Zehntausende Menschen haben am Montagabend laut britischen Medienberichten auf dem Londoner Trafalgar Square an einer Mahnwache für den früheren Cambridge-Professor Jason Arday teilgenommen. Zu der Mahnwache hatte die Organisation „Stand Up to Racism“ aufgerufen.
Arday war am Freitag tot in seiner Wohnung im Süden Londons aufgefunden worden. Hinweise auf verdächtige Umstände oder ein Fremdverschulden gibt es nach Polizeiangaben bislang nicht.
Kurz zuvor war der 41-Jährige nach Plagiatsvorwürfen und Zweifeln an seinem Lebenslauf von seiner Professur zurückgetreten. Die Vorwürfe hatte er zurückgewiesen, seine Familie spricht von einer Kampagne gegen ihn.
Zehntausende auf dem Trafalgar Square in London
Nach Angaben der Veranstalter versammelten sich am Abend rund 30.000 Menschen auf dem Platz. Die Nachrichtenagentur AFP konnte diese Zahl nicht bestätigen und sprach von Tausenden Teilnehmern, die britische Zeitung Guardian von Zehntausenden.
Viele Trauernde trugen den Berichten zufolge Schwarz, hielten Rosen und Sonnenblumen und legten Blumen unter der Nelson-Säule nieder. Bei der Kundgebung sprachen Abgeordnete, Freunde und Aktivisten.
Die britische Sängerin Beverley Knight trat mit ihrem Lied„ Keep This Fire Burning“ auf. Jermain Jackman, Gewinner der Castingshow „The Voice 2014“, sang auf Wunsch der Familie eine Version von „Fix You“ der Band Coldplay.
Was Ardays Familie erklärte
Ardays Familie nahm nicht an der Mahnwache teil, ließ aber eine Erklärung von der Abgeordneten Bell Ribeiro-Addy vortragen. Darin dankte die Familie den Unterstützern für ihre Anteilnahme. „Die öffentliche Grausamkeit, der Jason ausgesetzt war, war für keinen Menschen zu ertragen“, hieß es laut AFP.
Weiter erklärte die Familie demnach: „Seine Leistungen waren groß, und wir wollen nicht, dass Verzerrungen seines Charakters sie überschatten.“
Die Familie bat zudem darum, ihre Privatsphäre zu respektieren. Sie habe „ihren Sohn, ihren Bruder“ verloren, sagte Ribeiro-Addy dem Guardian zufolge – „nicht einen Professor, nicht eine Schlagzeile, nicht ein Symbol“.
Jason Arday wies Plagiatsvorwürfe zurück
Arday war am 5. August von seinem Posten als Professor für Bildungssoziologie zurückgetreten. Zuvor hatten zahlreiche Medien über Plagiatsvorwürfe und Zweifel an seinen Angaben zu Werdegang und Leistungen berichtet.
Arday räumte zwar öffentlich Fehler in seiner wissenschaftlichen Arbeit ein, wies die Plagiatsvorwürfe jedoch zurück. Er habe „die Grenze dessen erreicht, was irgendeinem Menschen vernünftigerweise zugemutet werden sollte“, erklärte Arday zu seinem Rücktritt laut AFP.
Aufgebracht wurden die Anschuldigungen nach Angaben vor allem von dem US-Forscher Nathan Cofnas, der Cambridge 2024 wegen Rassismus-Vorwürfen verlassen musste. Rechtsgerichtete Zeitungen und Kommentatoren griffen die Vorwürfe auf und bezeichneten Arday als „Aushängeschild“ für Gleichstellungs- und Inklusionsprogramme.
Cambridge-Rektor Chris Smith verurteilte am Montag laut AFP einen „rassistischen Wahn“ im Zusammenhang mit den Plagiatsvorwürfen. Ardays Familie sprach von einer „Mobbing-Kampagne“ voller Gerüchte über die akademische Arbeit und das Privatleben des Soziologen.
Wer war Jason Arday?
