Zeit der Rituale

KOMISCHE OPER BERLIN Konzerte, Opern, Operetten: Das Weihnachts- und Silvesterprogramm schmeichelt der romantischen Seele

BLZ
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Die Tage werden kürzer, die letzten Optimisten in den Straßencafés räumen die Stühle in die Winterlager und die Toscana-Fraktion fliegt in den Süden - untrügliche Zeichen dafür, dass der Winter naht und sich das Freizeitgeschehen von Wannsee und Schrebergarten in die Musentempel der Hauptstadt verlagert. Und nachdem das vitale Berlin im Sommer den Outdoor-Großereignissen wie Love Parade, Karneval der Kulturen oder Operngala in der Waldbühne frönte, so zieht es die Kunstinteressierten in den dunklen Monaten in Theater und Konzertsäle zum Vollzug lieb gewordener Rituale. Was wäre Heiligabend ohne Weihnachtsmusik, Neujahr ohne die Walzer der Familie Strauß und überhaupt die Weihnachtszeit ohne den Opernbesuch en famille, zum Beispiel beim "Märchen vom Zaren Saltan" oder der "Zauberflöte"?Bei allem Traditionsbewusstsein hat es seinen besonderen Reiz, zu den regelmäßig wiederkehrenden Festen - "Wo habe ich bloß den Christbaumständer verstaut?", oder "Was schenken wir der Schwiegermutter?" - Neues zu entdecken oder Vergessenem wiederzubegegnen. Damit wären wir zum Beispiel bei Max Bruch und der zweiten Hälfte des Weihnachtskonzertes der Komischen Oper Berlin. Durchaus bekannt als Berlin-Komponist, hat Bruch quasi um die Ecke gewohnt und gewirkt. Violinschüler traktieren mit Vorliebe sein g-Moll-Konzert. Wenn Sie dies nun, dirigiert von Luis Michal, dem 1. Konzertmeister des Orchesters der Komischen Oper Berlin, hören können, ist das sicher keine alltägliche Gelegenheit.Ganz vergessen und zumindest dem breiten, von Weihnachtsoratorien gesättigten Publikum ist aber Bruchs Weihnachtshymne "Gruß an die Heilige Nacht" für Alt-Solo, Chor, Orchester und Orgel. Man darf hier die romantische Seele einfach genießen, wie man das alljährlich auch mit dem geschmückten Tannenbaum tut oder den Lichterketten auf den Straßen. Und wenn man bedenkt, dass das Berlin des Jahres 1893 im Winter sicher um einiges dunkler und kälter war, versteht man das Bedürfnis nach den "tausend Kerzen" der Heiligen Nacht, die übrigens Bruchs Frau Clara in der Uraufführung mit dem Philharmonischen Chor unter Leitung des Komponisten und Herrn Gemahl musikalisch beschwor.Damit die Barock-Fans - zu Weihnachten 99 Prozent der Bevölkerung - nicht zu kurz kommen, gibt es noch Musik von Antonio Vivaldi, ein in schlichter Klarheit gesetztes "Salve Regina", und als Bindeglied zur Romantik Joseph Haydn in der zugegeben nicht ganz weihnachtlichen, aber umso schöneren Sinfonie Nr. 90 in C-Dur.Wenn dann das Gänseessen, das Geschenkeauspacken und der Gottesdienst absolviert sind, kommen wir zum gemütlichen Teil, dem Jahreswechsel. Traditionell wird er am Silvesterabend mit einer Operette begangen - mit der "Lustigen Witwe", in der es um einen bankrotten Balkanstaat geht - und einer ausgedehnten Pause, in der Sie sich zu "Jazz im Frack"-Musik leiblichen Genüssen hingeben dürfen. Eine gute Grundlage für Ihre private Fortsetzung der Nacht.Drumherum, genauer gesagt am 29. Dezember und am 1. Januar je zweimal, huldigen wir dem Wiener Walzerkönig, in diesem Jahr angereichert mit Musik aus Prag und Umgebung. Unser ernstes Thema Opernpremieren und Konzertsaison bietet auch genug Material der leichteren Muse, wenn man bedenkt, dass auch Franz Lehar, Leo Fall und Ralph Benatzky in Prag gewirkt haben sowie ein unbekannter Komponist namens Fucik - wenngleich dessen "Marsch der Gladiatoren" die Spatzen von den Dächern pfeifen. Wir erwarten Sie also in Feierlaune - oder versetzen Sie in eine solche. Garant dafür ist das Orchester der Komischen Oper Berlin unter seinem neuen, jungen Generalmusikdirektor Kirill Petrenko, der sowohl lange Winternächte in seiner sibirischen Heimat meistern gelernt hat als auch den Wiener Schmäh bei seinen Studien in der Donaumetropole.Die Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart.Musikalische Leitung: Kimbo Ishii-Eto, Inszenierung: Harry Kupfer.Am 1. , 18. , 20. & 30. Dezember.Das Märchen vom Zaren Saltan von Nikolai Rimski-Korsakow.Musikalische Leitung: Michail Jurowski, Inszenierung: Harry Kupfer.Am 7. , 15. , 23. & 25. Dezember.Die lustige Witwe von Franz Lehar.Musikalische Leitung: Michail Jurowski, Inszenierung: Andreas Homoki. Am 8. , 26. & 31. Dezember.Weihnachtskonzert des Orchesters der Komischen Oper Berlin.Dirigent: Matthias Foremny.Solisten: Caren van Oijen (Alt) und Luis Michal (Violine). Berliner Singakademie. Joseph Haydn: Sinfonie Nr. 90 C-Dur; Antonio Vivaldi: Salve Regina RV 616; Max Bruch: Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 g-Moll op. 26 sowie Gruß an die heilige Nacht für Alt-Solo, Chor, Orchester und Orgel op. 62. 22. Dezember, 19 Uhr.Neujahrskonzerte des Orchesters der Komischen Oper Berlin.Dirigent: Kirill Petrenko; Solisten: Maria Bengtsson (Sopran); Jürgen Müller (Tenor).Werke von Johann Strauß, Franz Lehar, Julius Fucík, Antonín Dvorak u. a.29. Dezember & 1. Januar, 15 & 19 Uhr.Kartentelefon: (030) 47 99 74 00 Fax: 747 99 74 90 www. komische-oper-berlin. de.Foto: MONIKA RITTERSHAUS "Die lustige Witwe".Foto: ARWID LAGENBUSCH "Das Mädchen vom Zaren Saltan" mit Anny Schlemm als Babaricha.

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