Am Mittwoch wurde die für Berlin sehr ungewöhnliche Szenerie auch noch durch Posaunenmusik und Mädchen in Trachtenkleidern bereichert. Denn es wurde gefeiert: 20 Jahre Städtepartnerschaft Berlin–Prag, Umbaumaßnahmen des Bezirks – und dass eine Flüchtlingsgeschichte so gut ausgegangen ist.
Denn es waren Flüchtlinge, die sich 1737 auf Einladung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. niederließen, wo nun die Kirchgasse und die Richardstraße verlaufen. Es waren Protestanten, die von den katholischen Herrschern in ihrer Heimat verfolgt wurden. „Hier haben Böhmen Spuren hinterlassen“, sagte die Prager Oberbürgermeisterin Adriana Krnácová, die zur Feier gekommen war. „Die Menschen mussten weggehen, Berlin hat sie aufgenommen. Dafür danken wir.“
Auch heute noch leben Nachfahren der Glaubensflüchtlinge in dem Dorf inmitten von Neukölln. „In elfter Generation“, sagt Katja Motel. Ihr Haus aus dem Jahr 1849 ist das gelbe Gebäude mit den Weinranken gegenüber von dem großen Garten, der nach dem Theologen und Pädagogen Johann Amos Comenius benannt ist. Dessen Bücher hatten die Böhmen ins Exil mitgenommen – und damit hier bekanntgemacht.
Ein bedrohtes Idyll
Die Motels wohnen gern hier. „Das Dorf ist ein Kleinod“, sagt Katja Motel. „Ein Dorf mitten in einer Millionenstadt. Wo gibt es so etwas schon?“ Ihre Töchter Philina (9), Louise (8) und Emma (6) tragen an diesem Tag Kleider und Hauben. „Alte Herrnhuter Tracht“, erklärt die Mutter. Herrnhut in der Oberlausitz ist ein weiterer Ort, in dem sich die Flüchtlinge einst ansiedeln durften.
Das Böhmische Dorf ist ein Kleinod, in der Tat. Niedrige Häuser, Gärten hinter alten Mauern, eine Schmiede und das Fuhrunternehmen Gustav Schöne, in dessen Ställen Jette, Gustav, Paule und Rieke stehen. Doch auch dieses Idyll war in Gefahr. „In den 1970er-Jahren war das Dorf bedroht“, sagt Henning Vierck, der damals hierher zog und heute Geschäftsführer des Comenius-Gartens ist. Alte Häuser sollten weg, mitten ins Dorf wollte der Bezirk ein Schulzentrum klotzen. Bürger protestierten, 1984 gründeten sie den Förderkreis Böhmisches Dorf. Heute stehen die alten Häuser unter Denkmalschutz, und eine Fläche an der Richardstraße ist zum Comenius-Garten gestaltet worden.
7000 Quadratmeter groß, mit Bereichen, die „Wiesenmeer“ und „Weltenmeer“ heißen, „Arzneigärtlein“ und „Seelenparadies“. Der Garten mitten in Neukölln wirkt fragil, verletzlich, es gibt Gemüsebeete, einen Irrgarten, Holzzäune. Kein Stahl, kein Beton, nichts von dem, mit dem öffentliche Anlagen vandalismussicher gestaltet werden. „Vor zwölf Jahren hatten wir mal einen Fall von Scratching“, erinnert sich ein Anwohner. Allerdings kam der Täter aus Steglitz. Sonst blieb der Garten von Verstörungen verschont.
Simone Rieger, die hier für das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte forschte und heute noch regelmäßig aus Charlottenburg anreist, findet das bemerkenswert. „Alle Altersgruppen nutzen ihn, sie akzeptieren sich und organisieren sich selbst“, erklärt sie.
„Alles muss kaputt sein“
Aber auch Böhmisch-Rixdorf verändert sich. Mieten und Immobilienpreise steigen. „In der Grundschule beträgt der Migrantenanteil noch 95 Prozent. Aber immer mehr Menschen aus bildungsnahen Schichten ziehen hierher“, sagt Vierck. In der Nachbarschaft findet man noch eine Schuhmacher-Werkstatt, in der Schuhe für fünf Euro verkauft werden, und die Kneipe „Zum Magendoktor“, in der ein halber Liter Kindl 2,50 Euro kostet.
Doch inzwischen gibt es auch die Modedesigner Rix und Roxi, die Bar Rotbart und den Buchladen „Die guten Seiten“. Kritiker sprühen Graffiti: „Alles muss kaputt sein“, „Hipster-Dreck“. So idyllisch dieser Teil Neuköllns wirkt: Die Auseinandersetzungen, die Berlin zunehmend bestimmen, gibt es auch in Böhmisch-Rixdorf.
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