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Berlin ist eine der Städte, in der die Bewohner stolz auf die Zugehörigkeit zu ihrem Kiez sind. Solche Städte mag ich, denn ich komme selbst aus einer ähnlichen. Im Vergleich zu Berlin ist meine Stadt beinahe unsichtbar auf der Landkarte. Sie zählt etwa 215.000 Einwohner und sie ist die Hauptstadt eines Landes, das insgesamt so viele Einwohner hat wie die Berliner Bezirke Friedrichshain-Kreuzberg und Lichtenberg zusammen. Der Name dieser Stadt ist Podgorica, und das Land heißt Montenegro.
Doch für kulturelle und subkulturelle Phänomene sind große Zahlen nicht entscheidend. Meine Stadt, auf den ersten Blick für viele nicht besonders schön, ist in Wirklichkeit ein aufregender Ort – ein raues Umfeld kontinental-mediterranen Typs, in dem man alles findet, was Städte zu bieten haben, nur eben im Maßstab ihrer eigenen Größe.
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Kultur zwischen Ruinen: Zabjelo und die Republik der Selbstermächtigung
Keine Stunde vom Meer entfernt, ist sie im Sommer höllisch heiß, im Winter regnerisch und trüb. Ich halte mich oft dort auf, weil ich mit der lokalen Kunstszene verbunden bin. Deshalb habe ich nie aufgehört, mich gleichzeitig als Bewohner Berlins und als Bewohner Podgoricas zu fühlen.
Das Viertel, in dem ich in Podgorica lebe, grenzt an das vielleicht interessanteste Viertel meiner Stadt. Dieses Viertel heißt Zabjelo. Es entstand am damaligen Stadtrand, entlang der Ränder einer einst großen und erfolgreichen Aluminiumfabrik. Für die vielen Arbeiter und ihre Familien wurde auf den Wiesen, die die Stadt damals umgaben, ein neues Viertel errichtet. Der jugoslawische Sozialismus befand sich auf seinem Höhepunkt, die Fabriken liefen, die Arbeiter lebten ihren kurzen Traum: Sie bekamen Wohnungen vom Staat, hatten anständige und stabile Gehälter, bezahlten Winter- und Sommerurlaube.
Dann verwandelte sich der Traum in einen Albtraum, Jugoslawien zerfiel, und die Transformation zum Kapitalismus machte aus den einst großen Fabriken Ruinen, die später im Rahmen klassischer Übergangsprozesse zu Spottpreisen an dubiose Geschäftsleute verkauft wurden – Prozesse, durch die viele zu ihren ersten Millionen kamen. Währenddessen lebten die ehemaligen Arbeiter und der Großteil der durchschnittlichen Bevölkerung in Angst vor dem Krieg und in Armut.
In den turbulenten und düsteren 1990er-Jahren – in Krieg führenden Staaten des ehemaligen Jugoslawien oder in solchen am Rande des bewaffneten Konflikts, wie Montenegro – entstanden neue kulturelle Strömungen sowie alternative politische und künstlerische Bewegungen. Eine davon wurde genau in Zabjelo geboren, in einem Arbeiterviertel, das sich langsam auflöste. Es war eine humorvolle Gruppe, die – im Geiste des zerfallenden Jugoslawiens – ihr Viertel kurzerhand zur „Republik“ erklärte.
Nachdem sich Slowenien von Jugoslawien getrennt hatte und Kroatien mit Waffen für dasselbe Ziel kämpfte, schlug eine kleine Gruppe junger Männer und Frauen aus Zabjelo ihren Mitbürgern vor, auch ihr Viertel von Jugoslawien abzuspalten – indem es sich vom Hauptstadtdistrikt, in dem es „eingesperrt“ war, löst und zur „Republik Zabjelo“ wird. Dieses Projekt sorgte für viel Gelächter, aber auch für zahlreiche interessante lokale Aktionen, bei denen die Bewohner von Zabjelo tatsächlich lernten, sich selbst zu organisieren, ihr Viertel zu schützen und wertzuschätzen. „Zabjelo Republika“ ist bis heute ein aktives Projekt der Selbstorganisation, und der lokalpatriotische Stolz auf das eigene Viertel ist gerade in diesem Teil der Stadt am stärksten ausgeprägt.
Eine derart ausführliche Einleitung über ein kleines Stadtviertel, das die Leser dieses Textes vermutlich nie zu Gesicht bekommen werden, soll den Weg bereiten für ein nicht gerade schönes Bild.
