siedlungen der Moderne punkten nicht wie die Pyramiden oder die Altstadt von Rom mit ehrwürdigem Alter oder repräsentativer Opulenz. Das Spektakuläre an ihnen ist eher, unspektakulär zu sein – aber genial, bis ins Detail durchdacht, menschenfreundlich und heiter. Die Unesco ehrt in erster Linie die soziale Zielsetzung und die städtebauliche Grundkonzeption der Siedlungen. „Weg von der Repräsentation hin zu menschlichem Wohlergehen“, wie Ben Buschfeld sagt. In vielen, in der Zeit der Industrialisierung vom starken Bevölkerungszuzug herausgeforderten Städten fand man ähnliche Ansätze – aber nirgends sei das progressive Umdenken so deutlich und umfangreich sichtbar wie in Berlin.

Bruno Taut: Gut und günstig bauen

In der Zehlendorfer Waldsiedlung entstanden auf 45 Hektar etwa 1900 Wohneinheiten. Bauherr war die 1924 gegründete nicht profitorientierte Gemeinnützige Heimstätten-, Spar- und Bau-Aktiengesellschaft, kurz Gehag. Sie bestimmte Bruno Taut zum Chefarchitekten. Seine Ideen prägen die Siedlung: die Auflösung der Blockrandbebauung, der Weg von der Gartenstadt zum rationalisierter Zeilenbau mit Querlüftung, markanten Farben und viel Grün. Angesichts des Geldmangels der Weimarer Zeit baute man streng ökonomisch und doch mit hohen architektonischen Ansprüchen. Das wurde maßgebend für den sozialen Wohnungsbau der kommenden Jahrzehnte. „Taut verstand es meisterlich, das kostengünstige serielle Bauen mit individuellen Eigenheiten zu verbinden“, sagt Buschfeld.

Farbig durchgestaltete Fassaden: Verächter des Neuen Bauens schmähten sie einst als Papageiensiedlung, heute verwenden die Bewohner den Begriff eher liebevoll.

Farbig durchgestaltete Fassaden: Verächter des Neuen Bauens schmähten sie einst als Papageiensiedlung, heute verwenden die Bewohner den Begriff eher liebevoll.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Meisterhaft und raffiniert setzt Taut an den Geschoss- wie den Reihenhäusern Farben ein, kalte oder warme für die Fassaden, je nach Himmelsrichtung. Die Fenster sind mit schmalen farbigen Streifen umrandet, die die Konstruktion viel filigraner wirken lässt. Seriell hergestellte Türen leuchten in unterschiedlichen Farben. Wenn die Straßen auf Kreuzungen zulaufen, treten die Gebäude leicht zurück, sodass sich die Straßen zu einem Platz aufweiten.

Wo sich Wilskistraße und Am Fischtal kreuzen, erinnert eine Informationstafel an den „Zehlendorfer Dächerkrieg“. Das von den Architekten des Neuen Bauens bevorzugte Flachdach hatte den Zorn der Konservativen erregt, die das deutsche Spitzdach und damit deutsche Kultur und Tradition bedroht sahen und sich über „Araberdörfer“ mit Flachdach empörten. Als Akt des Widerstands setzten die Traditionalisten parallel zu einer solchen „undeutschen“ Bauzeile eine lange Reihe Einfamilienhäuser mit 45 Grad abfallendem roten Spitzdach.

Undeutsches Flachdach gegen urdeutsches Spitzdach – beim Bau der Waldsiedlung tobte ein Kulturkampf.

Undeutsches Flachdach gegen urdeutsches Spitzdach – beim Bau der Waldsiedlung tobte ein Kulturkampf.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Taut reagierte unübersehbar: Auf 400 Metern Länge setzte er entlang der Argentinischen Allee besonders farbig gestaltete Prachtstücke des Neuen Bauens – natürlich mit Flachdach: „Ein Peitschenknall ins Gesicht der Bourgeoisie“, wie der Architekt sagte. Wenige Jahre später, nach 1933 wurde er als „Kulturbolschewist“ verfemt und ging ins Exil.

Photovoltaik, Autos, Heizung – die neuen Streitpunkte

Ob die Waldsiedlung Zehlendorf nun Teil des Welterbes wird, hängt auch davon ab, wie viel Augenmerk die Experten den nicht denkmalgerechten Überformungen vergangener Jahrzehnte im Bereich der Reihenhausbestände beimessen. Nicht alle der heutigen Bewohner freut die Aussicht auf den Welterbestatus, obwohl sich dadurch aus Sicht des Denkmalschutz keine neue Situation ergibt. Aber es wird heftig gestritten: Dürfen Photovoltaikanlagen auf die Flachdächer, wie kann man die denkmalgeschützten Häuser energetisch verbessern? Wohin mit den vielen Autos? Und wie soll man heizen? Einst gelang Bruno Taut die Quadratur des Kreises. Jetzt wäre wieder Bedarf für innovative Lösungen.

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