Zielfahnder

Den Ausbrechern auf der Spur

Lutz Schnedelbach und Alexander Schmalz
3 Min
Zielfahnder arbeiten im Verborgenen.

Zielfahnder arbeiten im Verborgenen.

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Diese Zivilpolizisten arbeiten ausschließlich im Auftrag der Staatsanwaltschaft. Sie werten Telefondaten aus, hören ab und arbeiten rund um die Uhr als verdeckte Ermittler – wenn es sein muss, auch im Ausland: Zielfahnder.

Nach der jüngsten Serie von Knast-Ausbrüchen ist Berlins Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) unter Druck geraten. Seine größte Hoffnung beruhte zwischenzeitlich auf den speziell ausgebildeten Verbrecherjägern. Einen Teil der Ausbrecher konnten die eingesetzten Zielfahnder aufspüren. Drei sind immer noch auf der Flucht.

Eine Überwachungskamera zeichnete die Flucht der vier Häftlinge aus der JVA Plötzensee auf.

Eine Überwachungskamera zeichnete die Flucht der vier Häftlinge aus der JVA Plötzensee auf.

© Justiz/dpa

Sehr groß ist Berlins Zielfahnder-Trupp nicht. Rund 30 dieser Spezialisten befassen sich im Landeskriminalamt mit Intensivfahndungen. Ihr Tun wird durch die Strafprozessordnung bestimmt. Die ersten Zielfahndungsteams wurden in Deutschland in den Siebzigerjahren gebildet.

Die Idee dieser Taktik stammt aus den USA. Berlin verzichtete damals auf diese Teams, da die Mauer viele Schwerverbrecher abschreckte, in die Stadt zu kommen. Erst 1995 wurde in der Hauptstadt eine Zielfahndungseinheit gegründet.

Umfassendes Persönlichkeitsbild als Voraussetzung

Wie auch jetzt bei den aktuellen Ausbrechern sammeln Zielfahnder oft tagelang Informationen über ihre Zielperson. „Am Ende wissen wir, was unser Klientel isst und trinkt, welche Kneipen er besucht, welche Verwandte er hat, ob er krank ist und wo er behandelt wird“, sagt einer der Jäger. „Ein Mann, der stark sozial vernetzt ist, wird schneller gefasst, als ein zurückgezogener Einzelgänger.“ Ein umfassendes Persönlichkeitsbild des Täters sei die Voraussetzung für Erfolg.  

Inzwischen sind sechs der Ausbrecher wieder im Gefängnis, weil sie sich gestellt hatten oder aufgegriffen wurden. Flüchtig ist noch der Ausbrecher Lai Y. sowie zwei der „Ersatzstrafler“, die vom Freigang nicht zurückkehrten.

Insbesondere die Fahndung nach dem 30-jährigen Lai Y. gestalte sich schwierig, heißt es aus Ermittlerkreisen. Der Mann, dessen Staatsangehörigkeit ungeklärt ist, war am Morgen des 28. Dezembers mit drei Mithäftlingen aus dem geschlossenen Vollzug geflohen. Da so gut wie keine Informationen aus seiner Vergangenheit und seinem sozialen Umfeld vorliegen, hätten die Fahnder Probleme ihm auf die Spur zu kommen.

Einer zieht die anderen mit

Ermittler vermuten, dass der 30-Jährige, der seit Februar 2017 wegen Wohnungseinbruchs saß, die treibende Kraft für den Ausbruch war. Für den Gerichtspsychiater Dr. Werner Platz ist es ein typisches Phänomen bei gemeinschaftlichen Ausbrüchen, dass ein Häftling andere zur Tat anstiftet. „Dass da eine Gruppendynamik entsteht, ist nicht selten. Sie lernen sich kennen. Irgendwann vertrauen sie einander. Wenn dann einer eine Idee hat, können die anderen mitgezogen werden“, erklärt der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie.

Zielfahnder hören auch Telefonate ab, wenn ein Richter es zulässt.  

Zielfahnder hören auch Telefonate ab, wenn ein Richter es zulässt.  

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Neben Suchtproblemen seien laut Dr. Platz insbesondere Kurzschlussreaktionen Auslöser für Ausbrüche. So kommt es häufig vor, dass Knastinsassen nur wenige Tage vor ihrem Haftende ausbrechen – so auch zuletzt aus der JVA Plötzensee. Walit R. (43) beispielsweise war am 30. Dezember 2017 nicht in den offenen Vollzug zurückgekehrt, obwohl er nur noch zwei Tage hätte sitzen müssen. Wenige Tage später stellte er sich der Polizei.

Flucht als Ausweich-Reaktion

Auch Domenique Angelo B. entschloss sich offenbar spontan zur Flucht. Der 21-Jährige hatte noch einen Monat Haft vor sich. In der Neujahrsnacht riss er nach 89 Tagen mit einem Mithäftling ein Gitter aus einem Fenster und entkam. Zielfahnder nahmen ihn am Mittwoch fest.

„Dass Häftlinge gerade vor der Entlassung fliehen, ist nicht ungewöhnlich“, sagt Platz. Diese Ausbrecher handeln oft unüberlegt, da sie sich mit einer neuen Situation konfrontiert sehen. „Ihnen wird bewusst, dass sie nach der Entlassung wieder auf sich gestellt sind. Während der Haft sind sie tagesstrukturiert eingebunden und fühlen sich sozial aufgefangen.“ Eine Flucht wäre laut dem Gerichtspsychiater eine „Ausweich-Reaktion“.

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