Das fliegende Auge

Als ein Fernsehstar in den Westen ging und O-Töne mitnahm

Manfred Krugs „Abgehauen“ läuft in der Filmreihe „Der Anfang vom Ende der DDR“. Und selten gezeigte Höhepunkte der Fernsehgeschichte flankieren die Biermann-Ausstellung im DHM.

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Der deutsche Sänger, Schauspieler und Schriftsteller Manfred Krug im Frühling 1978 in einem Park in Hamburg, ein halbes Jahr nach seiner Ausreise in den Westen.

Der deutsche Sänger, Schauspieler und Schriftsteller Manfred Krug im Frühling 1978 in einem Park in Hamburg, ein halbes Jahr nach seiner Ausreise in den Westen.

© Imago

Am 20. November 1976 lud Manfred Krug wieder einmal Gäste in sein Haus in Pankow ein. Jedoch stand keine gesellige Runde, erst recht keine rauschende Party an. Es gab Selterswasser, Kaffee und Brot mit Schmalz. Bei den Krugs waren diesmal nicht nur Künstlerkollegen und Freunde zu Besuch, sondern auch drei hochrangige Partei- beziehungsweise Regierungsvertreter, darunter der als Hoffnungsträger und möglicher Honecker-Nachfolger gehandelte Werner Lamberz. Vier Tage vorher war Wolf Biermann aus der DDR ausgebürgert worden. Gleich am Tag darauf hatten zwölf Schriftsteller ein Schreiben an die SED-Regierung geschickt, in dem sie eine Rücknahme dieser Entscheidung einforderten. 29 weitere Unterzeichner schlossen sich unmittelbar an. Nach der Veröffentlichung in westlichen Medien gingen überall in der DDR weitere Unterschriftenlisten von Hand zu Hand. Dergleichen hatte es in dem kleinen Lande nie gegeben. Der Staat signalisierte Gesprächsbereitschaft. Krug bot sein Haus in Pankow für einen letzten Vermittlungsversuch an. Was niemand außer dem Gastgeber wusste: Während des Treffens lief sein Tonbandgerät mit, das die Gespräche aufzeichnete.

Im Juni 1977 reiste Krug in den Westen aus, das brisante Band im Gepäck. 1996 veröffentlichte er unter dem Titel „Abgehauen“ den Mitschnitt in Buchform, ergänzt von Tagebuchaufzeichnungen und MfS-Akten. 1998 folgte die gleichnamige Verfilmung durch Frank Beyer. Der Film stellt einen Höhepunkt der deutschen Fernsehgeschichte dar. In seiner Mischung aus Spielszenen, O-Tönen und direkt in die Kamera gesprochenen Kommentaren Krugs entstand ein komplexer Rückblick auf ein verschwundenes Land und seine Menschen.

Die selten gezeigte Fernsehproduktion ist im Rahmen der Reihe „Ein Anfang vom Ende der DDR“ im Zeughaus zu sehen, parallel zur aktuellen Biermann-Ausstellung. Daneben laufen elf weitere Filme, entstanden sowohl in Ost- wie Westdeutschland. Genau darin liegt auch der Reiz des Programms: Es verweist auf Kontinuitäten wie auf Brüche in Werkbiografien und Lebensentwürfen. Viele der Unterzeichner gerieten anschließend selbst in gefährliche Fahrwasser, bekamen Berufsverbot und stellten Ausreiseanträge. Weniger Prominente in der Provinz (wie Gabriele Stötzer in Erfurt) landeten gar im Knast.

Die kleine Retro gibt auch die Chance, diese unterschiedlichen Abstufungen zu rekapitulieren. Frank Beyers 1978 entstandene, zu nachtschlafender Zeit ausgestrahlte TV-Produktion „Geschlossene Gesellschaft“ inszenierte eine partnerschaftliche Krise als mutige Allegorie auf gesamtgesellschaftliche Erstarrung. Er blieb danach dennoch im Osten wohnen, durfte aber im Westen mit Reisepass arbeiten, wie andere Kollegen auch. Manfred Krug und Armin Mueller-Stahl hingegen, die beiden beliebtesten DDR-Schauspieler, verließen ihre Heimat ohne Rückfahrkarte.

„Ein Anfang vom Ende der DDR – Die Biermann-Petitionisten der Defa und ihre Filme in Ost- und Westdeutschland“ läuft vom 23. Sept. bis 12. Nov. im Zeughauskino. „Abgehauen“ wird am 11. und 12. November jeweils um 19 Uhr gezeigt.

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