Bei Sanierungsarbeiten am Lessing-Museum in Kamenz haben Bauarbeiter eine ungewöhnliche Zeitkapsel entdeckt. In einer Wand des Gebäudes im sächsischen Landkreis Bautzen steckte eine alte Bierflasche der Marke Radeberger – und darin ein handgeschriebener Zettel. Verfasst hatten ihn DDR-Handwerker im Jahr 1976, also vor rund 50 Jahren.
Die Botschaft gibt einen seltenen Einblick in den Alltag der DDR und begeistert das Museum. Drei Männer beschreiben darin, wie sie nach Feierabend Hand anlegten, um das Haus zu verschönern. Der Fund verbindet damit Regionalgeschichte, ein Stück Baugeschichte und ein Kapitel DDR-Alltag, das heute fast vergessen ist.
DDR-Flaschenpost: Bauarbeiter schildern Sanierung
In der Radeberger-Flasche fanden die Bauarbeiter einen handgeschriebenen Zettel. Darauf schildern drei Männer ihren Einsatz am Museumsgebäude.
„Tür und Fenster mauerten in mühseliger Kleinarbeit im Schweiße ihres Angesichts zu die drei Laien im Maurerhandwerk“, heißt es auf dem Zettel. Die Handwerker nennen sich selbst ausdrücklich Laien. Genannt werden auch ihre Namen: G. Langer, A. Kretzschmer und D. Pietzsch. Die Männer erklären, die Arbeiten seien nach Feierabend erfolgt – „um dem Lessing-Museum zu schönerem Aussehen zu verhelfen“.
Das Lessing-Museum zeigte sich hocherfreut über den überraschenden Fund. Für die Einrichtung ist die Flaschenpost ein authentisches Zeitdokument. Matthias Hanke vom Lessing-Museum ordnete den Fund gegenüber dem Nachrichtenportal Tag24 ein. Er verwies auf die damals knappen Handwerkerkapazitäten in der DDR. Deshalb habe es sogenannte Feierabend-Brigaden gegeben. „Menschen mit handwerklichem Geschick haben zusätzlich solche Arbeiten übernommen“, so Hanke.
Die Botschaft stammt von einer typischen Erscheinung des DDR-Alltags. Tausende Handwerker und Arbeiter gingen nach Feierabend, an Wochenenden oder im Urlaub einer Nebentätigkeit nach. Weil die Feierabend-Brigaden bar auf die Hand und steuerfrei bezahlt wurden, bewegten sie sich in einer rechtlichen Grauzone. Sie lag zwischen staatlicher Duldung und organisierter Nachbarschaftshilfe. Ein Großteil dieser Arbeit wurde laut MDR statistisch nie exakt erfasst.
Für die Handwerker lohnte sich der Zusatzeinsatz: Das Pfuschen wurde höher entlohnt als die reguläre Arbeit, der Lohn kam bar und steuerfrei. Mit der Bildung solcher Brigaden verfolgte die SED das Ziel, den drastischen Mangel an Handwerkern auszugleichen.
Die „Feierabendbrigade“ im Überblick:
- Wer machte mit? Fast jeder mit handwerklichem Beruf – Maler, Klempner, Tischler, Elektriker, Dachdecker und viele mehr.
- Was wurde gemacht? Dächer decken, Elektroleitungen verlegen, renovieren – für Betriebe, staatliche Stellen und Privatleute.
- Warum so beliebt? Höherer Lohn, bar und steuerfrei: Mancher verdiente doppelt so viel wie im Hauptberuf.
Botschaften an künftige Generationen zu hinterlassen, ist kein Phänomen der DDR. Auch heute verbauen Handwerker bei Projekten Zeitkapseln.
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