Die Flagge der Republik Zabjelo
© Privat
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In meiner Stadt hatte ich im vergangenen Monat das Vergnügen, einen Spielfilm zu drehen, der von jungen Menschen, ihrem Leben, ihren Problemen und Beziehungen in dem Umfeld erzählt, in dem sie leben. Einige Szenen unseres Films haben wir genau in Zabjelo gedreht. Kurz nachdem wir dort fertig waren, begann in denselben Straßen auch ein interessantes Filmfestival – das „Džada Fest“ (frei übersetzt: Straßenfest). Das Konzept des Festivals ist, zeitgenössische Filme aus ganz Europa und der Welt auf den Straßen der Stadt zu zeigen, kostenlos und offen für alle Bürger.
Für das Publikum in Zabjelo wählten die Kuratoren den Film „Roda“ („Storch“) des albanischen Regisseurs Isa Qosja aus. Es handelt sich um eine montenegrinisch-albanische Koproduktion aus dem Jahr 2024. Qosja gehört zur älteren Generation von Regisseuren, er wurde 1949 geboren und studierte in Jugoslawien an der Belgrader Akademie der Dramatischen Künste. Sein Stil ist hauptsächlich mit der Tradition des europäischen Arthouse-Films verbunden. Einige seiner Filme wurden im Laufe seiner Karriere auf bedeutenden internationalen Festivals gezeigt.
Der Regisseur des Films „Roda“ wurde in Montenegro geboren und gehört zur albanischen Minderheit im Norden des Landes, wo auch die Handlung des Films spielt. Und der Film ist natürlich in albanischer Sprache. Albanisch ist eine der Amtssprachen in Montenegro, zusammen mit Montenegrinisch, Serbisch, Bosnisch und Kroatisch. Laut der Volkszählung von 2023 machen Albaner 4,97 Prozent der Bevölkerung Montenegros aus.
Für eine kleine Gruppe nationalistischer Krawallmacher in Zabjelo war die albanische Sprache im Film jedoch Auslöser für eine aggressive Reaktion. Ohne sich mit dem Inhalt des Films auseinanderzusetzen, alles ignorierend außer ihrem faschistischen Drang, anderen vorzuschreiben, wer sprechen darf und wer nicht, unterbrach eine bisher nicht identifizierte Gruppe die öffentliche Filmvorführung. Die Polizei reagierte – jedoch nicht, indem sie die Störer entfernte und damit den freien Bürgern ermöglichte, den Film zu Ende zu schauen. Stattdessen versuchte sie, „neutral“ zu bleiben, was letztlich dazu führte, dass die Organisatoren beschlossen, die Vorführung aus Sicherheitsgründen abzubrechen.
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Der gleiche Film wurde am letzten Tag des Festivals in der Kinothek gezeigt – in einem geschlossenen Raum –, was praktisch und symbolisch als Eingeständnis einer Niederlage zu werten ist. Mit dem Verzicht auf die Vorführung haben die rechtsradikalen Störer gesiegt. Eine kleine, nicht identifizierte Gruppe – die, wie ich hoffe, von der Staatsanwaltschaft zur Rechenschaft gezogen wird – hat es geschafft, einer viel größeren Gemeinschaft, ja einem ganzen Viertel, vorzuschreiben, welchen Film sie an diesem Abend sehen dürfen. Die Botschaft war unmissverständlich: Die albanische Sprache ist hier nicht willkommen. In einem größeren Kontext betrachtet, sind für dieselben Menschen wohl auch Albaner selbst nicht willkommen – jene, mit denen sie ihre Stadt, ihr Land und dessen Gesetze teilen. Gesetze, die offenbar ohne Konsequenzen gebrochen werden können.
Um meine eigenen Zweifel zu überprüfen, habe ich den Film „Roda“ angesehen. Es ist die Geschichte eines kleinen Dorfes im Norden Montenegros, aus dem Albaner seit Jahrzehnten nach Amerika zur Arbeit auswandern. Die Geschichte folgt einer Frau, deren Ehemann zu Beginn des Films Selbstmord begeht. Und einem Mann, der das Dorf mit einer „neuen Frau“ bereichert hat – seiner Ehefrau, die er im benachbarten Albanien gekauft hat (ein Verfahren, das in dieser Region nicht unbekannt ist). Es ist also eine Geschichte über dunkle und schwere Traditionen einer versteinerten Gesellschaft, über das Verhältnis zu Frauen, über Emigration und menschliches Leid, mit Elementen von Humor und Liebe.
