In Myanmar tritt an diesem Montag nach mehr als 50 Jahren Militärmacht das erste frei gewählte Parlament zusammen. Die bisherige Oppositionsbewegung National Democratic League (NLD) der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi wird nach jahrzehntelanger Unterdrückung mit Hunderten von neu gewählten Abgeordneten in das hohe Haus einziehen. Doch trotz ihres beeindruckenden Wahlsiegs im November mit 80 Prozent der Stimmen erwecken die frisch gebackenen Volksvertreter Myanmars, des früheren Birma, den Eindruck, als ob sie dem großen Tag auf Zehenspitzen entgegenschleichen.
„Alle fürchten, versehentlich das Boot ins Schaukeln zu bringen“, beschreibt ein Diplomat die Stimmung. Die Reformpläne der NLD werden geheim gehalten, um die Bürokraten des bisherigen Regimes nicht vorzeitig zu verschrecken. Die Vereinbarungen in Verhandlungen zwischen Myanmars Generälen und der NLD-Führerin Aung San Suu Kyi bleiben unbekannt, weil weder die Offiziere noch die Wahlsiegerin es für nötig halten, die Öffentlichkeit zu informieren.
Zu groß ist die Furcht, die Machtübergabe des bisherigen Präsidenten Thein Sein an eine neue Regierung könnte misslingen. „Wir werden alles akzeptieren, um die Militärs zu beruhigen und den Übergang stabil zu halten“, sagt der 88-jährige NLD-Veteran Tin Oo, der in den 70er-Jahren selbst einmal als Armeechef diente, „wir wissen, das wir am Ende ohnehin gewinnen werden. Aber es wäre falsch, unsere Vorstellungen gegenwärtig in den Vordergrund zu rücken.“
Mit einer Sperrminorität von 25 Prozent der Parlamentssitze können die Generäle jedes Vorhaben der demokratisch gewählten Lady, wie Aung San Suu Kyi im Volksmund heißt, kippen. Die Widerstandsikone verpasste auch ihren Mitarbeitern einen Maulkorb. „Die Politik ist gegenwärtig genau so undurchsichtig, wie während der vergangenen Jahre unter der Herrschaft der Generäle“, sagt ein Diplomat.
Nur so viel scheint sicher. Aung San Suu Kyi interessiert nur das Amt der Präsidentin, das der Witwe eines britischen Akademikers freilich verwehrt ist. Die Verfassung schließt jeden vom Amt des Staatsoberhaupts aus, der mit einem Ausländer verheiratet ist oder war. Schon vor der Wahl verkündete die Lady, sie werde dennoch aus dem Hintergrund regieren. Als Präsident von Aung San Suu Kyis Gnaden wird gegenwärtig ihr Leibarzt Tin Myo Win gehandelt. Beobachter glauben aber, dass die Lage schnell so kompliziert werden kann, dass selbst das Militär schon Ende 2016 bereit sein könnte, Suu Kyi als Präsidentin zu akzeptieren.
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