Der 41-jährige Jason Arday war Professor für Bildungssoziologie an der Universität Cambridge. Vor drei Jahren hatte er als jüngster schwarzer Professor der Hochschule Aufmerksamkeit erregt, wie AFP berichtet.
Bei der Mahnwache in London erinnerten Weggefährten vor allem an sein Engagement für Nachwuchskräfte. In einer von„ Stand Up to Racism“ verlesenen Erklärung eines engen Freundes und Kollegen hieß es dem Guardian zufolge, Arday habe Mentoring-Programme sowie Angebote zur psychischen Gesundheit für Studierende und Wissenschaftler mit Rassismuserfahrung aufgebaut.
„Er hat unermüdlich daran gearbeitet, alle Studierenden aus marginalisierten Verhältnissen zu ermutigen, daran zu glauben, dass auch ihnen die Wissenschaft offensteht“, hieß es in der Erklärung laut Guardian.
Er habe nicht nur „ein oder zwei Menschen“ zu einer Promotion inspiriert – über Generationen hinweg seien „Dutzende“ seinetwegen Doktoren oder angehende Professoren geworden.
Der Aktivist Patrick Vernon verwies dem Guardian zufolge darauf, dass Arday Autist und als verletzlich bekannt gewesen sei. Er warf die Frage auf, warum die „Fürsorgepflicht“ ihm gegenüber versagt habe – womöglich zu klären in einer öffentlichen Untersuchung.
Jason Arday wurde tot in seiner Wohnung aufgefunden.
© Joe Giddens/PA Wire/dpa
Was die Universität Cambridge sagt
Der Kanzler der Universität Cambridge, Lord Chris Smith, kritisierte nach Ardays Tod eine „rassistische Hetzjagd“ um den Wissenschaftler. Es war nach Angaben der BBC seine erste öffentliche Äußerung zu dem Fall.
Smith erklärte, akademische Integrität und Kritik an Ardays Behandlung ließen sich zugleich vertreten. „Ich glaube, dass es möglich ist, an zwei Grundsätzen gleichzeitig festzuhalten: an die Bedeutung akademischer Integrität zu glauben und – wo Plagiatsvorwürfe gegen irgendeinen Wissenschaftler aufkommen, wer auch immer er ist – dafür zu sorgen, dass sie gründlich untersucht werden“, teilte er laut BBC mit und fügte hinzu: „Und sich zugleich zu weigern, sich an einer rassistischen Hetzjagd gegen einen bestimmten Wissenschaftler zu beteiligen.“
Frühere Mahnwache in Cambridge
Bereits am Sonntag hatten in Cambridge mehr als 200 Menschen Ardays gedacht. Die Mahnwache wurde laut BBC von seinen Postdoktoranden organisiert.
Die Doktorandin Shahnaaz Khan rief zum Zusammenhalt auf. Es gebe eine Zeit für „berechtigten Zorn“, doch dieser Tag sei dem Andenken an einen „brillanten Mann“ gewidmet, sagte sie der BBC zufolge. Eine weitere Studentin sagte demnach: „Rassismus hat das getan.“
Die Abgeordnete Diane Abbott, die erste ins britische Parlament gewählte schwarze Frau, sprach in London von einer „Kampagne gegen uns alle“. Innerhalb von drei Wochen seien 249 Artikel über Arday erschienen, sagte sie dem Guardian zufolge.
Reaktionen aus der Politik
Der britische Premierminister Andy Burnham nannte Ardays Tod laut BBC „eine Tragödie auf so vielen Ebenen“. Es sei kein Moment für vorschnelle Urteile, sondern einer, um darüber nachzudenken, wie es so weit habe kommen können, sagte er demnach am Samstag bei einem Besuch in Cornwall.
Bildungsministerin Lucy Powell zeigte sich der BBC zufolge „zutiefst schockiert und traurig“. Sie mahnte, es gehe um „echte Menschen mit Angehörigen“.
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