Das Kombinat aluminijuma Podgorica
© Privat
Der erwähnte Film enthält nicht einmal im Ansatz politische Themen, keinen albanischen Nationalismus, nichts, was den Gegenpol – den serbischen Nationalismus – provozieren könnte. Die kleine Gruppe, die die Vorführung unterbrochen hat, tat dies nicht nur, um zu zeigen, dass politische Themen einer verfassungsmäßig geschützten Minderheit kein Recht haben, gehört zu werden, sondern auch, dass selbst gewöhnliche, alltägliche menschliche Themen kein Recht haben, gehört zu werden – solange sie in der Sprache dieser Minderheit ausgesprochen werden.
Die Nachricht über die Unterbrechung der „Roda“-Vorführung hat mich auf sehr persönlicher Ebene erschüttert. Als jemand, der seine Stadt liebt und darin Kunst schafft, fühlte ich mich verraten, beschämt und enttäuscht. Kurz gesagt – ich schämte mich. Ich schämte mich für die rechtsextremen Unruhestifter, die glauben, entscheiden zu dürfen, welche Filme wir sehen dürfen. Aber ich schämte mich auch für die Bewohner des Viertels, die sich nicht von den Unruhestiftern distanzierten und das Recht des freien Bürgers nicht verteidigten, ein kulturelles Angebot zu genießen. Ich schämte mich auch für die Polizei, die jämmerlich reagierte und zuließ, dass die Vorführung abgebrochen wurde. Und ich schäme mich – natürlich – auch für den Staat, der noch immer nur zögerlich und halbherzig auf diesen Vorfall reagiert.
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Ich weiß nicht genau, warum es mir so wichtig ist, diesen kleinen – und gleichzeitig großen – Vorfall mit Leserinnen und Lesern zu teilen, die das Schicksal vielleicht niemals in das kleine, schöne und komplizierte Land namens Montenegro führen wird. Dennoch glaube ich, dass jeder solche Fall erzählt werden muss. Denn selbst der kleinste Funke des Faschismus, der Menschen, Ethnien oder Sprachen mit Gewalt und jenseits gesetzlicher Rahmen ausschließen will, muss beschrieben und benannt werden.
Und für diejenigen, die vielleicht doch einmal den Weg in die Hauptstadt Montenegros führt: Wenn ihr vom Flughafen in Richtung Stadtzentrum fahrt, werdet ihr auf der linken Seite einen riesigen, rostigen Koloss sehen. Das ist die halb verfallene Aluminiumfabrik.
Gleich danach fahrt ihr am Rand jenes Viertels vorbei, über das dieser Text handelt. Ihr werdet viele Gebäude sehen, in denen Menschen leben, die einst ehrlich und anständig von ihrer Arbeit lebten. Diese Menschen haben den Zerfall ihres Landes überlebt, die räuberische kapitalistische Übergangszeit, den Aufstieg des Nationalismus und den zunehmenden Einfluss der orthodoxen Kirche. Die Kinder und Enkel dieser Menschen gehen heute durch die Straßen dieses Viertels und dieser Stadt – und einige von ihnen maßen sich an zu entscheiden, welche Sprache auf „ihren“ Straßen willkommen ist – und welche nicht.
Ich glaube jedoch, dass solche aggressiven Nationalisten immer noch eine Minderheit sind und dass man ihnen mit bürgerschaftlichem Mut und gesellschaftlichem Bewusstsein entgegentreten muss. Wenn auch dieser Widerstand verschwindet, verschwindet die Stadt, in der sich alle – Einheimische und Gäste, Mehrheit und Minderheit – willkommen fühlen sollten.
Ilja Djurovic wurde 1990 in Podgorica, Montenegro, geboren. Djurovic schreibt Prosa, Lyrik, Theaterstücke und Filmdrehbücher. Sein erster Prosaband, „Wie schön sie es treiben in den großen Liebesromanen“ erschien 2014 bei Yellow Turtle Press, einem jungen montenegrinischen Verlag, den er leitet. Es folgten „Schwarze Fische“ (2016) und der Poesieband „Kante“ (2018), der auf einem Festival in Belgrad ausgezeichnet wurde. 2019 war er Mitgewinner des montenegrinischen Theaterpreises für das beste zeitgenössische Drama, „Die Schlafenden“. Sein erster Roman, „Sampas“, kam auf die Shortlist für den NIN Award (serbischer Literaturpreis) für den besten Roman des Jahres 2021.
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