Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, müssen die vergangenen Wochen wie ein Albtraum vorgekommen sein. Ein Foto eines kleinen blonden Mädchens mit weißer Haut in einem griechischen Roma-Lager reichte, um jahrhundertealte und längst überwunden geglaubte Vorurteile wie „Roma klauen Kinder“ wiederzubeleben. Auch wenn sich wenige Tage später herausstellte, dass das blonde Mädchen Maria von seiner bulgarischen Roma-Mutter der griechischen Familie überlassen worden war – die Feindbilder waren reaktiviert, nicht nur in Deutschland.
In Irland nahm die Polizei blonde Kinder aus Roma-Familien heraus. DNA-Test erwiesen jedoch, dass die Beamten die leiblichen Kinder von ihren Eltern getrennt hatten. In Serbien attackierten Skinheads eine Roma-Familie, deren Kind ebenfalls blond ist.
Nur zu bereitwillig hätten Medien die Polizeiaktion in Griechenland mit allen Formen von Kriminalität in Verbindung gebracht, beklagte sich Romani Rose am Dienstag in Berlin. Dieses Bild eines angeblich verstörten, von Roma verschleppten Kindes, das offenkundig nicht den Tatsachen entsprochen habe, „wurde in Deutschland und ebenso weltweit pauschal auf die gesamte Minderheit projiziert“, so Rose. Die gesamte Roma-Minderheit sei so pauschal stigmatisiert und kriminalisiert worden.
Schlagzeilen wie „Blondes Kind aus den Händen einer Roma-Familie befreit“ blieben nicht ohne Wirkung. Viele Sinti berichteten als Folge über ihr Gefühl von Scham und Entwürdigung im Umgang mit Nachbarn und Kollegen, sagte der Zentralratsvorsitzende. Kinder von Sinti und Roma würden in der Schule gefragt, ob sie gestohlen worden seien oder selber Kinder stehlen. Integrierte Roma würden so gezwungen, ihre Identität zu verbergen. „Eine ganze Minderheit wird an den Pranger gestellt“, so Rose.
Ächten wie Antisemitismus
Dabei ist es um die Akzeptanz von Sinti und Roma ohnehin schon schlecht bestellt. 64 Prozent der Deutschen lehnen nach Angaben des Zentralratsvorsitzenden Sinti und Roma als Nachbarn ab, ohne zu wissen, dass sie bereits Kollegen oder Nachbarn haben, die zu der Minderheit gehören. Überfremdungsängste und die Angst um den eigenen Besitz ließen die Vorurteile neu erblühen, erläuterte der Historiker und frühere langjährige Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung, Wolfgang Benz.
Während die Deutschen aus dem Schicksal der Juden gelernt hätten, sei „die historische Lehre des Völkermords an Sinti und Roma offensichtlich noch nicht überall durchgedrungen“. Rassismus gegenüber Sinti und Roma müssten aber genauso geächtet werden wie Antisemitismus, forderte auch Rose. Bislang schweige die Politik allerdings dazu. Auch die Kirchen hielten sich leider viel zu sehr zurück, beklagten Rose und Benz. Dabei wäre es doch gerade an den Kirchen, gegen solche Feindbilder vorzugehen, sagte der Historiker.
Immerhin, die Bundeskanzlerin will nach den Koalitionsverhandlungen das Gespräch mit dem Zentralrat suchen.
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